Dreißig. Eine Zahl, die plötzlich Fragen aufwirft – und bei Benedikt Mitmannsgruber vor allem eines auslöst: Ideen für neues Material. Statt sich an runden Geburtstagen abzuarbeiten, greift der Kabarettist kurzerhand zu seinem Geburtsjahr und macht daraus das Programm „1996“. Im Interview erzählt er uns, was ihn inspiriert, welche Erinnerungen ihn bis heute begleiten und weshalb es wichtig ist, manchmal Fehler zu machen.
schauvorbei.at: Dein neues Programm heißt „1996“, also dein Geburtsjahr. Warum genau dieser Titel? Was dürfen wir von deinem neuen Programm erwarten?
Benedikt Mitmannsgruber: Ich habe letztes Jahr im Frühling bemerkt, dass ich 2026 dreißig Jahre alt werde. Das war eine schreckliche Erkenntnis (lacht) und um das irgendwie zu verarbeiten, habe ich für den Programmtitel mein Geburtsjahr gewählt. Es wird also ein sehr persönliches Programm, in dem ich tief in meine Kindheit in den Nullerjahren in der oberösterreichischen Provinz eintauche.
schauvorbei.at: Mit welchen Gefühlen blickst du auf deine Kindheit zurück?
Benedikt Mitmannsgruber: Meine Kindheit war die beste, die man sich vorstellen kann. Meine Cousins und ich waren den ganzen Tag draußen und sind vermutlich die letzte Generation, die noch ohne Smartphone und soziale Medien aufgewachsen ist. Das sehe ich als sehr großes Privileg.
schauvorbei.at: Was war bisher dein wichtigstes Learning über das Leben und was würdest du deinem 20-jährigen Ich heute sagen?
Benedikt Mitmannsgruber: Damals war ich sehr ungeduldig und wollte alles auf einmal machen. Aber manchmal ist es gut, sich auf eine Sache zu fokussieren und sich darin zu verbessern. Mit 20 habe ich sehr an mir gezweifelt und hatte keine Ahnung, in welche Richtung sich mein Leben entwickeln wird. Wenn ich meinem jüngeren Ich heute etwas sagen dürfte, dann wohl, dass nicht alles sofort klar sein muss. In dieser Hinsicht könnte ich den 20-jährigen Benedikt Mitmannsgruber mittlerweile zumindest ein wenig beruhigen.
schauvorbei.at: Du hast einmal gesagt, dass du dich in deiner Jugend oft unwohl gefühlt hast. Wie hat dieses Gefühl des Außenseiters deinen Humor geprägt und vielleicht sogar erst möglich gemacht?
Benedikt Mitmannsgruber: Ich habe mich in meiner Jugend oft sehr verloren gefühlt. Am schlimmsten war dieses Gefühl für mich nach der Matura. Ich hatte in meiner Klasse viele Freunde, die ich während der Schulzeit jeden Tag gesehen habe. Nach der Matura war ich beim Zivildienst wieder zurück in meinem Ort und habe mein früheres Umfeld sehr vermisst. In dieser Zeit habe ich zum ersten Mal begonnen, lustige Nummern zu schreiben. Das war definitiv von dem Gefühl geprägt, in diesem Ort nicht so richtig dazuzugehören.
schauvorbei.at: Was waren deine ersten Berührungspunkte mit dem Kabarett?
Benedikt Mitmannsgruber: Mein erster Auftritt war im Herbst 2017 auf einem Schiff in Linz. Damals gab es dort ein Mal pro Monat eine Comedy-Mixed-Show, bei der im Prinzip jeder mitmachen konnte. Ich hatte im Sommer 2017 einen Ferialjob bei der Post und habe nach der Arbeit versucht, ein 15-minütiges Set zu schreiben. In den Tagen davor war ich unfassbar nervös. Der Auftritt ist dann aber gut gelaufen, und im März 2018 habe ich das Finale beim Grazer Kleinkunstvogel erreicht. Danach habe ich für mich entschieden, es als Kabarettist zu versuchen.
schauvorbei.at: Das Programm ist deinen Eltern und Großeltern gewidmet. Was möchtest du ihnen damit sagen?
Benedikt Mitmannsgruber: Ich habe mich in den letzten Jahren viel mit der Geschichte meiner Familie beschäftigt. Meine Mutter hatte acht Geschwister, und meine Großmutter wurde in einer Zeit verheiratet, in der Frauen so gut wie kein Mitspracherecht hatten, was sie ihr ganzes Leben geprägt und vermutlich auch traumatisiert hat. Meine Eltern haben viele Familienmitglieder früh verloren und mir und meiner kleinen Schwester trotzdem die schönste Kindheit beschert. Mein Opa väterlicherseits konnte sich nie zu hundert Prozent damit anfreunden, dass aus mir ein Künstler geworden ist. Erst nach seinem Tod habe ich verstanden, in welch unterschiedlichen Welten wir großgeworden sind. Er hat von seiner Kindheit bis zu seinem Tod hart körperlich gearbeitet, und heute bin ich stolz auf das, was er sich aus dem Nichts aufgebaut hat. Am Ende ist es auch ein Ausdruck von Stolz auf das, was sie trotz aller Umstände aus ihrem Leben gemacht haben.
schauvorbei.at: In einem Social-Media-Post hast du beschrieben, dass du nach deinem ersten Programm Angst hattest, alle lustigen Gedanken seien aufgebraucht. Ganz offensichtlich war das nicht der Fall. Wie entstehen heute neue Ideen? Was inspiriert dich?
Benedikt Mitmannsgruber: Die Ideen kommen mir meist spontan, meistens kurz vor dem Einschlafen. Ich muss dann oft aufstehen und sie mir notieren, weil ich sie sonst fünf Sekunden später wieder vergessen habe. (lacht)
schauvorbei.at: Wer oder was bringt dich selbst zum Lachen?
Benedikt Mitmannsgruber: Derzeit vor allem der amerikanische Comedian Nate Bargatze. Und über Malcolm mittendrin kann ich auch beim 23. Durchschauen einer Folge noch herzhaft lachen.
schauvorbei.at: Du sprichst oft über Scheitern und Fehlermachen. Wie wichtig ist es gerade für junge Menschen, Fehler zu machen und nicht immer perfekt sein zu müssen?
Benedikt Mitmannsgruber: Sehr wichtig! In Zeiten der Selbstoptimierung haben viele Menschen meiner Generation verlernt, nicht perfekt sein zu müssen. Ich bin auf der Bühne schon sehr oft gescheitert und habe immer versucht, daraus etwas zu lernen. Trotzdem fällt es auch mir selbst oft schwer, Fehler zu akzeptieren und mir nicht stundenlang den Kopf darüber zu zerbrechen.
schauvorbei.at: Du äußerst dich immer wieder klar zu gesellschaftspolitischen Themen – gegen Rechtsradikalisierung, gegen Gewalt, gegen Rassismus. Wie nimmst du unsere Gegenwart wahr?
Benedikt Mitmannsgruber: Nicht besonders positiv. Derzeit schlittern wir von einer Katastrophe in die nächste, und in den USA sieht man, wohin es führen kann, wenn Rechtspopulisten wieder an die Macht kommen. Ich denke, man muss die Sorgen und Ängste der Menschen endlich ernst nehmen. Viele Bewohner ländlicher Regionen fühlen sich nicht mehr abgeholt, und man muss verhindern, dass sie in die Arme korrupter Rechtspopulisten getrieben werden.
schauvorbei.at: Was kann Humor deiner Meinung nach in Zeiten wie diesen leisten?
Benedikt Mitmannsgruber: Ich möchte die Menschen, die in meine Shows kommen, für zwei Stunden in meine verrückte und chaotische Lebenswelt mitnehmen und sie vom Chaos der Welt ein Stück weit wegbringen.
schauvorbei.at: Wer dir auf Social Media folgt, merkt schnell: Deine Familie, deine Freundin und deine Freunde sind ein wesentlicher Teil deines Lebens und deiner Arbeit. Wird das bei „1996 wieder so sein?
Benedikt Mitmannsgruber: Ja, meine Freundin kümmert sich um meine Social-Media-Kanäle, gestaltet das Tourplakat, die Website und auch den Merch. Einer meiner besten Freunde ist als Techniker mit dabei und filmt jeden Auftritt – in diesem Umfeld fühle ich mich also sehr wohl. (lacht)
Vielen Dank für das Gespräch, Benedikt!
Wien
Stadtsaal: 23. September, 7. Oktober, 12. Dezember
Kulisse: 9. Juni, 25. September, 4. November
Wiener Kabarettfestival: 30. Juli
Theater im Park: 21. August
Niederösterreich
Congress Center Baden: 18. März
Stadthalle Ybbs: 10. April
Johann-Pölz-Halle Amstetten: 22. Oktober
Haus der Musik Grafenwörth: 26. November
Stadtsaal Hollabrunn: 27. November
Burgenland
Frank Hoffmann Kulturzentrum Güssing: 29. Juli
Wenn ich mein neues Programm in einem Lied beschreiben müsste:
„What’s My Age Again?“ von Blink-182
Ein typisches Ritual vor einem Auftritt:
Ich wärme meine Stimme mit einem Stimmschlauch auf.
Das mache ich am liebsten abseits der Bühne:
Tennisspielen und mit meiner Freundin ins Kino gehen.
Diesen Rat würde ich jedem Menschen mit auf den Weg geben:
Schaut euch mein neues Programm an – es wird wirklich lustig!


