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18. April 2024
Europa Reise

Island: Die Insel der Wunder

130 Vulkane, der größte Gletscher Europas, gigantische Wasserfälle und einsame, unendliche Weiten: Island ist Naturspektakel pur.

Eine Aurora Borealis in Jokulsar in Island
Nord- oder Polarlichter kann man in Island von September bis April bestaunen. © Getty Images

„Hat es in Island dauernd geregnet?“, war immer wieder die erste Frage, als ich von der Insel weit draußen im Atlantik zurückgekommen war. Gefolgt von einem belustigten: „Und, wie sind so die Elfen?“ Zu den Fabelwesen komme ich später, aber bezüglich des Wetters musste ich alle Neugierigen enttäuschen: Die wohlweislich eingepackte Regenkleidung blieb fast immer im Koffer. Der Himmel strahlte so oft in einem intensiven Blau, dass es richtig kitschig war.

Trendziel seit langer Zeit 

Ihr Land steht seit Jahren auf wirklich allen Bucket-Listen mit den weltweit interessantesten Hotspots. Von trendigen Influencern bis zu großen Reisegruppen vor allem aus Amerika und Asien: Alle wollten nach Island. Die meisten konzentrierten sich auf ein kleines Gebiet, den Golden Circle, mit den bekanntesten Attraktionen wie dem Geysir Strokkur. Heute ist aus bekanntem Grunde alles anders. Selbst in der Hauptsaison kann man hier ohne Menschenmassen reisen – also die beste Zeit, Island zu erkunden.

Und Island geizt nicht mit seinen Reizen. Der Inselstaat lässt einen nicht lange warten, sondern überfällt Reisende sofort mit noch nie gesehenen Landschaften – wenn man den Roadtrip über die Insel am internationalen Flughafen Keflavík startet. Fährt man über die Halbinsel Reykjanes, sieht man gleich nach den ersten Kilometern, warum Island Vulkaninsel genannt wird. Schroffes Lavagestein neben der Straße, bizarr aufgeworfener Fels, Relikte früherer Vulkanausbrüche und der intensive Geruch von Schwefel in der Luft. Island ist mit „nur“ 20 Millionen Jahren die jüngste Insel Europas, eigentlich noch im „Babyalter“ und voll im Werden. Sie liegt an einer geologisch überaus unruhigen Stelle, wo die amerikanische auf die europäische Kontinentalplatte trifft und die Erdoberfläche immer wieder spektakulär aufreißt.

Lava für Schaulustige

Von den rund 130 Vulkanen sind noch rund 30 aktiv. Ihre Ausbrüche verändern Landschaften und das gesamte Leben – nicht nur auf der Insel selbst. Erinnern wir uns zurück: Vor rund zwölf Jahren war es der Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull, der den Flugverkehr in halb Europa mehrere Tage lang lahmlegte. Im vergangenen Frühjahr brach der Fagradalsfjall aus, nur 50 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. ­Monatelang schoss Lava in den Himmel und ergoss sich zähflüssig den Berg ­hinunter – ein faszinierendes Schauspiel. Und die Isländer bewiesen, dass die Vulkane erstens für sie zum Leben gehören wie der Tratsch mit dem Nachbarn und dass sie zweitens spontan und flexibel sind. Es dauerte nur ein paar Tage und schon wurden in der kargen Einöde nahe des Vulkans für die zahlreich herbei­strömenden Schaulustigen behelfsmäßige Parkplätze gezaubert, natürlich ­inklusive Imbissbude und Parkgebühr. Für den darniederliegenden Tourismus war es ein willkommener Turbo.

Vom Feuer zum Eis

Nahe von Húsafell wartet auf mich eine Tour auf den Langjökull (= langer Gletscher), den zweitgrößten Islands. Mit einem ausrangierten, mächtigen Monstertruck der NATO geht es aufs ewige Eis und zu einem Loch im blau schimmernden Gletscher. Hier steigt man in die kalte Unterwelt. Ein 500 Meter langer, in 14 Monaten harter Arbeit gebohrter Tunnel führt 25 Meter unter die Oberfläche des Gletschers. Unter meinen Füßen sind bis zu 200 Meter Eis bis zum Bergfels. Eines muss ich ehrlicherweise ge­stehen: Ich war ganz schön froh, als ich den Tunnelblick hinter mir lassen konnte und wieder den Himmel über Island sah. So stand dem Plan nichts mehr entgegen, den Norden Islands zu erkunden.

Auf dem Arctic Coast Way

Lange Zeit wurde diese Region von Reisenden links liegen gelassen. Als Arctic Coast Way promotet, kürte ihn der renom­mierte Lonely-Planet-Reiseführer vor Kurzem zu einem der spannendsten Reiseziele Europas. Zu Recht, denn hier ist man der Seele Islands viel näher als anderswo. Die 900 Kilometer lange, abwechslungsreiche Strecke windet sich ­entlang von sechs Halbinseln. Knapp unterhalb des Polarkreises gelegen, besticht Islands Norden mit seiner eindrucks­vollen Natur und mit 21 Fischerorten. Siglufjörður zum Beispiel symbolisiert die große Vergangenheit des isländischen Fischfangs. Um 1900 begann das Dorf dank reicher Heringsschwärme im Fjord unvermutet aufzublühen. Der Aufschwung währte jedoch nur einige Jahrzehnte. Wegen Überfischung blieb der Hering schließlich aus, und damit war Schluss mit dem Wohlstand. 

Heute zählen die Gewässer der unzähligen Fjorde im Norden Islands wieder zu den fischreichsten in ganz Europa. Sie sind Anziehungspunkt vor allem für Freunde der Natur und der maritimen Tierwelt. Hier tummeln sich das ganze Jahr über viele Giganten des Meeres, wie zum Beispiel Delfine, Orcas oder Buckelwale. Mit Glück kann man bei einer Whale-Watching-Tour sogar riesige Blauwale sichten, die mehr als 30 Meter lang und bis zu 180 Tonnen schwer werden können. Touren starten von Akureyri, der Hauptstadt des Nordens, oder von Húsavík aus. Dort wurde, unweit des lauschigen Hafens mit seinen bunten Holzhütten vor dem Steg, vor Kurzem eine neue Attraktion der ganz anderer Art geöffnet: eine Wellnessoase mit dem wohltuenden, warmen Wasser aus der Tiefe. 

Oasen für Körper und Geist

Über das ganze Land sind solche Bäder verteilt. Mal sind es ganz einfache, versteckte Badeplätze, wo man das ganze Jahr über die Seele baumeln lassen kann. Mal sind es stilvolle, moderne Paradiese für Körper und Geist. Die Wellnessoase von Húsavík zählt sicher zu den beeindruckendsten. Hier schwimmt man im stylishen Infinity-Pool, gönnt sich mal willkommene Ruhe und lässt den Blick über die weite Nordsee und den Fjord schweifen. Mit dieser grandiosen Aussicht könnte der Abschied vom Meer präch­tiger nicht sein, denn jetzt geht es ins ­Landesinnere. 

Mit einem Schlag ändern sich die Farben der Landschaft, die immer grüner wird. Rund um den See Mývatn – nicht zu Unrecht trägt er den Namen Mückensee – verzaubern kleine grüne Hügel, die ­aussehen wie von Malern hingetupft. Dazwischen beeindruckende Lavalandschaften mit versteinerten Riesen und Grotten, in denen man früher im heißen Wasser baden konnte, bevor seine Temperatur immer mehr zugenommen hat. Imposant die rauchende und brodelnde Erde im Hochtemperaturgebiet ­Námafjall mit einem Geothermie-Kraftwerk. Und einen Steinwurf davon entfernt ein silbrigblaues Naturbad, mit Wasser so weich wie Samt auf der Haut. So klingt jede noch so anstrengende Etappe beglückend aus.

Atemberaubender Wasserfall

Der nächste Tag beginnt früh und gewaltig. Verantwortlich dafür ist der Dettifoss, der atemberaubendste Wasserfall in dem an solchen Schauspielen überaus reichen Land. Noch lange bevor man dieses mächtige Naturwunder sieht, hört man es. Ein ganz eigenes, dumpfes Rauschen. Erreicht man eine Hügelkuppe, erblickt man den Gletscherfluss Jökulsá á Fjöllum, der über eine hundert Meter breite Kante in eine tiefe Schlucht stürzt. Urgewaltig und Ehrfurcht gebietend sind diese grau-braunen Wassermassen anzusehen. Und weil es doch immer noch besser werden kann, schaut genau jetzt die Sonne hinter einer Wolke hervor und über die tosende Schlucht spannt sich ein unendlicher ­Regenbogen. Ein Glücksfall, der sich bei der Tour später bei anderen imposanten Wasserfällen wiederholt. 

Genau solche Bilder machen Island zum Sehnsuchtsort speziell für Naturliebhaber. Ein unvergessliches Erlebnis jagt in diesem außergewöhnlichen Land das nächste. Da geht es Schlag auf Schlag. In der Nacht war es dann das Nordlicht, eine im Spätsommer äußerst ungewöhnliche Erscheinung. Dieses Ineinander­verschwimmen und Verschmelzen grüner, intensiver Farbnuancen der Aurora am schwarzen Nachthimmel lassen einen nur mit offenem Mund dastehen und nicht an Schlaf denken. 

Grünes Nordlicht und bunte Papageientaucher

Island beschenkt einen mit vielen solchen Überraschungen, die manchmal sogar hartgesottene Einheimische staunen lassen. So hat mir jeder versichert, für Papageientaucher oder Puffins wäre es leider schon viel zu spät im Jahr. „Sorry, aber die sind schon längst über alle Berge!“ So sehr habe ich mich auf diesen besonderen Vogel gefreut. Und wahrscheinlich hat ­Island einfach ein Einsehen mit jemandem wie mir. Tage später, an einer hohen Basaltfelsenklippe an einem schwarzen Lavastrand im Süden, ist es dann wirklich eine ganze Kolonie von Papageientauchern, die knapp über meinem Kopf gen Meer und zurück in ihr Nest fliegt. Unmöglich? Nicht in Island!

Apropos ­Süden, das nächste Ziel der Reise. Der Weg dahin führt mich entlang des Sees Lagarfljót, wo sich Island ein ­Tarngewand überwirft. Sonst ist die Insel nahezu baumlos und karg, nur ein halbes Prozent mit Wald bedeckt. Wer aber hier in einem Holzhaus direkt am Wasser nächtigt, könnte sich im fernen Kanada wähnen, mit dem Rundumblick auf bewaldete ­Hügel rund um den See. Eine wohltuende Abwechslung, die am nächsten Tag von der isländischen „Normalität“ wieder eingeholt wird, wenn ich über den Öxi-Pass in den Süden vorstoße. Diese Schotterpiste kürzt die Rundstrecke um viele Kilometer ab, ist jedoch nur im Sommer problemlos zu befahren. Und der währt in Island bekanntlich nicht sehr lange. Das Rütteln und Schütteln will kein Ende nehmen. Es wird aber immer wieder mit atemberaubenden Ausblicken auf unendliche, menschenleere Weiten belohnt, bis man endlich wieder ans Meer gelangt.

Als erster Halt nach der staubigen Tour eignet sich Höfn. Wer den Ruf dieses Städtchens als Hummer-Hauptstadt der Insel kennt, weiß wohl, womit man sich hier für die Weiterfahrt am besten stärkt.

Schönheit und Bedrohung

Jetzt nähert sich der Islandumfahrer dem größten Gletscher Europas, dem Vatnajökull. Schon von Weitem sieht man den mächtigen Eisberg. Doch in Wahrheit handelt es sich nur um seine Ausläufer. Weit ins Hinterland zieht sich der Vatnajökull. Er nimmt acht Prozent der Fläche Islands ein und besteht aus bis zu 1.000 Meter dickem Eis. Seine Schönheit birgt aber auch eine Bedrohung, denn unter dem ewigen Eis schlummern einige der aktivsten Vulkane. Wenn einer von ihnen ausbricht, wenn Feuer und Eis aufeinandertreffen und Sturzfluten auslösen, dann ist die Megakatastrophe perfekt. Dann reißt das Schmelzwasser die Ringstraße weg und zerstört die einzige Verbindung vom Süden in den Westen und zur 400 Kilometer entfernten Hauptstadt Reykjavík. Dann würde es heißen, die ganzen 1.000 Kilometer wieder zurück gegen den Uhrzeigersinn. 

Ein beunruhigender Gedanke, der aber sogleich verfliegt, wenn man sich dem Gletschersee Jökulsárlón am Fuße des Vatnajökull nähert. Immer wieder hört man hier ein lautes Rumoren in der Ferne, wenn der Gletscher kalbt. Riesige Eisblöcke, ja Eisberge in allen Farben des Blau brechen ab und stürzen in den See.

Gemächlich treiben zinshaushohe Eisschollen, umkurvt von Amphibienfahrzeugen und Schiffen voll mit Touristen, in Richtung eines schmalen Kanals. Von dort aus treiben sie schließlich aufs offene Meer hinaus. Stundenlang könnte man hier sitzen und zusehen, wie am schwarzen Diamond Beach Eisbrocken angespült werden. Eine Kulisse, die das Herz von Influencern höherschlagen lässt. Und vollen Einsatz fordert: Eine von ihnen legt bei frischen zehn Grad sogar alles bis auf ihre Unterwäsche ab, um sich auf einen angeschwemmten Eisblock zu setzen und minutenlang darauf für ihren Fotografen zu posen. Ihre Follower werden sicherlich eine Freude damit haben.

Elfen und Regen 

Langsam, aber stetig beginnt sich der isländische Kreis zu schließen, mit Attraktion nach Attraktion, nicht nur im Golden Circle, sondern entlang der gesamten Strecke. Bis man nach zehn Tagen Natur pur wieder ins von Menschenhand gestaltete Land kommt. Weil Reykjavík muss auf alle Fälle sein, nicht wegen seines mittlerweile verblassten Rufs als Party-Hauptstadt, sondern weil die City der 130.000-Einwohner-Metropole so intim und kuschelig ist wie eine Vorstadt mit kleinen Häusern und Vorgärten. Und auf dem Weg zum Flughafen darf man nicht auf Hafnarfjörður vergessen, die Elfenhochburg. Laut einer Sage sind Elfen die schmutzigen Kinder Evas, die sie vor Gott versteckt hat. Ausgerechnet jetzt öffnet der Himmel seine Schleusen und es beginnt zu regnen. Gut für die Elfen, denn damit werden sie reingewaschen.