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16. April 2024
Österreich Reise

Nachhaltig reisen: Tourismus-Chefs im Interview

Vom grünen Hotel bis zum Fahrradverleih: Das Bewusstsein für den Klimawandel und dessen Folgen sind in der Tourismusbranche angekommen. Nachhaltig reisen ist nicht nur ein Trend, sondern wird immer mehr zur Notwendigkeit. schauvorbei.at hat genauer nachgefragt – bei Norbert Kettner, Geschäftsführer von WienTourismus, Didi Tunkel, Geschäftsführer von Burgenland Tourismus, und Michael Duscher, Geschäftsführer der Niederösterreich-Werbung GmbH.

Frau sitzt im grünen Bereich des Hotel Gilbert in Wien
Das Hotel Gilbert in Wien-Neubau wurde beim europäischen Tourismus-Nachhaltigkeitspreis „GrINN Awards 2022“ als beste nachhaltige Unterkunft in Mitteleuropa ausgezeichnet. © Michael Königshofer

Wie lässt es sich vereinbaren, Touristen aus aller Welt zu empfangen und gleichzeitig den ökologischen Fußabdruck zu minimieren? Die Antwort liegt im Konzept des nachhaltigen Tourismus. Österreich setzt verstärkt auf entsprechende Maßnahmen, um zukunftsfit zu bleiben. Die Bandbreite reicht vom Einsatz erneuerbarer Energiequellen über die Förderung von Elektromobilität und Fahrradverleihen bis hin zur Reduzierung von Einwegplastik. Eines ist bereits sicher: Nachhaltig reisen ist ein Trend, der gekommen ist, um zu bleiben. schauvorbei.at hat die Tourismus-Chefs aus Wien, dem Burgenland und Niederösterreich um ihre Meinung gebeten.

Welche Rolle spielt das Thema „Nachhaltig reisen“ in Ihrer Region?

Norbert Kettner, Geschäftsführer von WienTourismus: Planet, People, Profit – Nachhaltigkeit im ökologischen, sozialen und ökonomischen Sinn ist die Leitlinie unseres Handelns, und das nicht erst seit Präsentation der Wiener Visitor Economy Strategie im Jahr 2019. Dort schreiben wir konkrete Ziele fest, die wir zusammen mit Wiens Tourismuswirtschaft erreichen wollen. So wollen wir die Zahl von Hotels und weiteren touristischen Institutionen – von Museen bis hin zur Gastronomie –, die mit dem österreichischen Umweltzeichen oder einem international anerkannten Umweltzertifikat beglaubigt sind, um 25% erhöhen.

Marketingseitig arbeiten wir verstärkt mit der Bahn zusammen, um bereits die Anreise nach Wien nachhaltiger zu gestalten. Nachhaltigkeit bedeutet aber auch die Weiterentwicklung von verträglichem Tourismus, hinter dem die Bevölkerung steht, und Gästezufriedenheit. In beiden Bereichen verzeichnet Wien seit Jahren Bestwerte. Und es geht um die Schaffung von Ganzjahresarbeitsplätzen und Wertschöpfung. Nicht nur unsere Branche, sondern die gesamte Stadt und die hier lebenden Menschen sollen vom Tourismus profitieren. Das Streben nach Qualität bleibt dabei oberste Maßgabe. Als Kultur- und Kongressdestination hat Wien hier beste Karten.

Didi Tunkel, Geschäftsführer von Burgenland Tourismus: In unserer aktuellen Tourismus-Strategie und im Masterplan 2030 wird Nachhaltigkeit als Querschnittsmaterie definiert und umfasst somit zukünftig alle Bereiche. Nachhaltigkeit wird sowohl sozioökonomisch, als auch ökologisch im burgenländischen Tourismus gedacht. Das Ziel ist, bis 2030 das Burgenland zu einer Urlaubsdestination mit nachhaltigem Lebensgenuss zu entwickeln. Dabei sollen alle touristischen Themen und Säulen verbunden und vernetzt werden.

Bereits jetzt hat das Land Burgenland hervorragende Rahmenbedingungen geschaffen, welche auch positive Auswirkungen auf einen nachhaltigen Tourismus im Burgenland haben. So kann das Burgenland bereits jetzt auf einen sehr hohen Anteil – nämlich 50% an erneuerbarer Energie (bzw. Wind- und Solarenergie) – als Eigenproduktion vorweisen. Bis 2030 strebt das Burgenland Energieautarkie an. Das heißt, unsere Tourismusbetriebe und Anbieter profitieren bereits jetzt und werden auch zukünftig noch mehr profitieren.

Vielfach haben die Betriebe – besonders große Stakeholder wie die Sonnentherme Lutzmannsburg oder St. Martins Therme & Lodge – schon auf nachhaltige Energiequellen umgerüstet. Das wird sich sicherlich in den nächsten Jahren noch verstärken. Weiters stehen rund ein Drittel des Landes mit sechs Naturparks und dem Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel unter Naturschutz. Die Vernetzung zwischen den Naturparken und dem Tourismus wurde wesentlich verstärkt und fördert eine nachhaltige Entwicklung von naturtouristischen Produkten und Angeboten, wie zum Beispiel Wandern, Radfahren oder Naturbeobachtung im Burgenland. 

Gleichzeitig wirkt auch die Bio-Offensive des Landes auf die Gastronomie. So können Tourismusbetriebe über die landeseigene Vermarktungsplattform „Biogenossenschaft Burgenland“ eGen-Bioprodukte von regionalen Produzenten erwerben.

Durch die Einführung von diversen Benefits für Mitarbeiter und die Erhöhung des Mindestlohns in den landeseigenen Tourismusbetrieben wird auch die soziale Dimension von Nachhaltigkeit erfasst. Wir hoffen auf eine Vorbildwirkung bei den anderen. Schließlich wird sich dies auch positiv auf die Mitarbeiterproblematik im Tourismus auswirken.

Insgesamt ist das Nachhaltigkeitsbewusstsein bei den Betrieben in den letzten Jahren gewachsen. Man muss allerdings ehrlicherweise sagen, dass bei der Nachfrage die touristische Nachhaltigkeit noch nicht so spürbar ist. Hier herrscht aktuell eher eine hohe Preissensibilität. Das sehen wir vor allem im Gastrobereich, aber auch bei der Beherbergung.

Michael Duscher, Geschäftsführer der Niederösterreich-Werbung GmbH: Nachhaltigkeit wird als zentraler Wert der Tourismusstrategie 2025 im touristischen Kontext umgesetzt. Nachhaltige Mobilität bildet darin einen Schwerpunkt und wird in die Kompetenzfelder der Tourismusstrategie 2025 integriert. Diese sind Regionale Kulinarik und Wein, Natur und Bewegungsräume, Kunst- und Kulturerlebnis sowie Gesundheitsexpertise .

Mit dem Klimawandel verschieben sich tendenziell die Jahreszeiten und damit auch die touristischen Saisonen. Mit einem Ganzjahrestourismus ist man wesentlich unabhängiger aufgestellt. Je breiter das touristische Angebot aufgestellt ist, desto besser kommt man durch jede Krise – auch was den Tourismus in Niederösterreich betrifft. Wir sehen Potenzial in Angeboten, die sich nicht nur auf eine Aktivität beschränken, wie beispielsweise im Winter das Skifahren. Wir bieten auch abseits der Piste sehr viel an.

Langlaufen und insbesondere das Skitourengehen erlebten in den letzten Jahren einen richtigen Hype. Bei Familien mit Kindern sind beispielsweise Alpakawanderungen im Winter eine beliebte Alternative zum Skifahren. Die immer milderen Winter machen es möglich, auch in den traditionellen Wintermonaten Dezember bis März in manchen Regionen Winterwanderungen zu unternehmen oder Outdoor-Ausflugsziele zu besuchen.

Welche Entwicklung wird hinsichtlich Nachhaltigkeit im Tourismus in den kommenden Jahren erwartet?

Norbert Kettner: Vermehrt zeigt sich, dass Nachhaltigkeit nicht nur eine ökologische Notwendigkeit darstellt. Sie bildet auch zunehmend die Grundlage unternehmerischer Wettbewerbsfähigkeit. Die Marktforschung belegt das sehr deutlich. Es werden vor allem jene Betriebe reüssieren, die umfassende Nachhaltigkeitsbestrebungen verfolgen, kein Greenwashing betreiben, fair zu ihren Mitarbeitenden sind und damit ihren Gästen Mehrwert bieten. Buchungsentscheidungen Reisender hängen schon jetzt oftmals davon ab. Das wird künftig noch zunehmen.

Didi Tunkel: Einer der großen Verursacher von CO2 im Tourismus ist die An- und Abreise der Gäste. Über 90% der Gäste kommen aktuell mit ihrem eignen Pkw ins Burgenland. Auch hier arbeiten wir an nachhaltigen Lösungen. So sind bereits jetzt viele kostenlose oder reduzierte Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln für jeden Besitzer mit der Burgenland Card möglich. Zusätzlich wird das öffentliche Verkehrsnetz vom Land Burgenland weiter ausgebaut, um eine Anreise ohne Pkw für Einheimische und Gäste zu ermöglichen.

Seit 4. September wird der öffentliche Nahverkehr im Burgenland neu strukturiert. Ergänzend zum bestehenden Liniensystem von Bahn und Bus führen dann auch die landeseigenen Verkehrsbetriebe Burgenland (VBB) rund ein halbes Dutzend neuer Buslinien sowie ein neues, flächendeckendes Anruf-Sammel-Taxi-System (BAST) für die Bezirke des Mittel- und des Südburgenlandes ein. Für unseren wichtigsten Markt wird auch die Verbindung nach Wien vielfach verbessert.

Im Fokus steht auch der Aufbau eines nachhaltigen Destinationsmanagements im Tourismus. Hier wird auch die Zertifizierung der Destinationen sowie der Tourismusbetriebe mit dem Umweltzeichen angedacht.

Michael Duscher: Wir sehen das steigende Bewusstsein für Nachhaltigkeit in unserer Zielgruppen als Chance für den Tourismus in Niederösterreich, da wir sehr nahe Herkunftsmärkte haben. Dazu zählen Wien, der Zentralraum Oberösterreich, Ostösterreich, Süddeutschland, Tschechien, die Slowakei und Ungarn. Der größte CO2-Abdruck entsteht ja bei der Anreise. So weisen wir in unserer Kommunikation, etwa bei unseren Ausflugszielen, gezielt auf die Möglichkeit der öffentlichen Anreise hin.

Der Besuch eines Ausflugsziels lässt sich auch ideal mit einem Radausflug kombinieren. Radfahren liegt als Freizeitaktivität nicht nur stark im Trend, sondern stellt auch eine besonders nachhaltige Form der Fortbewegung dar. Egal ob für den Kurzurlaub oder Ausflug: Niederösterreich bietet für Jung und Alt attraktive Möglichkeiten. Das Bundesland positioniert sich mit 4.000 Kilometern Ausflugsradrouten und 1.500 Kilometern Top-Radrouten als DAS Radland im Herzen Europas. 

Gibt es Vorzeigebeispiele?

Norbert Kettner: 140 touristische Betriebe, vom Hotel bis hin zum Restaurant, sind derzeit in Wien mit dem österreichischen Umweltzeichen oder einem vergleichbaren internationalen Label zertifiziert. Beinahe täglich werden es mehr. Rund 20% aller zertifizierten Beherbergungsbetriebe Österreichs befinden sich in Wien. Ende 2022 zählten wir rund 40% aller zertifizierten Betten im Land. 13 Wiener Museen tragen das Umweltzeichen, ebenso unsere Vienna City Card. Als erste Gästekarte weltweit wurde sie aufgrund ihrer umweltfreundlichen Mobilitätsangebote ausgezeichnet. Seit 2011 ist unser Vienna Convention Bureau Anlaufstelle für Kongress- und Firmenveranstalter, die ein Green Meeting durchführen wollen. Im Vorjahr fand mehr als die Hälfte aller in Österreich zertifizierten Green Meetings in Wien statt.

Didi Tunkel: Einer der ersten Pioniere in Österreich war das Hotel Vila Vita Pannonia im Pamhagen. Ihm wurde bereits vor 20 Jahren das österreichische Umweltzeichen verliehen und es ist ein großes Vorbild für viele andere. Hier wird Nachhaltigkeit sowohl in der Betriebsinfrastruktur, in der Gastronomie als auch auf Mitarbeiterebene gelebt.

Weitere große Vorbildbetriebe sind sicherlich die St. Martins Therme & Lodge, die sich seit vielen Jahren auch zum Thema Natur stark positioniert, oder die Sonnentherme & Sonnenhotel Lutzmannsburg, die erst jüngst ihre Photovoltaikanlagen erweitert hat. Aber es gibt auch viele Privatvermieterinnen und -vermieter sowie Pensionen, die durch unterschiedliche Maßnahmen, wie die Verwendung von regionalen (Bio-)Produkten bei der Verpflegung, Abholung von Bahnhof/Busstation, Produktion von Solarenergie usw. Nachhaltigkeit vorweisen. Die Zertifizierung der Tourismusbetriebe ist wie bereits erwähnt auch als Maßnahme in unserem Masterplan bis 2030 vorgesehen.

Michael Duscher: Die durch den Verkehr verursachten CO2-Emissionen sind im internationalen Tourismus das Top-Thema. Dazu machen auch wir unsere Hausaufgaben, zum Beispiel mit dem Positionspapier zur nachhaltigen touristischen Mobilität mit einem umfangreichen Maßnahmenplan. Es gibt positive Best-Practice-Beispiele, die als Benchmark wirken – Mobilität Semmering/Rax, der Shuttle zur Marillenblüte in der Wachau oder das Weinshuttle im Weinviertel.

Das Pilotprojekt „Mobilität Semmering/Rax“ ist ein Vorzeigebeispiel. Über 8.000 Gäste, vor allem Wanderurlauber und Kulturbesucher, nutzten diese Last-Mile-Lösung im Sommer 2022. Folgende Maßnahmen wurden gesetzt: Verstärkung der bestehenden VOR-Linien durch das Höllental und auf das Preiner Gscheid und Installation eines bedarfsorientierten Shuttles zwischen Reichenau – Payerbach – Kreuzberg – Breitenstein & Semmering.

Wäre es vorstellbar, nachhaltige Betriebe zu fördern oder passiert das vielleicht sogar schon?

Norbert Kettner: Die Politik orientiert ihre Förderkriterien zunehmend an nachhaltigen Aspekten. Was wir als Marketingorganisation in dieser Hinsicht tun können, ist, jenen Best Practices eine internationale Bühne zu bieten, die sich besonders in Sachen Nachhaltigkeit auszeichnen. So arbeiten wir etwa mit Social Businesses wie dem magdas Hotel oder der Vollpension zusammen. Wir präsentieren Vorzeigebetriebe aus Hotellerie und Gastronomie im weltweiten Destinationsmarketing, etwa im Rahmen unserer Medienarbeit, bei Branchenevents oder auf unseren reichweitenstarken Onlinekanälen. Zugleich informieren und vernetzen wir Wiener Unternehmen aus der Visitor Economy und maßgebliche Einheiten der Stadt Wien miteinander. Wir verfolgen Kooperationen auf internationaler Ebene und versuchen auch als Unternehmen selbst, so nachhaltig wie möglich zu handeln. Das beginnt bei der Kompensation der Emissionen aller Dienstflüge und geht mittlerweile schon so weit, dass wir – übrigens als Erste am österreichischen Markt – erfolgreich damit beginnen, auch digitale Kampagnen CO2-reduziert umzusetzen.

Didi Tunkel: Wir befinden uns derzeit in der Konzeptionsphase und es existieren bereits einige staatliche Förderprogramme für touristische Unternehmen. Unser erster Schritt besteht darin, abzustimmen, welche Aspekte der Nachhaltigkeit für Betriebe im Burgenland besonders wichtig sind und wie wir diese gezielt fördern können.

Michael Duscher: Generell denke ich, dass sich das gesteigerte Bewusstsein für Nachhaltigkeit bei den Gästen auch auf die Angebote der Betriebe auswirken wird. Denn alle Gastgeber sind stets bemüht, den Anforderungen der Zeit gerecht zu werden. Und da spielt die umweltbewusste, nachhaltige Lebensweise auch im Urlaub oder auf Reisen eine große Rolle.

Eine österreichweite Studie von INTEGRAL im April 2022 kommt zum Beispiel zum Ergebnis, dass eine Mehrheit Klimaschutz und Nachhaltigkeit bei der Reiseplanung berücksichtigen will. 65% wünschen sich umwelt- und sozialverträgliche touristische Angebote von ihrem Urlaubsort. Zudem achten 59% darauf, mit der Urlaubswahl das Klima nicht zu belasten. 56% planen, ihre Reisen künftig klimaschonend anzulegen.

Wir veranstalten als Niederösterreich Werbung heuer zum zweiten Mal unser Nachhaltigkeitssymposium, bei dem es heuer um regenerativen Tourismus geht. Hochkarätige Vortragende werden unseren Betrieben und Stakeholdern viele wichtige Inputs mitgeben. Also ich denke, wir entwickeln uns hier auf jeden Fall in die richtige Richtung.