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28. Mai 2024
International Reise

Natur pur in Utah

Der US-Bundesstaat Utah bietet großes Theater, ein Naturschauspiel der wahren Extraklasse. Ein Roadtrip durch eine Welt aus bizarren Felsen, heißen Wüsten, gigantischen Steinbögen und tiefen Canyons.

Blick auf die schroffen Felsen des Bryce Canyon National Park in Utah
Der Bryce Canyon National Park in Utah zählt zu den meistbesuchten Naturwundern Utahs. © Helmut Widmann

Es ist still, absolut still. Die Luft noch kühl, kein Windhauch streift durch die Bäume, die Vögel sind noch im Schlaf. Am Horizont kündigt sich der neue Tag mit einem orangen Streifen an, der langsam, aber stetig den ganzen Himmel erobert. Mein Blick streift über ein Naturschauspiel, das seinesgleichen sucht: Unter mir erstreckt sich in atemberaubendem Cinemascopeformat der Bryce Canyon. Tausende und Abertausende bis zu 60 Meter hohe Felsnadeln, Hoodoos genannt, bilden ein faszinierendes Amphitheater – ein Weltwunder, das über ewige Zeiten von Wind, Wasser und Eis, von Hitze und Kälte geformt wurde. Hier einen Sonnenaufgang zu erleben, vergisst man wohl ein Leben lang nicht.

Der Bryce Canyon National Park ist einer von Utahs sogenannten Mighty Five (= Mächtige Fünf), wie man die größten Naturwunder des Bundesstaats im Südwesten der USA nennt. Keinen davon ­sollte man auslassen. Ein Roadtrip zu den Mighty Five dauert mindestens fünf Tage. Je länger man sich dafür aber Zeit nimmt, desto mehr Entdeckungen kann man an der an Attraktionen reichen Route machen. 

Es ist eine rund 1.000 Kilometer lange Tour, die in Las Vegas startet. Von der Wüstenmetropole Nevadas aus ist das Colorado-Plateau nämlich am schnellsten zu erreichen. Nach einem kurzen Schwenk durch Arizona erreicht man nach knapp zwei Stunden Autofahrt Utah

Eine Welt ganz in Rot

Nach St. George wartet der erste Stopp beim Snow Canyon State Park. Hier befindet man sich auf gut 1.000 Metern Seehöhe, bevor es dann auf 2.000 Meter und mehr hinaufgehen wird. State Park nennt man übrigens die „kleinere Version“ der National Parks. Da kann man aber nur sagen: klein, aber oho! Das bemerkten ­sicher auch schon Robert Redford und John Wayne bei einem Filmdreh in dieser schroffen Felsengegend.

Diese ist wie eine Einstiegsdroge in die Landschaft des südlichen Utahs – eine Welt in Rot, die ihresgleichen sucht. Rot dominiert als alles bestimmende Farbe, höchstens mischt sich mal ein Ocker oder ein Orange dazu. Dem Weltenschöpfer muss hier der rote Farbkübel umgefallen sein. 

Grafton zählt zu Utahs weniger bekannten Geisterstädten und versetzt die spärlichen Besucher zurück in die Zeit vor 150 Jahren. © Helmut Widmann

Mitte des 19. Jahrhunderts drangen Siedler, Goldgräber und Glücksritter in dieses Gebiet vor. Wie diese lebten, kann man zum Beispiel in der Geisterstadt Grafton sehen. Das pittoreske Überbleibsel aus der Zeit des Wilden Westens mit Kirche und Schule ist den kleinen Umweg wert, bevor man mit Zion den wohl beliebtesten Na­tional Park von Utahs Mighty Five ­erreicht.

Beim alten Shuttlebus in den Park sind die offenen Dachklappen die einzige „Klimaanlage“. Zum Glück erreicht man schnell die Narrows genannten Canyons, die der Virgin River in den weichen Navajo-Sandstein geschnitten hat. Am Ende des schattigen River Walks hat man nur mehr die Option, durch den träge dahinfließenden Fluss zu waten. Dafür sollte man sich aber beim Outfitter am Parkeingang mit dem richtigen Equipment versorgt haben. Belohnt wird das wagemutige Abenteuer durch den Virgin River mit dem Anblick hoch aufragender Felswände, die immer mehr aufeinander zukommen wie in einer schmalen Schlucht. Wer das Risiko vermeiden will, auf glitschigen Steinen auszurutschen und ins kühle Nass zu fallen, wählt eine der vielen anderen Wanderrouten oder erkundet den National Park mit dem Bike. 

Auf Scenic Byways

Die Reise geht weiter, und eigentlich ist ja das Fahren selbst schon ein Erlebnis. Dafür sorgen unzählige sogenannte Scenic Byways, die zu wählen alles andere als ein Fehler ist – selbst wenn sich vielleicht die Distanzen dadurch vergrößern. So entscheide ich mich für den Mount Carmel Highway Scenic Drive, eine All-American-Road, die durch fast schon ikonische Tunnel führt. Wer hier unterwegs ist, fährt meist durch nahezu menschenleere Landschaften. Auf den Straßen kommt einem lange niemand entgegen, man hat das unbeschreibliche Gefühl, fast alleine zu sein. Utah zählt zu den am dünnsten besiedelten US-Bundesstaaten, und speziell im Süden regiert alleine die Natur.

Szenischer Highway am Roadtrip durch Utah
In Utah ist man auf wahren Traumstraßen unterwegs. © Helmut Widmann .

Bevor man den Bryce Canyon National Park erreicht, der eingangs schon gewürdigt wurde, empfiehlt sich ein Stopp beim Red Canyon direkt am Weg. Nicht nur, weil eine Verschnaufpause mal guttut, sondern auch angesichts der imposanten Felsformationen, die es zu erwandern gilt. Im Gegensatz zu anderen Parks wird hier nicht mit Schildern vor Begegnungen mit Pumas gewarnt, wie beruhigend.

Fünfzig Kilometer weiter erreicht man mit dem Kodachrome Basin State Park den nächsten Hotspot. Sollten Sie bei seinem Namen an Fotografie denken, dann haben Sie absolut recht: Der Park wurde nämlich nach den farbsatten Diapositivfilmen der Firma Kodak benannt. Warum wohl? Die Farben der Landschaft sind einfach überwältigend. Wenn man den Eindruck noch ein kleines Stück steigern will, kommt man am besten morgens oder abends. Dann leuchten die imposanten Felsnadeln und -kamine sogar noch eine Spur intensiver. 

Jedes Ziel ist einzigartig

Nach dem Bryce Canyon steht jetzt der dritte der Mighty Five von Utah am Programm. Und ich darf jetzt schon verraten: Egal, wie viele Parks man in Utah besucht, es wiederholt sich nichts. Jedes Naturjuwel ist für sich eine Besonderheit. Vom Dritten im Bunde, dem Capitol Reef National Park, trennen mich zweieinhalb Stunden – eine kurze Distanz angesichts der unendlichen Weiten der USA. Auch der Capitol Reef National Park beeindruckt mit seinen Felsen, zu deren Füßen sich der Fremont River dahinschlängelt. Seinem Wasser verdankt man hier einen besonderen Genuss, denn in einer grünen Oase gedeihen köstliche Marillen. In den Plantagen darf jeder einfach ernten und genießen. Das lassen sich natürlich auch die putzigen Eichhörnchen – Squirrels genannt – schmecken. 

Atemberaubende Landschaft des Goblin Valley State Park
Goblin Valley State Park: versteinerte Kobolde, so weit das Auge reicht. © Helmut Widmann

Schnell ist man aber zurück in der roten Wüste, wenn man Richtung Goblin Valley State Park weiterfährt. Die Abzweigung von der Hauptstraße zu dieser Attraktion lohnt sich allemal. Ein Umweg darf einen bei einem Roadtrip nie abschrecken. Schon gar nicht, wenn man von mächtigen Kobolden erwartet wird. Daran erinnern viele der durch Erosion geschaffenen Felsformationen, deshalb auch der Name des Parks. Entdeckt wurde das Tal einst von Cowboys auf der Suche nach ihren Rindern. Heute zählt der Goblin Valley State Park noch zu den Geheimtipps im Südwesten Utahs

Kulisse für Filmhits

Dagegen stehen Nummer vier und fünf der Mighty Five, die nächsten Highlights meines Roadtrips, sogar bei Hollywoodstars hoch im Kurs. Im Arches National Park mit seinen nahezu schon unwirklich aussehenden Steinbögen ließ zum Beispiel Steven Spielberg seinen Helden Indiana Jones gefährliche Abenteuer bestehen. Auch Ang Lee setzte in Hulk diese grandiose Landschaft wirkungsvoll ein. Von Moab aus erreicht man den Arches-Parkeingang in zehn Minuten, und dann taucht man ein in eine Natur, die weltweit ihresgleichen sucht. Der Double Arch besteht zum Beispiel aus zwei großen, beinahe rechtwinklig zueinander stehenden Bögen, und der Landscape Arch zählt mit 92 Metern Spannweite zu den größten Bögen der Erde. 

Einer von rund 2.000 Steinbögen im Arches National Park
Mehr als 2.000 Sandsteinbögen sind die Attraktion des Arches National Park. © Helmut Widmann

An der Straße durch den Park laden Aussichtspunkte zum Verweilen und Staunen ein. Und selbst bei großer Hitze kann man gar nicht anders, als auf den beschilderten Wegen zu den schönsten Steinbögen zu wandern. Dabei darf man aber nicht auf volle Wasserflaschen vergessen. Denn ­angesichts der Höhenlage des südlichen Utahs lautet das Motto: „Trinken, trinken und nochmals trinken!“ 

Auch der benachbarte Canyonlands National Park liegt unweit von Moab, der einzigen „richtigen“ Stadt auf meiner bisherigen Route, die diesen ­Namen verdient. Restaurants, ein Open-Air-Foodcorner, Shops und Galerien machen die 5.000-Seelen-Gemeinde zum beliebten Ausgangspunkt, um neben dem Arches auch den Canyonlands National Park zu besuchen – eine ebenfalls filmreife Location.

Eine Frau steht vor dem Abgrund des Canyonlands National Park
Vor dem Abgrund: Die unendlichen Weiten des Canyonlands National Park faszinieren. © Helmut Widmann

Hier wurden zum Beispiel Szenen für den Streifen Koyaanisqatsi gedreht, der die Beziehung zwischen Mensch und Natur zum Thema hat. Was auf der Leinwand stark beeindruckte, ist im wahren Leben noch spektakulärer. Tritt man an einem Aussichtspunkt an den Rand eines der Canyons, die der Colorado und der Green River aus der Hochebene geschnitten haben, steht einem der Mund offen: Wilde, zerklüftete Felsen fallen steil in die Tiefe. Und weil man sich daran nicht sattsehen kann, zweige ich bei der Rückfahrt nach Moab noch zum Dead Horse Point State Park ab, wo der Colorado River 600 Meter tiefer eine 180-Grad-Kehre macht.

Wo sich Präriehunde „Gute Nacht“ sagen

Zum Abschluss meines Roadtrips erwartet mich schließlich noch eine Überraschung der besonderen Art. Zuerst wähle ich den Dinosaur Diamond Prehistoric Highway, der vor dem Arches National Park abbiegt und idyllisch entlang des Colorado Rivers verläuft. Nimmt man danach nicht gleich den schnelleren Highway, sondern fährt noch auf einer Nebenstraße weiter, gelangt man nach Cisco.

Ganz Cisco ist ein wahres Kunstwerk und sieht nicht nur wie ein Filmset aus. Hier wurde etwa der Ridley-Scott-Streifen „Thelma & Louise“ mit Susan Sarandon und Brad Pitt gedreht. © Helmut Widmann

Aus der Ferne sieht man ein paar Häuser und Hütten, fast alle verfallen, mit löchrigen Dächern und windschiefen Zäunen. Dazwischen rostige Oldtimer, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Über die Straße huschen kleine quirlige Präriehunde und verschwinden wieder in ihren Erdlöchern. Im Bussards Belly General Store erfährt man von der resoluten Besitzerin: „Wir sind hier zu dritt, in Cisco.“ Da ist gute Nachbarschaft gefragt!

Infos

Umfassende und aktuelle Informationen zu den Attraktionen aller Bundesstaaten bietet die offizielle Website von Brand USA.