Er war in Filmen (etwa „Gebürtig“) und auf Theaterbühnen zu sehen, hat in einer Band gespielt, eine Tourismusausbildung absolviert und auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet, um seine Leidenschaft, die Malerei, zu finanzieren. Heute kann John Petschinger, dessen klingender Vorname auf die vorübergehende Auswanderung seiner Großeltern nach Kanada zurückgeht, von seiner Kunst leben. Die Arbeiten des Südburgenländers sind ehrlich, intuitiv und neugierig – genau wie er selbst.
Der markante Stil des 29-Jährigen: große Metallplatten als Bildträger, Collagen, Acryl- und Ölfarben sowie Schichten aus Harz verbinden sich zu farbintensiven Bildwelten. In seiner jüngsten Werkserie bringt er künstliche Intelligenz und handwerkliche Malerei in Dialog: Die KI liefert die Basis, er reagiert mit spontanen Gestaltungsentscheidungen. Im Interview wollten wir mehr darüber erfahren.
schauvorbei.at: Wie bist du zu den bildenden Künsten gekommen?
John Petschinger: Die Kunst war in meiner Familie immer präsent. Mein Großvater war nicht nur ein unfassbar toller Landschaftsmaler, er hat auch wunderbare Schnitzereien gemacht. Die Kunst war für ihn eine Möglichkeit, aus dem Hamsterrad auszubrechen, denn er war gelernter Fleischhacker und hat mit meiner Großmutter einen Gasthof betrieben. Bei meiner Mutter ist es ähnlich: Sie ist künstlerisch außerordentlich begabt, malt abstrakt, macht aber auch alles hobbymäßig.
Wir hatten immer Schnitzwerkzeuge, Acrylfarben, Ölfarben und Leinwände zu Hause, haben uns gemeinsam Ausstellungen angesehen. Ich bin also schon sehr früh mit Kunst in Berührung gekommen. Gleichzeitig ist mir schon in jungen Jahren klar geworden, wie schwer es ist, mit Kunst Geld zu verdienen oder groß herauszukommen, insbesondere auf dem Land. Es ist ein Privileg, wenn man als Künstler nicht nebenbei etwas anderes arbeiten muss.
schauvorbei.at: Wie haben deine ersten Werke ausgesehen?
John Petschinger: Ich habe mich schon immer mit externem, also der Malerei fremdem Bildmaterial beschäftigt. Ich habe auf Metallplatten, die früher Werbetafeln für das Gasthaus meines Großvaters waren, collagiert. Und ich habe ziemlich viel gesprayt.
schauvorbei.at: Ab welchem Zeitpunkt ist dir bewusst geworden: Ja, ich bin ein Künstler!
John Petschinger: Ich bezeichne mich nicht gerne als Künstler. Ich bin jemand, der Bilder malt und etwas kreiert, aber das Wort „Künstler“ ist wie ein Stempel, der einem aufgedrückt wird. Es fühlt sich einfach nicht gut an, wenn ich das sage, das würde mir schon beim Aussprechen Freiheit nehmen. Ich lasse die Dinge lieber offen.
schauvorbei.at: Gibt es Kunststile, die dich beeinflusst haben oder immer noch beeinflussen?
John Petschinger: Nicht wirklich, eher das Leben und mein Umfeld. Ich glaube, dass wir Menschen das Ergebnis der Entscheidungen sind, die wir gestern getroffen haben. Und auch wenn wir glauben, dass diese Entscheidungen frei und aus dem Bauch heraus entstanden sind, waren sie beeinflusst. Von dem, was das Umfeld zulässt, welche Erfahrungen wir gemacht haben und von dem, was wir um uns herum wahrnehmen.
schauvorbei.at: Wenn du sagst, dass das Umfeld ein großer Faktor ist: Bedeutet das auch, dass dein Atelier in Bad Tatzmannsdorf und dein Atelier in Wien unterschiedliche Wirkungen auf dich und deine Kunst haben?
John Petschinger: Ich glaube nicht. Im Südburgenland bin ich mitten im Grünen, aber es entstehen keine Arbeiten, die an diese Umgebung erinnern. Das burgenländische Atelier ist für mich einfach ein sehr privater Rückzugsort. Ich weigere mich immer noch, diesen ganz öffentlich zu zeigen oder viele Menschen hierher einzuladen, weil ich hier ganz für mich sein kann.
Nächstes Jahr verbringen wir zwölf Tage in einer Artist Residency in Dänemark. Ich habe schon ein Thema, an dem ich dort arbeiten möchte. Ich bin natürlich gespannt, ob mich der Ort an sich beeinflussen wird, ich glaube aber nicht.
Die Beeinflussung entsteht eher durch Medienkonsum, durch das, was auf der Welt und einem selbst passiert, egal, wo man sich gerade aufhält.
schauvorbei.at: Was inspiriert dich derzeit am meisten?
John Petschinger: Wie die Menschheit dem unaufhaltbaren Fortschritt verfällt, wir irgendwie nicht mehr selbst nachdenken, wie wir alle unsere Daten preisgeben. Das alles macht mir unfassbar viel Angst und inspiriert mich am allermeisten.
Generell ist es so, dass mir die meisten Ideen in den Kopf schießen, wenn ich viel unterwegs bin, Stress habe und unzählige Einflüsse von außen auf mich einprasseln. Ich schreibe alles nieder und werfe teils Wochen später noch einmal einen Blick darauf. Und dann versuche ich, mich in die jeweilige Idee hineinzufühlen und zu starten. Für mich ist immer der Weg das Ziel. Das liegt daran, dass ich den Prozess an sich am spannendsten finde. Mein Level an Interesse und Freude fällt ab, sobald Dinge abgeschlossen sind.
schauvorbei.at: Wie würdest du deine Kunst beschreiben?
John Petschinger: Ich habe mich schon immer dagegen gewehrt, meine Kunst zu beschreiben oder sie dem Betrachter zu erklären. Ich kann niemandem vorgeben, was er fühlt oder in meinen Werken sieht, denn das ist eine individuelle, intuitive Reaktion. Natürlich kann man mittels Werk- oder Ausstellungstiteln Hinweise geben, aber der Rest soll komplett offen bleiben.
Ich gehe bei jeder Arbeit nur von mir aus, und nicht von dem, was der Betrachter sehen soll. Es geht mir darum, festzuhalten, was ich gerade verarbeiten oder darstellen möchte. Das Ergebnis halte ich häufig im Moment fest, indem ich es mit Harz übergieße. Danach kann man nichts mehr ändern – es ist, wie es ist.
Ich vergleiche das gerne mit Alltagssituationen: zum Beispiel, wenn man sich furchtbar ärgert und Dinge ausspricht, die man ein paar Tage später, in der gleichen Situation und in einem anderen Umfeld, ganz anders geäußert hätte. So geht es mir oft mit meiner Kunst: Wenn ich die in Harz gegossene Arbeit Wochen später noch einmal betrachte, sehe ich sie mit anderen Augen. Aber ich habe gelernt zu akzeptieren, dass jedes Werk seine Richtigkeit hat und meinen damaligen Zugang widerspiegelt.
Bei der darauffolgenden Arbeit versuche ich dann allerdings schon, die Idee oder das Thema neu beziehungsweise anders darzustellen. Deshalb hat meine letzte Arbeit immer mit der nächsten zu tun. Es ist ein fortlaufender Prozess und meine Werkserien sind irgendwie immer zusammenhängend, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermuten mag.
schauvorbei.at: Blumen sind ein wiederkehrendes Element in deinen Arbeiten. Was hat es damit auf sich?
John Petschinger: Die Blume hatte in meinen Werken nie Symbolkraft, sondern ist aus einem Gefühl des Selbstzweifels heraus entstanden. Im Zuge meiner Arbeiten habe ich immer ganz extreme Selbstzweifel verspürt – nach dem Motto: Was mache ich hier? Und dann habe ich alles abgeändert, übermalt oder unzählige Male geschichtet. Die Blume ist ein Tool für mich, das zu akzeptieren, was ich gerade in meinem kreativen Tun mache, egal ob das die bildende Kunst oder die Fotografie ist, eine weitere große Leidenschaft von mir. Sie erinnert mich an mein frühes Leben und erdet mich.
Im Laufe der Zeit haben alle die Blumen in meinen Werken erwähnt, dabei waren sie nie ein wichtiges Motiv. Deshalb habe ich sie auch schon ganz weggelassen und hinten in einigen Sätzen aufgeschrieben, was meine Gedanken dazu waren. Inzwischen, seit 1,5 Jahren, ist es so, dass abstrakte Blumen eines von drei Elementen meiner Arbeiten sind, neben externen Bildwelten und der Malerei. Ich versuche mit den Blumen, Brechpunkte in einer vollständigen Arbeit zu schaffen und eine Erdung hineinzubekommen, ohne etwas darzustellen. Ich denke, das wird sich auch so fortführen.
Ich mag die Blume und ich hasse sie. Sie ist für mich – leider oder zum Glück – zu einer Auseinandersetzung geworden.
schauvorbei.at: Du hast gerade auch die beiden anderen Elemente in deinen derzeitigen Werken angesprochen: externe Bildwelten und Malerei. Welche Rolle spielen diese?
John Petschinger: Auf der einen Seite gibt es in meinen momentanen Arbeiten das Element der Vorgabe durch die KI, das sozusagen die Basis der leeren Leinwand bildet. Auf der anderen Seite steht meine Reaktion darauf, in Form der Malerei. Und dann haben wir die schon beschriebenen abstrahierten Blütenblätter, die für mich eine Art Genugtuung oder Erdung erzeugen.
schauvorbei.at: Wie läuft der Prozess mit der KI, die ja die Vorgabe macht, ab?
John Petschinger: Vor rund 1,5 Jahren, während meiner Ausstellung in der Landesgalerie Burgenland, habe ich damit angefangen, künstliche Intelligenz für meine Werke zu nutzen, als eine Art Assistenz. Ich spreche mit der KI über meine Alltagsgedanken und Erlebtes, diskutiere mit ihr, stelle Fragen, lasse mir Fragen stellen, füttere sie mit Satzbausteinen, Textfragmenten, Ideen, Gefühlen und meinem Fotomaterial. Wenn ich an einem Punkt angelangt bin, an dem ich mich verstanden fühle, gebe ich das Zepter komplett ab und der KI nur noch die Bildgröße vor. Das Ergebnis ist eine Bildvorgabe, mit der ich in meine Arbeit starte.
schauvorbei.at: Für die Ausstellung deiner jüngsten Werkserie in Salzburg hast du „Zweimal lila ist auch nicht gleich“ als Titel gewählt. Warum Lila?
John Petschinger: Im Zuge meiner Arbeit hat die KI immer wieder diese zweifarbigen lila Streifen generiert. Aus welchem Grund weiß ich ehrlich gesagt nicht, weil ich „Lila“ nicht erwähnt oder vorgegeben habe. Daraus hat sich dann jedenfalls dieser Titel entwickelt. Persönlich mag ich die Farbe Lila, aber sie hat nicht mehr Bedeutung für mich wie ein Orange, Gelb oder Blau.
schauvorbei.at: Was macht die Arbeit mit KI für dich so reizvoll?
John Petschinger: Es ist die Neugier, was die KI mit Gedanken, die ich aus der Hand gebe, macht – und nachfolgend, wie ich darauf reagiere und das Werk letztendlich wieder zu etwas mache, das sich wie meines anfühlt. Das, was die KI ausspuckt, fühlt sich nämlich oft fehlerhaft an oder erscheint mir nicht logisch. Es ist dann so, als hätten die KI und ich zwei Stunden aneinander vorbeigeredet. Und manchmal macht es dann ein paar Wochen später doch Sinn.
schauvorbei.at: Wie denkst du, könnte KI die Zukunft der Kunst verändern?
John Petschinger: Ich glaube, dass Künstler oder Kreative die KI immer mehr zu ihren Gunsten nutzen werden und dass daraus viel Tolles und Neues entstehen kann. Auf der anderen Seite macht mir die gesamtgesellschaftliche Entwicklung Angst, weil es passieren könnte, dass sich künftig viele Menschen unnütz fühlen. Zahlreiche Jobs werden nicht mehr benötigt, alles läuft zunehmend schneller oder automatisiert ab.
Was ich jetzt mit meiner Kunst mache, ist, als hätte ich in den 1970er-Jahren die ersten Disketten in Harz gegossen. Ich erschaffe Zeitkapseln, die den Beginn des verbreiteten Einsatzes von KI-Tools bzw. -Chatbots festhalten. Und ich begleite die Entwicklung. Ich bin mir sicher, nächstes Jahr im Sommer schaut alles schon wieder ganz anders aus, der Fortschritt wächst rasant. Vor zwei Monaten habe ich noch mit der KI geschrieben, jetzt sprechen wir miteinander – das ist schon krass.
schauvorbei.at: Was wünschst du dir für deine Zukunft?
John Petschinger: Dass für mich alles genauso spannend und unverständlich bleibt, wie es jetzt ist – weil ich glaube, dass das der Ursprung jeder Idee ist. Sobald etwas verständlich ist, empfinde ich es bestimmt als uninteressant.
schauvorbei.at: Vielen Dank für das Gespräch!






