Story

Kabarettistin mit „Zuckergoscherl“: Nadja Maleh im Talk

Süß ist an Nadja Malehs neuem Kabarettprogramm nicht nur der Titel. In „Zuckergoscherl“, ihrem siebenten Soloprogramm, wickelt die Wiener Kabarettistin, Schauspielerin und Sängerin Gesellschaftskritik, Selbstversuch und die Süße des Lebens in Pointen mit Hirn. Im Interview spricht sie über Zucker als Lebensmetapher, Humor in schwierigen Zeiten, weibliche Perspektiven auf der Bühne und darüber, warum man besser nichts auf später verschieben sollte.
© Sabine Stieger

Nadja Maleh zählt zu den eingängigsten Stimmen des österreichischen Kabaretts. Seit 30 Jahren steht sie als Schauspielerin, Sängerin und Kabarettistin auf der Bühne und seit Februar schlägt sie mit ihrem neuen Soloprogramm „Zuckergoscherl“ ein neues Kapitel auf. Wir haben sie zum Gespräch getroffen.

schauvorbei.at: Woher kam die Idee zu „Zuckergoscherl“ und wie ist das Programm entstanden?
Nadja Maleh: Meine Programme entstehen immer aus Themen, mit denen ich mich gerade selbst intensiv beschäftige. Bei „Zuckergoscherl“ wollte ich zunächst meine eigene Beziehung zu Zucker genauer anschauen. Mich hat interessiert: Was steuert uns eigentlich? Was ist freier Wille? Was ist Gewohnheit? Zucker ist für mich aber viel mehr als nur ein Lebensmittel. Er steht für Genuss, Belohnung, Verführung, Trost und zugleich für Übermaß, Abhängigkeit und Zerstörung.

Im weitesten Sinn geht es also um die Süße des Lebens, um Liebe, Beziehung und um die Frage, wozu wir greifen, wenn wir uns etwas Gutes tun wollen. Ich bin keine Ernährungsberaterin, die mit erhobenem Zeigefinger durchs Land fährt, aber ein kleiner aufklärerischer Impuls steckt in meinen Programmen schon drinnen. Und mein erstes Forschungsprojekt bin ohnehin immer ich selbst. Seit einigen Monaten lebe ich nämlich zuckerarm, was für mich fast schon sensationell ist. Ich backe sogar kleine Muffins ohne Zucker. Dass ausgerechnet ich einmal so etwas sage, hätte ich früher selbst nicht geglaubt (lacht).

schauvorbei.at: Im Programm geht es um schöne Verpackungen und um das, was drinsteckt. Ist „Zuckergoscherl“ damit auch ein Stück über Schein und Täuschung?
Nadja Maleh: Absolut. Mich interessiert dieses „Sugar Coating“ sehr – also das Schönreden, das Ummanteln von etwas Bitterem mit rosarotem Papier. Gerade in der Politik passiert das ständig. Dinge werden sprachlich so verpackt, dass sie harmloser oder freundlicher klingen, als sie in Wahrheit sind. Das ist ein hochspannendes Thema, weil Sprache nie unschuldig ist. Natürlich reden wir alle manchmal um den heißen Brei herum, um jemanden zu schonen. Aber es gibt eine klare Grenze zwischen behutsamem Formulieren und bewusster Täuschung.

schauvorbei.at: Wie gesellschaftskritisch ist Ihr neues Programm?
Nadja Maleh: Ich bin in all meinen Programmen gesellschaftskritisch. Aber ich arbeite sehr genau und aufmerksam, Wort für Wort. Mich interessiert, unterschiedliche Aspekte sichtbar zu machen und Fragen aufzuwerfen. Wer einfach zwei Stunden lachen will, darf das sehr gerne tun. Wer aber genauer hinhören und mitdenken möchte, kann das ebenso. Humor darf leicht sein, aber er darf auch Tiefe haben.

schauvorbei.at: Ab wann wissen Sie, dass ein Programm oder eine Idee reif für die Bühne ist?
Nadja Maleh: Das ist tatsächlich ein inneres Gefühl. Meistens kommt zuerst eine Idee und dann warte ich ab, ob sie bei mir bleibt. Manche Einfälle wirken im ersten Moment großartig und zwei Wochen später denke ich mir: Bitte nicht! Andere verschwinden eben nicht. Wenn ich schließlich geschrieben und geprobt habe, spürt man irgendwann: Jetzt ist dieses Baby bereit, hinauszugehen. Und dann spürt man nochmal ein neues Gefühl, denn manches versteht man erst auf einer Bühne im Dialog mit dem Publikum.

schauvorbei.at: Sie haben im Laufe Ihrer Karriere mehr als 25 fiktive Figuren geschaffen. Welche davon kommen bei „Zuckergoscherl“ besonders hervor?
Nadja Maleh: Meine Figuren haben oft etwas Archetypisches. Nach den Vorstellungen sagen mir viele, dass sie genau so jemanden kennen (lacht). In „Zuckergoscherl“ ist wieder Professor Huber dabei, eine uralte, herrlich schräge Professorin, ebenso wie Tante Melanie, eine Kindergartenpädagogin mit wenig Verstand, aber umso mehr Lebensfreude. Neu ist eine ungarische Ernährungsberaterin mit Ratschlägen, die niemand hören will.

Außerdem tauche ich in die Geschichte des Zuckers ein – mit all ihren politischen und historischen Abgründen wie Macht, Ausbeutung und Sklavenhandel. Musikalisch gibt es eine Ode an Nutella, den Italo-Schlager „Mein kleines Cantuccini“, ein rasantes Hormon-Medley und sogar ein bisschen Bauchtanz. Es ist ein sehr facettenreicher Abend und zugleich persönlicher als viele meiner früheren Programme, mit mehr Stand-up und mehr Nadja denn je.

schauvorbei.at: Was macht die Mischung aus Schauspiel, Gesang, Stand-up und Figuren für Sie aus?
Nadja Maleh: Das ist einfach meine Art. Ich habe früh gemerkt, dass genau dort mein Stil liegt: in der Verbindung von Musik, Verwandlung und Komik. Am Anfang einer Karriere sucht man ja erst einmal nach der eigenen Form. Bei mir hat sich relativ früh gezeigt, dass ich über Figuren und Lieder sehr viel erzählen kann. Bei „Zuckergoscherl“ kommt nun noch stärker meine eigene Stimme dazu.

schauvorbei.at: Warum ist Humor heutzutage wichtiger denn je?
Nadja Maleh: Weil Humor glücklich macht. Und weil wir alle dringend Pausen brauchen von dieser reizüberfluteten, überhitzten und nervlich überlasteten Welt. Lachen ist nicht banal. Es ist eine Form von Erleichterung, manchmal sogar von Rettung.

schauvorbei.at: Was darf Humor heute, was früher nicht möglich gewesen wäre und umgekehrt?
Nadja Maleh: Jede Zeit hat ihre eigenen Regeln, ihre eigenen Empfindlichkeiten, ihre eigenen Grenzen. Als Künstlerin wächst man damit mit. Es gab Phasen, in denen ich mir durchaus Sorgen gemacht habe, etwa rund um Debatten über kulturelle Aneignung, weil ich ja von Verwandlung lebe, von Figuren, von Perspektivwechseln. Aber es geht am Ende immer um die Haltung dahinter. Schauspiel ist nicht automatisch Abwertung, nur weil man jemand anderen darstellt. Entscheidend ist die Absicht, die Genauigkeit und der Respekt. Gleichzeitig hat sich auch für Frauen auf der Bühne enorm viel verändert. Als ich begonnen habe, war das Bild von Frauen im Kabarett deutlich enger. Heute sehe ich viel mehr unterschiedliche weibliche Stimmen, Temperamente und Energien, das finde ich großartig.

schauvorbei.at: Die österreichische Kabarettszene gilt immer noch als stark männerdominiert. Warum braucht es gerade jetzt mehr weibliche Perspektiven auf der Bühne?
Nadja Maleh: Weil Frauen die Hälfte der Menschheit sind und selbstverständlich überall abgebildet werden sollen, auch auf Bühnen. Männer und Frauen leben auf demselben Planeten, aber oft in sehr unterschiedlichen Wirklichkeiten. Wir haben andere Erfahrungen, andere Herausforderungen, andere Blickwinkel, genau deshalb braucht es diese Perspektiven. Frauen machen kein „Frauenkabarett“, wir machen Kabarett. So wie Männer auch nicht „Männerkabarett“ machen. Aber selbstverständlich erzählt jeder Mensch aus seiner eigenen Erfahrung heraus. Und gerade in Zeiten, in denen Gewalt gegen Frauen, Grenzüberschreitungen und Femizide so präsent sind, ist es umso wichtiger, dass Frauen ihre Sicht auf die Welt hörbar machen. Gleichzeitig braucht es Männer, die Verantwortung übernehmen und an der Seite von Frauen stehen. Es geht nicht um Gegeneinander, sondern um ein Miteinander.

schauvorbei.at: Wie erleben Sie den Zusammenhalt unter Kabarettistinnen in Österreich?
Nadja Maleh: Es gibt viel Respekt und Verständnis füreinander. Wer diesen Weg geht oder gegangen ist, weiß, wie hart, steinig und ausdauernd er sein kann. Kolleginnen verstehen oft ganz genau, was man erlebt, weil sie dieselben Hürden kennen. Dieses Klischee vom Zickenkrieg hat mit meiner Erfahrung überhaupt nichts zu tun.

schauvorbei.at: Sie bieten auch Achtsamkeitskurse an. Wie passen Achtsamkeit und Humor zusammen?
Nadja Maleh: Ich versuche, im Humor nicht nach unten zu treten und niemanden unnötig zu verletzen. Provozieren darf man natürlich. Humor überschreitet immer Grenzen, bricht Tabus und ist manchmal explosiv. Aber gerade deshalb muss man sehr genau wissen, was man sagt und wie man es sagt. Achtsamkeit heißt für mich nicht, auf Eierschalen durchs Leben zu gehen. Es heißt, Grenzen wahrzunehmen, meine eigenen und die der anderen. Ich gehe achtsam mit Sprache um, mit meiner Arbeit, mit dem Schutz meiner Person und mit der Frage, wen ich überhaupt in mein Leben lasse.

schauvorbei.at: Gab es in Ihrem künstlerischen Leben auch Schreib- oder Kreativblockaden? Und wenn ja: Wie haben Sie wieder herausgefunden?
Nadja Maleh: Natürlich gibt es Momente, in denen es nicht gut läuft, aber ich habe über die Jahre gut gelernt, wie ich funktioniere. Wenn ich merke, ich bin im Widerstand, werde müde oder grantig, dann zwinge ich mich zu nichts. Ich lasse mich in Ruhe. Und wenn dann der Impuls kommt, setze ich mich hin und arbeite.

schauvorbei.at: Im Sommer stehen Sie bei den Festspielen Berndorf auf der Bühne. Zugleich zieht es Sie wieder stärker zum Theater. Was reizt Sie daran?
Nadja Maleh: Im Sommer freue ich mich auf das Ensemble, auf die Kollegen, das gemeinsame Arbeiten und auf ein lustiges Stück. Theater begleitet mich seit Jahrzehnten, ich bin ausgebildete Schauspielerin und komme ursprünglich von dort. Für die Solokarriere musste ich meine Kraft lange ganz auf das Kabarett konzentrieren, inzwischen gibt es dafür eine stabile Basis. Dadurch kann ich wieder andere Projekte angehen und zu meinem Ursprung zurückkehren. Neue Herausforderungen reizen mich, auch weil man mit dem Älterwerden stärker spürt, dass das Leben begrenzt ist. Deshalb habe ich auch die Ausbildung zur Achtsamkeitstrainerin gemacht. Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten und das Leben zu erforschen. Und auch im Theater, vor allem in Komödien, macht man Menschen glücklich, denn wer lacht, vergisst für einen Moment seine Sorgen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wordrap

Das soll „Zuckergoscherl“ dem Publikum mit auf den Weg geben:
Viele neue Impulse, Lachmuskelkater und ein leichtes, beschwingtes Gefühl

Mein Rat an mein jüngeres Ich:
Halte durch, alles wird gut!

Was mein Leben süß macht:
Lustige Gespräche mit Freundinnen und Freunden

Abseits der Bühne bin ich:
Immer ich

Nach diesem Motto lebe ich:
Seize the day! (Nutze den Tag!)

„Zuckergoscherl“-Termine in der Ostregion

Wien
12. 4.: Stadtsaal
23. 4., 17. 5., 9. 6., 26. 9., 7.10., 12.10.: Casa Nova
21. 6.: Tschauner Bühne
20. 8.: Theater am Spittelberg
22. 10.: Kulisse

Niederösterreich
10. 4.: Litschau, Kulturbahnhof
11. 4.: Gastern, Kommunalzentrum
24. 4.: Paudorf, Kienzle Museum
9. 5.: Oberwaltersdorf, Bettfedernfabrik
1. 10.: Wittau, KU.BA im Marchfeld
3. 10.: Purkersdorf, Die Bühne
14. 11.: Obersiebenbrunn, Mehrzweckhalle
29. 1. 2027: Schwechat, Satirefestival
17. 3. 2027: Wiener Neustadt, Stadttheater

Burgenland
25. 9.: Neufeld an der Leitha, Kulturzentrum Fred Sinowatz

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