schauvorbei.at: Im ersten Halbjahr 2025 wurden in Wien 8,8 Millionen Nächtigungen gezählt, 7% mehr als im Vergleichszeitraum 2024. Was erwarten Sie sich für den Jahresabschluss 2025 und für die kommenden Monate?
Norbert Kettner: Das Jahr ist für Wien äußerst erfolgreich verlaufen: Unsere Stadt hat erneut den Spitzenplatz unter den weltweit führenden Kongressmetropolen erobert. Mit einem der stärksten Marktanteile im europäischen Weihnachtsgeschäft blicken wir zuversichtlich auf den Jahresabschluss. 2026 steht nach dem 200. Geburtstag von Johann Strauss 2025 ganz im Zeichen der Kulinarik: Unter dem Motto „Vienna Bites“ rücken wir die Wiener Küche ins Rampenlicht. Als absolutes Highlight erwartet uns im Mai außerdem der Eurovision Song Contest.
schauvorbei.at: Vor dem Hintergrund dieser Zahlen: Welche Märkte und Zielgruppen gewinnen für Wien an Bedeutung?
Norbert Kettner: Neben Europa liegt unser Schwerpunkt weiterhin auf den USA. Zusätzlich spüren wir eine deutliche Erholung im asiatischen Raum – allen voran China, das mit Oktober erneut zu den Top-10-Herkunftsmärkten in unserer Nächtigungsstatistik zählt. Darüber hinaus richtet sich unser Fokus, ganz im Sinne unserer Strategie, auf den Wunschgast: Freizeitgäste, die Kunst und Kultur schätzen, Geschäftsreisende, die Kongresse oder Firmentagungen besuchen, sowie Luxusgäste, die im High-End-Segment konsumieren. Langfristig sollen zehn Prozent aller Nächtigungen aus dem Meetingbereich stammen.
schauvorbei.at: Immer wieder ist davon die Rede, dass die Wiener Tourismusbranche aufgrund hoher Gebühren und der Inflation unter Druck ist. Wie bewerten Sie die Situation?
Norbert Kettner: Nicht nur in Wien, weltweit muss die Branche mit Polykrisen umgehen. Umso bemerkenswerter ist die positive Entwicklung des Tourismus in unserer Stadt. Städtetourismus ist zudem Ganzjahrestourismus und damit die beständigste Form des Reisens. Die aktuellen Zahlen des Regionalen Tourismus-Satellitenkontos (RTSA) bestätigen: Wien ist gemessen an Wertschöpfung und Tourismusausgaben das zweitwichtigste Tourismusbundesland Österreichs. Mein besonderer Dank gilt allen Unternehmen, die in wirtschaftlich herausfordernden und geopolitisch angespannten Zeiten hervorragende Arbeit leisten und auch für ein Steueraufkommen sorgen, mit dem die Stadtverwaltung dafür sorgen kann, dass Wien lebenswert, liebenswert und damit attraktiv für die Gäste sowie Bewohnerinnen und Bewohner bleibt.
schauvorbei.at: Wien wird Gastgeberin des ESC 2026. Welche Vorbereitungen laufen bereits seitens WienTourismus?
Norbert Kettner: Das 70. Jubiläum des ESC bietet einmal mehr eine globale Positionierungschance für Wien. Wir stehen derzeit in enger Abstimmung mit dem ORF, der Stadt und allen Stakeholdern, informieren die Branche über Beteiligungsmöglichkeiten am ESC und entwickeln ein Kulturprogramm für die Delegationen und Journalistinnen und Journalisten. Wir haben bereits unsere Website mit allen Infos rund um den ESC online auf eurovision.wien.info. Sie wird laufend aktualisiert und ist auf Deutsch und Englisch verfügbar.
schauvorbei.at: Was ist anders als 2015? Und wie kann 2015 getoppt werden?
Norbert Kettner: 2015 hatten wir rund 300 Bloggerinnen und Blogger vor Ort – heute sprechen wir von etwa zwei Milliarden Onlineaktivitäten. Die Kragenweite des Events hat sich in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert, und damit auch die Anforderungen an die Kommunikation. Gleichzeitig sind die Sicherheitsanforderungen gestiegen, sowohl bei den Veranstaltungen selbst als auch im Bereich Cybersecurity. Damals haben wir erstmals in der Geschichte des ESC ein Kulturprogramm für Delegationen sowie die akkreditierten Journalistinnen und Journalisten umgesetzt, welches es so zuvor nicht gab: von Kochkursen über Bungee-Jumping vom Donauturm bis hin zu Besuchen in der Staatsoper. Dieses Angebot wollen wir 2026 noch einmal übertreffen, denn seither ist das ein von den Veranstaltern gewünschter Fixpunkt. Wien hat ihn damals entwickelt.
schauvorbei.at: Welche Maßnahmen sind geplant, damit der ESC über das Ereignis hinaus positive Effekte schafft?
Norbert Kettner: Der ESC ist die größte Musikshow der Welt – mit rund 170 Millionen TV-Zuseherinnen und Zusehern weltweit. Wien wird damit zur Kulisse für ein Megaevent, das der Stadt nachhaltige Impulse bringt und das Image der Welthauptstadt der Musik auflädt. Die Bilder gehen um die ganze Welt. Die endgültige Bilanz wird erst am Ende gezogen, aber die soeben präsentierten Ergebnisse aus Basel lassen auch für Wien erwarten, dass die Wertschöpfung aus diesem Mega-Event deutlich über der dafür zu tätigenden Investition liegen wird.
schauvorbei.at: Wie gelingt der Spagat zwischen Gästezufriedenheit und Tourismusakzeptanz in der eigenen Bevölkerung?
Norbert Kettner: Wien erzielt sowohl bei den repräsentativen Akzeptanzbefragungen seitens Bund als auch jenen des WienTourismus Bestwerte. Wir haben zusammen mit der Branche, Stakeholdern und der Wissenschaft unsere Visitor Economy Strategie weiterentwickelt und verfolgen das Ziel „Optimum Tourism“, also die Balance zwischen der Zufriedenheit unserer Besucherinnen und Besucher sowie jener der Bewohnerinnen und Bewohner, die mit qualitativem Wachstum, positiven ökonomischen Effekten und mehr Nachhaltigkeit einhergeht. Unter optimum.wien.info stellen wir nicht nur unsere Ziele, sondern auch unsere Erfolge und Learnings mit radikaler Transparenz dar.
schauvorbei.at: 2026 findet der Großkongress „Congress of the European Academy of Dermatology & Venerology“ in Wien statt. Welche Rolle spielen Messen und Kongresse für den Tourismus in der Bundeshauptstadt?
Norbert Kettner: Meetings sind enorm wertvoll für die Visitor Economy, da sie Planbarkeit und Preisdurchsetzung bringen, zudem fügen sich Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer nahtlos in das Gefüge der Stadt ein und konsumieren hochwertig. Wien ist Kongress-Stadt Nummer eins weltweit. Auch in unsere Strategie spielen Kongresse und Firmenveranstaltungen eine Schlüsselrolle: Künftig soll jede zehnte Nächtigung aus dem Meetingbereich kommen. Aktuell laufen nicht weniger als rund 300 Bewerbungen für Kongresse und Firmentagungen bis ins Jahr 2038, damit das so bleibt.
schauvorbei.at: Was sind Ihre Ziele für 2026?
Norbert Kettner: Wir haben 2026 zwei Publikums-Highlights, denen unsere besondere Aufmerksamkeit gilt: einerseits den Eurovision Song Contest, andererseits unser kulinarisches Themenjahr „Vienna Bites“, in dem wir alle Facetten der Wiener Küche beleuchten werden. Wir arbeiten weiter an Wiens Führungsgrolle als Meeting-Destination, setzen uns für Flug- und Zugverbindungen ein, setzen Akzente in den Bereichen der Barrierefreiheit oder der Stadtentwicklung und wollen mit so genannten Legacy-Projekten in Zusammenarbeit mit den Kongressveranstaltern Nutzen für die Wienerinnen und Wiener stiften. Unsere Mission hat sich, auch wenn wir die Strategie weiter verfeinert haben, nicht geändert: Wertschöpfung in die Stadt bringen, Ganzjahresjobs in der Stadt schaffen und dabei die lokale Bevölkerung und die Umwelt so wenig wie möglich belasten, sondern Mehrwert bringen.
schauvorbei.at: Danke für das Gespräch!
