Story

Koh Phangan: Im Rhythmus der thailändischen Insel

Ein Drache aus Kokosnüssen, eine Tasse kobaltblauen Tees, ein Gongschlag im Dschungel, ein Himmelbett über dem Meer: Jenseits von Full-Moon-Partys und transformativen Yoga-Retreats hat Koh Phangan eine ganz eigene Magie zu bieten. Wie man sie findet? Im Rhythmus der Insel.
Auch für viele Elefanten ist die Insel Kho Phangan ein Paradies. © Getty Images

Aus dem Bett, die Luft wie ein Seidenkleid auf der Haut und mit Vogelstimmen im Ohr, tappe ich hinaus durch die offene Verandatür unter die Kokospalmen, zwischen denen unser kleiner Thai-Bungalow auf Stelzenbeinen steht. Der Himmel schimmert blau durch die Palmwedel, vom Dschungel tönt die tropische Geschäftigkeit der Natur herüber. Drachenfrucht, Mango und Kokosnuss zum Frühstück, dann ab ins warme, seichte Meer, in dem man so wunderbar dümpeln und die ganze Welt vergessen kann: Diese Insel ist wie ein einzigartiges Bilderbuch.

Wo die Natur Party macht

Nachmittags fahren wir zum Markt, um Fisch und büschelweise Thai-Basilikum, frischen grünen Pfeffer und knackiges Gemüse zu kaufen. Die Marktstraße der Inselhauptstadt Thong Sala ist quirlig, fast nur Einheimische kaufen hier ein. Der Gemüsehändler mit dem gelben Schild über dem Eingang und den fein säuberlich aufgehäuften Koriander- und Chili-Bergen ist der beste. Schöne Riesengarnelen und Seebarsche gibt es bei dem jungen Fischverkäufer drei Stände weiter. Das Abendessen ist gesichert, der Sonnenuntergang lässt Himmel und Meer im lila Licht verschmelzen und die Klänge einer Reggae-Band über den Strand wehen. Später am Abend geben die Geckos ihre schaurigen Rufe von sich und frische kühle Luft sickert aus dem Wald ins Schlafzimmer.

In den ersten Nächten hier kann ich kaum schlafen, weil die Natur draußen rund um die Uhr Party zu machen scheint. Aber dann, Tag für Tag, komme ich an. Die Sinne weiten sich, die Hitze dringt in den Körper und weicht ihn auf. Man beginnt, sich treiben zu lassen von einer Stunde zur nächsten, von einem Tag zum nächsten. Ein herrlich entschleunigter Rhythmus stellt sich ein, pure Erholung. Und wenn sich zwischendurch doch der Hunger nach etwas mehr regt, braucht man nur zuzugreifen, denn die Insel hat einen ganzen Korb voller Abenteuer zu bieten.

Ab in den Dschungel

Was Koh Phangan – rund zehn Kilometer nördlich der bekannteren „Schwesterinsel“ Koh Samui im Golf von Thailand – besonders macht, ist der ausgedehnte Urwald. Der Nationalpark Than Sadet bedeckt fast 70 Prozent der Insel und umfasst völlig unberührten Dschungel, Küsten, Flüsse und Wasserfälle. Riesige Tropenbäume zieren die Silhou­etten der Berge, Lianen, Farne, Flechten und Orchideen überwuchern jeden Ast und Stamm.

Wer sich mit etwas Zeit im ­Gepäck mitten hinein ins grüne Paradies wagt, den erwartet ein Naturerlebnis sondergleichen. Der Khao-Ra-Wasserfall ergießt sich am Rande des Nationalparks in vielen kleineren und größeren Fällen. Unzählige Pools, Stromschnellen und Kaskaden reihen sich an der Flanke des Berges Khao Ra aneinander. Rund 600 Meter über dem Meeresspiegel liegt dessen Gipfel, und das Regenwasser, das sich im Einzugsgebiet des Flusses sammelt, ist Trinkwasserquelle für die ganze Insel. Wir klettern im Flusslauf große runde Felsblöcke hinauf, hangeln uns mithilfe von Lianen vorwärts und waten durch das erfrischend kühle Wasser. Schnell ist ein lauschiges Plätzchen gefunden, eine Hängematte zwischen zwei Bäume gespannt. Das glatte, von der Sonne aufgeheizte Gestein fühlt sich angenehm an unter den Fußsohlen. Handgroße Schmetterlinge schaukeln zwischen den Bäumen umher, hier und da flattert ein Vogel aufgeregt durchs Gehölz.

Ein paar Stunden lang tun wir nichts als baden, in der Sonne liegen, Baumkronen ­betrachten und in der Hängematte schaukeln. Der Nachmittag wird süß und zähflüssig wie ­karamellisierte Kokosmilch. Der Dschungel ist ein echtes Paradies – bis die Zikaden ihre Choräle anstimmen. Ihr Zirpen kann so ohrenbetäubend wie das Störgeräusch eines Mikrofons sein.

Bett mit Meerpanorama

Ein einfaches Mittel gegen diese akustischen Plagegeister: ans Meer fahren. Und zwar am besten an die Ostküste der Insel, denn dort ist der Golf von Thailand oft wilder und das Wasser tiefer als auf der dem Festland zugewandten Seite. So liefern die Wellen ihre wunderbare Geräuschkulisse, über die zur Erholung bekanntlich gar nichts geht. Am Strand von Than Sadet gibt es, abgesehen von einer Handvoll Bungalows auf den Klippen, auch nichts, was diese Erholung stören könnte. Fürs leibliche Wohl sorgen Kokosnussverkäufer und die beiden Restaurants der Bungalowbetreiber, die mit einer mehr als spektakulären Aussicht aufwarten.

Sobald es Abend wird, fahren die Tagestouristen ab und der Strand bleibt den Bungalowbewohnern vorbehalten. Eine Nacht hier zu verbringen, wenn das Meer rau ist und der Vollmond sein fahles Licht auf die Wellenkämme wirft, ist ein unvergessliches Erlebnis. Durch die Wände der einfachen Holzhütten dringt ungehindert das Rauschen der Wellen, und wer besonderes Glück mit seinem Bungalow hat, öffnet die Fensterläden hinter dem Himmelbett ­direkt auf ein unverstelltes 180-Grad-Panorama von Meer, Strand und Klippen. Höchstens eine malerisch vor dem Fenster herunterbaumelnde Liane könnte diesen Ausblick stören.

Leckerlis für Elefanten

„Chang“ ist das einzige Thai-Wort, das mir im Gedächtnis bleiben wird – dank der drei Elefantendamen des Phangan Elephant Sanctuary. Bevor wir auf Tuchfühlung mit den grauen Riesinnen gehen, dürfen wir uns bei der Morgenführung Bestechungsmaterial basteln. Die Zutaten für Elefanten­leckerli stehen schon bereit: Reis, Bananen und gehacktes Elefantengras kneten wir zu handlichen Bällchen. „Grandmother Elephant“ Jaidi, die schon stolze 70 Jahre auf dem Buckel hat, beäugt unsere Kochkünste aus nächster Nähe. Der Spaziergang durch den Dschungel, den wir nach der ersten mit Reisbällchen unterstützten Kontaktaufnahme mit ihr ­unternehmen dürfen, läuft ganz nach den Wünschen der Elefantenkuh ab. Mal geht sie vor uns, mal hinter der Gruppe her, mal schlendert sie an uns vorbei und setzt ganz vorsichtig ihre großen Füße nur Zentimeter von unseren entfernt auf den Waldboden.

„Elefanten zu reiten ist in Thailand nicht verboten. Aber viele Reitelefanten werden leider falsch behandelt, manche werden aggressiv, viele sind in einem schlechten Gesundheitszustand“, erklärt unser Guide. Hier im Sanctuary werden die Elefanten weder angebunden noch geritten oder gegen ihren Willen gebadet. Stattdessen gibt es ein Waldstück und Wasserstellen zum Flanieren und zur Körperpflege. Die Begeisterung für die grauen Riesen ist schnell geweckt: Von der gemütlichen Lounge, wo am Ende der Führung sogar noch frische Früchte und Getränke mit Elefantenblick gereicht werden, kann ich mich kaum losreißen.

Kirtag auf Thai-Art

Tempel gibt es auf Koh Phangan viele, für jeden Geschmack ist der richtige dabei. Da ist der versteckte Wat Khao Tham von einsiedlerischen „Waldmönchen“, oder der große Wat Ruese Pa Saeng Tham mit seinem goldenen Buddha-Felsen. Der zentrale Wat Sala Thong liegt zwar nicht so idyllisch wie die ersten beiden, aber bei seinen großen Tempelfesten kann man sich ganz leicht unter die Feiernden mischen.

Dabei verwandelt sich das Parkgelände des städtischen Tempels für einige Tage in einen quirligen Jahrmarkt inklusive Fahrgeschäften und Marktständen. Kaum eine bessere Gelegenheit, allerlei ungewöhnliche Speisen zu probieren – eine ganze Palette frittierter Insekten ist da nur der Anfang. Nicht entgehen lassen darf man sich das kulinarische Highlight des Fests: An langen Tischen sitzt man zusammen, in deren Mitte Schüsseln mit Salat, Bohnensprossen, Gemüse und frischen Kräutern zur freien Entnahme bereitstehen, dazu Saucen und Ge­trän­ke. In riesigen Töpfen köcheln die Suppen, die Atmosphäre ist erfüllt von duftendem Dampf und vom Festtrubel.

Vom Tag bis in die Nacht hinein wird gefeiert und gegessen, während vor der Gebetshalle die buddhistischen Rituale stattfinden. Kerzen werden entzündet, Opfergaben gebracht, die Mönche in oranger Tracht behalten gelassen den Überblick. Wer Lust hat, kann auch „seinen“ Buddha – derjenige, der zum Wochentag des eigenen Geburtstags gehört – in einer Reihe von acht Figuren finden und ihm eine Münze opfern.

Der grösste Reisegenuss

Weil der dazugehörige Tempel unscheinbar ist, übersieht man auch den zauberhaften Chedi Wat Nai schnell. Die historische Pagode aus dem 19. Jahrhundert steht unter zwei riesigen Bodhi-Bäumen, ihre steinerne Oberfläche ist mit faszinierenden Reliefs, Figuren und Porzellanverzierungen versehen. Touristenmagnet scheint der Chedi jedenfalls keiner zu sein, genauso wenig wie ein ganz anderes Heiligtum, das unweit davon an einer Straßenkreuzung steht: der 400 Jahre alte Yang Na Yai, der größte Baum seiner Art in ganz Thailand.

Mit 53 Metern Höhe und mehr als 14 Metern Umfang ist dieser „Resin Tree“ (Dipterocarpus alatus) mehr als beeindruckend. Bei meinem abendlichen Besuch bin ich mit ihm alleine. Vor einem kleinen Imbiss gegenüber sitzt ein alter Mann auf einem Bänkchen und wacht über die Kreuzung. Einmal bleibt ein Pick-up stehen, drei Männer steigen mit den Handys in der Hand für ein paar Sekunden aus, dann sind sie schon wieder losgefahren. Ich bleibe. Ohne dass ich genau sagen könnte, warum, zieht mich der Baum in seinen Bann. Ich blicke den Stamm entlang hinauf in den Himmel, die Zeit scheint ausgesetzt zu haben.

Ein Hund, der sich unweit von mir niedergelassen hat, schnauft geräuschvoll und blinzelt mich an. Was er wohl sagen würde? Vielleicht das: Unterwegs zu sein, ohne etwas tun, ohne irgendwo sein zu müssen, ist der größte Genuss am Reisen. Erholung lässt sich nicht planen, sie ­geschieht von selbst. Und das manchmal ganz plötzlich unter einem großen alten Baum an einer verlassenen Straßenkreuzung auf einer verzauberten thailändischen Insel.

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