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25. Mai 2024
Lifestyle

Routinen-Rodeo: Wie man den wilden Bullen des Alltags zähmt

Routinen sind gut – heißt es zumindest landläufig. Stimmt das aber tatsächlich? Falls ja, was macht eine Routine „gut“? Und, ganz grundsätzlich gefragt, was ist überhaupt eine „Routine“? Wir haben uns an Lifecoach Barbara Herget von Team Lifecoach Wien gewandt, um Antworten auf diese und weitere spannende Fragen zu finden.

Frau in Latzhose wischt den Boden in einer minimalistisch eingerichteten, hellen Wohnung
Routinen vereinfachen Entscheidungsprozesse und bringen damit Struktur in den Alltag. © Getty Images

schauvorbei.at: Was ist eine Routine überhaupt?
Barbara Herget: Eine Routine ist eine Abfolge von Handlungen und Aktivitäten, die wir regelmäßig und geplant einsetzen. Wir betten diese in unterschiedliche Bereiche des Lebens ein, sei dies Arbeit, Gesundheit, persönliche Weiterentwicklung, Freizeit oder Familie. Dazu gehört zum Beispiel die Abendroutine mit Kindern: Zähneputzen, Pyjama anziehen und Buch vorlesen, bevor das Licht ausgeschaltet wird.

Routinen können tägliche, wöchentliche oder sogar monatliche Aktivitäten umfassen, die über einen längeren Zeitraum regelmäßig stattfinden, und reichen von einfachen Handlungen bis hin zu komplexen Abläufen. Beispiele wären das geplante wöchentliche Laufen oder Spazierengehen, das Schauen von bestimmten Sendungen am Abend, die Stammtischrunde oder regelmäßige Familientreffen.

schauvorbei.at: Gibt einen Unterschied zwischen Routinen und Gewohnheiten?
Der Unterschied zu Gewohnheiten liegt darin, dass Routinen Handlungen sind, die sich durch regelmäßiges, über lange Zeit wiederholtes Anwenden fest in unser Verhalten einbetten. Sie werden dadurch zu unbewussten oder halbbewussten Strategien und prägen maßgeblich unser Verhalten und unsere Entscheidungen, ohne dass wir immer sofort wissen, was dem zugrunde liegt. Ein typisches Beispiel dafür wäre der Griff zur Zigarette oder zu etwas Süßem, wenn wir gestresst, traurig oder müde sind.

Ganz streng lassen sich Routinen und Gewohnheiten im Übrigen nicht trennen. Sie sind im Grunde eng miteinander verwoben. Routinen können zu Gewohnheiten werden, indem wir sie so oft wiederholen, dass diese ins Unbewusste übergehen. Beispiel: Lernen wir das Autofahren, entsprechen die einzelnen Schritte zunächst einem routinemäßigen Vorgehen. Wir setzen geplant die erforderlichen Schritte. Durch das wiederholte und häufige Anwenden werden sie zur Gewohnheit, zu einem unbewussten „Wissen“.  Routinen können also dazu beitragen, bestimmte Verhaltensweisen zu automatisieren, und so zu Gewohnheiten werden, während bestehende Gewohnheiten oft in Routinen eingebettet sind.

schauvorbei.at: Hat jeder Mensch Routinen?
Ja, in der Regel hat jeder Mensch Routinen – oder zumindest fast jeder –, auch wenn es nur das morgendliche Kaffee- oder Teetrinken ist. Selbst Menschen, die sich als spontan und unstrukturiert betrachten, haben Routinen oder wiederkehrende Verhaltensmuster in ihrem Leben.

Routinen ermöglichen nämlich Struktur, Organisation und Effizienz. Da wir so nicht jedes Mal neu entscheiden müssen, welche Handlungen wir setzen wollen. Routinen vermitteln damit auch das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle, weil man so schon weiß, was auf einen zukommt.

schauvorbei.at: Wie wichtig sind Routinen?
Stellen Sie sich vor, wir müssten jeden Tag jede einzelne Entscheidung ganz neu treffen. Wann wir aufstehen, was wir anziehen, ob wir Zähne putzen, wie wir zur Arbeit gelangen und so weiter. Im Durchschnitt trifft jeder von uns bis zu 35.000 Entscheidungen pro Tag. Routinen helfen uns dabei, diese Entscheidungsprozesse zu vereinfachen und zu automatisieren. Dadurch bringen sie auch Struktur und Organisation in den Alltag.

Es ist wichtig, darüber nachzudenken, welche Routinen hilfreich und welche hinderlich für mein persönliches Wohlbefinden und meine Zielerreichung sind.

Lifecoach Barbara Herget

schauvorbei.at: Welche positiven oder negativen Auswirkungen können Routinen haben?
Zu den negativen Auswirkungen zählt Überforderung, wenn wir uns unrealistische Ziele stecken oder zu viele Routinen in den Tag hineinpacken. Zudem können Routinen auch zu Eintönigkeit führen, die das Leben langweilig macht. Das passiert dann, wenn sie uns nicht erlauben, neue Erfahrungen zu machen. Wir sind dann weniger flexibel und kreativ. Deshalb ist wichtig, Routinen nicht zu starr oder zu eng zu fassen.

Die positiven Auswirkungen liegen etwa in der Strukturierung des Alltags, was auch zu Zeiteffizienz führt sowie zu Sicherheit und Stabilität. Damit geht auch Stressreduktion einher, da wir nicht mehr in jeder einzelnen Situation neu entscheiden müssen. Weitere Vorteile sind Gesundheitsförderung, wenn wir etwa gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und ausreichend Schlaf in unsere Routinen einbauen.

schauvorbei.at: Gibt es also so etwas wie gute und schlechte Routinen?
Gute Routinen wären beispielsweise Selbstfürsorge. Indem ich achtsam mir selbst umgehe und mir Zeit für mich nehme und etwas lese oder Musik höre, meditiere oder generell etwas tue, was mir guttut. Auch gesunde Lebensgewohnheiten, wie etwa regelmäßige Bewegung und Sport oder im Grünen zu sein, sind schöne Angewohnheiten. Soziales Leben, Verbundenheit mit einer Gemeinschaft, Gutes für andere zu tun, zählen ebenso dazu.

Schlechte Routinen sind oft zu schädlichen Gewohnheiten geworden, die wir sehr unbewusst ausüben. Als Beispiel: übermäßiger Alkoholkonsum, Rauchen oder häufiger Konsum von ungesunden Lebensmitteln. Auch übermäßiger Bildschirmkonsum zählt dazu.

Es ist wichtig, darüber nachzudenken, welche Routinen hilfreich und welche hinderlich für mein persönliches Wohlbefinden und meine Zielerreichung sind. Positive Routinen zu stärken und negative Routinen zu überwinden, kann zu einem gesünderen und erfüllteren Leben führen. Letztlich ist es natürlich individuell, was für uns „gut“ und „schlecht“ ist. Wichtig ist, sich bewusst zu werden, was man mit seinen Routinen erreichen möchte. Und ob die aktuellen Routinen noch dabei helfen.

schauvorbei.at: Wie entwickeln wir Routinen?
Zunächst ist entscheidend, sich die Frage zu stellen: Für welches Ziel möchte ich die neue Routine einsetzen? Was soll sich ändern oder danach anders sein als zuvor? Habe ich darauf eine Antwort, geht es darum, Prioritäten zu setzen und sich zu fragen, welche Handlungen am wichtigsten sind, um dieses Ziel zu erreichen. Dann: wiederholen! Immer und immer wieder, da Routinen, die automatisiert ablaufen sollen, erst durch regelmäßiges Ausüben entstehen.

Man kann sich das so vorstellen: Im Gehirn gibt es neuronale Verknüpfungen. Gibt es bereits starke Gewohnheiten, kann man das wie eine neuronale Autobahn verstehen. Wenn ich jetzt eine weitere Routine in mein Leben bringen will, entstehen durch die ersten Anfänge neue neuronale Verknüpfungen, die sich zuerst nur ganz zart abbilden. Will ich, dass diese auch zu einer Autobahn werden, muss ich sie sehr häufig und regelmäßig „befahren“. Auch Belohnungen für Fortschritte sind sehr wichtig. Diese entstehen durch das innere Gefühl, etwas erreicht zu haben, und auch durch kleine Belohnungen, die man sich gönnt. Und zuletzt: Nicht zu streng mit sich sein und flexibel bleiben.

Unabhängig von der genauen Zeitdauer sind Konsistenz und Wiederholung wichtig, um eine neue Routine zu etablieren.

Lifecoach Barbara Herget

schauvorbei.at: Kann die Suche nach der „perfekten Routine“ zum Selbstoptimierungswahn führen?
Ja, das kann durchaus geschehen. Am ehesten passiert das dann, wenn man für jeden Aspekt seines Lebens die „perfekte“ Routine finden möchte, indem man unrealistische Erwartungen in sich setzt und quasi alles optimieren will. Das kann zu Überforderung, einem Gefühl der Unzulänglichkeit und Angstgefühlen führen. Am besten entgeht man dem durch regelmäßige Selbstreflexion, Mitgefühl mit sich selbst und der Offenheit, die Routinen auch jederzeit ändern zu können. Die Grundeinstellung sollte idealerweise sein: „Ich will diese Routine in meinem Leben haben, aber ich muss nicht.“ Sobald es sich wie ein Muss anfühlt, ist es dringend zu hinterfragen.

schauvorbei.at: Wie lange dauert es, bis wir eine Routine in unseren Alltag integriert haben?
Unabhängig von der genauen Zeitdauer sind Konsistenz und Wiederholung wichtig, um eine neue Routine zu etablieren. Je häufiger eine Handlung wiederholt wird, desto schneller wird sie sich in den Alltag einbetten. Wichtig ist, sich nicht entmutigen zu lassen, kein Mensch ist perfekt.

Die Dauer kann sehr stark variieren, manche haben eine Routine schon nach einigen Wiederholungen intus, manche brauchen einfach länger. Das hängt auch damit zusammen, wie unwiderstehlich das zu erreichende Ziel ist, welche Belohnungen wir uns dazwischen geben und ob es noch ein Hindernis gibt, das dem zu erreichenden Ziel entgegensteht. Beispielsweise: Ich möchte Routinen einführen, um einen gesünderen Lebensstil und letztlich damit auch Gewichtsverlust zu erreichen. Wenn nun das Hindernis wäre, ich brauche immer wieder schnell etwas zuckerhaltiges Süßes, um den Tag zu überstehen, müsste ich diese Absicht ändern. Am besten dadurch, indem ich mir für diesen Teil eine neue Strategie ausdenke.

schauvorbei.at: Wie können wir Routinen langfristig beibehalten?
Es ist wichtig zu beachten, dass das Entwickeln von Routinen ein kontinuierlicher Prozess ist, der Geduld und Ausdauer erfordert. Es ist normal, dass es Höhen und Tiefen gibt, und es kann einige Zeit dauern, bis eine Routine wirklich internalisiert ist. Wichtig ist, dranzubleiben und sich nicht entmutigen zu lassen, wenn es anfangs nicht so schnell klappt, wie erhofft.

Ausnahmen sind erlaubt und wichtig, um Flexibilität in unsere Routinen zu bringen. Das Leben ist oft nicht vorhersehbar.

Lifecoach Barbara Herget

schauvorbei.at: Was ist zu tun, wenn ich es nicht schaffe, eine Routine beizubehalten?
Wenn es nicht möglich ist, eine Routine beizubehalten, dann ist wichtig, die Ursache dafür zu finden. Gibt es vielleicht noch eine mentale Blockade? Eine positive Absicht der alten Gewohnheiten und Routinen, die ich noch nicht berücksichtigt habe? Oder passt die Routine vielleicht einfach nicht in meinen „Stundenplan“? Jedenfalls ist wichtig, die Routine so anzupassen, dass sie für mich leicht von der Hand geht. Ansonsten sollte man versuchen, eine neue Strategie zu finden.

schauvorbei.at: Sind Ausnahmen erlaubt?
Ja, Ausnahmen sind erlaubt und wichtig, um Flexibilität in unsere Routinen zu bringen. Das Leben ist oft nicht vorhersehbar. Es ist daher hilfreich, sich anpassen zu können und sich nicht an zu starre Pläne zu klammern. Wenn wir eine Ausnahme machen, hilft es, wenn wir nach Möglichkeit im Voraus planen, um die Auswirkungen auf die Routine möglichst zu minimieren. Am besten ist, wenn wir sicherstellen, dass es einen Plan gibt, um nach der Ausnahme wieder gut in die Routine zu kommen. Wenn möglich, können wir auch andere Maßnahmen setzen, um die Ausnahme auszugleichen. Etwa für eine Woche 500 Schritte mehr pro Tag zu gehen. Zuletzt gilt auch hier, mit sich selbst einfühlsam und mitfühlend zu sein. Zu akzeptieren, dass es manchmal notwendig ist, von einer Routine abzuweichen, ohne sich dafür zu kritisieren.

schauvorbei.at: Können Routinen zu zusätzlichem Druck und Stress im Alltag führen?
Wenn Leistungsdruck, zu hohe Erwartungshaltungen an mich selbst und zu starre Routinen in Kombination mit Perfektionismus stark einschränkend wirken, ist diese Kombi ein eindeutiges Rezept für mehr Druck und Stress im Alltag. Es hilft, wenn man achtsam und freundlich mit sich selbst umgeht und erkennt, was den Druck und den Stress genau ausgelöst hat. Um ein vitales und zufriedenes Leben zu führen, ist wichtig, darüber zu reflektieren, welche Routinen für mich hilfreich sind und welche dem möglicherweise entgegenwirken. Routinen sind immer abänderbar, vor allem, wenn sie uns nicht guttun. Nur so können wir in weiterer Folge die richtige Balance finden.

Danke für das Gespräch!

Über Barbara Herget

Mag.a Barbara Herget ist diplomierte Lebens- und Sozialberaterin, Systemische Aufstellungsleiterin und Supervisorin. Vor ihrer Tätigkeit bei Team Lifecoach Wien war sie mehr als 20 Jahre als Juristin tätig, davon neun Jahre in der eigenen Anwaltspraxis. Ihre Freizeit verbringt sie sehr gerne in der Natur und mit ihrer Familie.

Porträt von Barbara Herget im rosa Blazer vor einem holzigen Hintergrund
Barbara Herget hat einen Abschluss zur Lebens- und Sozialberaterin, zur systemischen Aufstellungsleiterin und Supervisorin sowie eine Weiterbildung im Jugendcoaching. © Carina Ott