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28. Mai 2024
International Reise

Safari in Uganda auf einsamen Pfaden

Wer atemberaubende Natur ohne Touristen-Jeeps im Stau entdecken will, fährt am besten nach Uganda. Besucher pirschen mit Rangern durch die Savanne, sichten Schimpansen im Regenwald oder stapfen im Ruwenzori-Gebirge nahe des Äquators über Schnee.

Drei Baumlöwen auf einen Baum in der afrikanischen Savanne
Die Berglöwen im Queen Elizabeth National Park zählen zu den raren Spezies. © Getty Images

Es war einmal ein Lebemann und Autor, der seine Ehefrau Mary zum Geburtstag mit einem Rundflug über die Murchison Falls am Weißen Nil überraschte. Sie knipste aus dem Fenster der kleinen Cessna begeistert Fotos in der Gischt des gigantischen Wasserfalls, bis das Flugzeug einen Telegrafenmast streifte. Der Pilot legte eine Bruchlandung neben Krokodilen, Flusspferden, Elefanten und Wasserbüffeln hin, der Funkkontakt war abgerissen, der Pilot und die beiden Passagiere waren verschollen. Der Fluggast war niemand Geringerer als Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway – und so spekulierte man im Jänner 1954 tagelang darüber, dass dies wohl sein letztes Abenteuer gewesen sei.

Doch der Abenteurer dürfte so viele Leben wie eine Katze gehabt haben: Nach seiner Rettung und einem weiteren Flugzeugcrash (!) trat Hemingway vor die Mikrofone der Weltpresse. Eine unbezahlbare Werbung für die Artenvielfalt und bezaubernde Natur des ältesten Nationalparks Ugandas. Seit 113 Jahren ist die Gegend um diese Wasserfälle ein riesiges Wildschutzgebiet, was in den 1970er-Jahren den berüchtigten Diktator Idi Amin nicht daran hinderte, zur „Elfenbeingewinnung“ mit Maschinengewehren auf Elefantenherden schießen zu lassen. Unter seinem Regime wurden auch Nashörner und Raubkatzen so stark dezimiert, dass sie als ausgerottet galten.

Revival der Natur

Doch während der grausame Herrscher Geschichte ist, hat sich die Natur regeneriert: 15 Breitmaulnashörner, 1.400 Elefanten, Löwen und Leoparden, die seltene Rothschild-Giraffe und 420 Vogelarten haben die Savanne zurückerobert. Im Nordwesten liegt mit dem Murchison Falls National Park das größte geschützte Gebiet Ugandas. Den Namen verdankt dieses Naturjuwel jenen Wasserfällen, die den Nil über 43 Meter in die Tiefe zum Albertsee rauschen lassen. Flussabwärts bieten beide Uferseiten selbst für Safari-Routiniers außergewöhnliche Erlebnisse. Einzelne kleine Ausflugsschiffe gleiten leise vorbei, während Elefantenfamilien eine Rüsseldusche nehmen, Wasserbüffel grasen und Gazellen am Wasser nippen.

Sogar ein seltener Schuhschnabel sitzt auf einer Baumspitze und hält ruhig, er wirkt auf der Lauer im Jagdmodus wie ausgestopft. Der ungewöhnliche graue Pelikanvogel ist mehr als einen Meter hoch. Nur selten sind diese Sumpfbewohner zu sehen, aber hier bei den Murchison Falls verlieren viele Tierarten die Scheu. Obwohl dieser Nationalpark mit außergewöhnlicher Artenvielfalt punktet, ist er bei Weitem nicht so überlaufen wie bekanntere Safariziele in Kenia oder Tansania. Ugandas Nationalparks sind noch nicht so stark vom Massentourismus dominiert, die Bootstouren und Game Drives im Murchison Falls National Park bieten besonders ungestörte Erlebnisse.

Roadtrip und Trekking

Auf Asphaltstraßen mit Schlaglöchern geht es Richtung Südwesten. Am Straßenrand balancieren Frauen große Körbe auf dem Kopf, Kleinkinder führen noch jüngere Geschwister an der Hand, Burschen düsen auf selbst gebauten Tretrollern. Rinder mit riesigen Hörnern weiden neben der Straße. Seit mehr als 5.000 Jahren züchten die Hirtenvölker Watussirinder, je größer das Horn, desto wertvoller das Tier. Am Horizont taucht in flirrender Luft ein Gebirgszug auf. Ruwenzori ist das dritthöchste Gebirge Afrikas, mit bis zu 5.109 Meter hohen Gipfeln.

Bis zum Mai 2020 ermöglichte eine wackelige Hängebrücke Fußgängern die Wanderung zur Kilembe Community, wo eine mit Touristenspenden finanzierte Schule einheimischen Kindern Bildung ermöglicht. Nachdem ein dramatisches Hochwasser die Brücke weggespült hatte, errichtete die UNESCO am selben Platz ein Jahr später eine neue, höhere. Der Government of China Funds hat gemeinsam mit dem Weltkulturerbe Afrika und der Uganda Wildlife Authority dieses Projekt durchgeführt. Warum steckt China Geld in diese Infrastruktur?

Zwei Nationalparkranger im Dschungel
Ranger kümmern sich um die Tierwelt in den Nationalparks. © Claudia Schanza

Seit vielen Jahren engagiert sich die asiatische Wirtschaftsweltmacht in Afrika mit dem Hintergedanken, sich die Schürfrechte für seltene Erden zu sichern. Auf der Jagd nach den begehrten Rohstoffen für Smartphones, Waffensysteme und andere Hightech-Geräte haben die Chinesen die Nase vorn. Der Tourismus ist für Uganda eine weitere wichtige Einnahmequelle. Trekkingreisende haben die Wahl zwischen mehreren Trails nahe Kilembe im und beim Ruwenzori Mountains National Park. Bergwanderer können zum Beispiel die achttägige Kilembe-Trail-Tour buchen, die sie von 1.450 Metern Seehöhe mit genügend Akklimatisationszeit von Camp zu Camp hinaufführt.

Der höchste Punkt ist mit 4.845 Metern der Scott-Elliot-Pass, benannt nach dem Botaniker George Francis Scott- Elliot (1862–1934), der 1894 publizierte, was er zuvor bei seiner Expedition im Ruwenzori-Gebirge in seiner Botanisiertrommel gesammelt hatte. Sein erster Text „Auf dem Weg nach Uganda“ brachte viele Alpinisten auf die Idee, diese weißen Gipfel in Afrika zu erklimmen. Auf welche Ideen seine spätere Arbeit mit dem Titel „Die Romanze des wilden Lebens“ die Leserschaft gebracht hat, ist nicht überliefert.

Besuch bei den Baumlöwen

Eine kurze Strecke – in Afrika nicht gleichzusetzen mit einer kurzen Fahrzeit – führt zum weitläufigen Queen Elizabeth National Park. Er reicht im Westen Ugandas bis zum Virunga National Park an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo, im Norden bis zum Ruwenzori-Gebirge und umfasst große Seen. 95 Säugetierarten leben hier, darunter einige sehr rare Spezies wie die Baumlöwen. Normalerweise pirschen sich die Löwinnen in der Savanne an ihre Beute heran. Doch diese Art klettert geschmeidig wie Leoparden auf Bäume, rastet dort oder visiert mit gutem Ausblick die nächste Mahlzeit an. Beste Chancen auf eine Sichtung haben Gäste im Ishasha-Sektor dieses Nationalparks.

Neben Giraffen, Zebras, Büffeln, Gazellen, Warzenschweinen und anderen typischen Savannentieren zieht der Wasserreichtum dieser Landschaft mehr als 600 Vogelarten an. Der 32 Kilometer lange Kazinga-Kanal verbindet den Lake George mit dem Lake Edward. Bei einer Bootsfahrt klicken die Auslöser der Kameras ununterbrochen. In schillernden Farben flattern, jagen, stolzieren und brüten kleinste und riesige Vögel am Wasser: knallgelbe Webervögel, blitzblaue Eisvögel, rosa Flamingos, majestätische Seeadler und strahlend weiße Pelikane. Manche picken mit spitzem Schnabel Parasiten aus der Haut von Flusspferden oder Elefanten, andere weben hängende Nester oder pfeifen ein Lied für Vogelweibchen. Als eine Ausflüglerin auf die Idee kommt, zur Abkühlung die Beine über den Rand des gemächlich fahrenden Bootes ins Wasser zu strecken, stoppt sie der Bootsführer sofort: „Mama, no swimming or bathing!“ Die Krokodile werden noch länger auf einen Snack warten müssen.

Schauspiel der Schimpansen

Am nächsten Vormittag steht eine geführte Wanderung im Osten des Parks auf dem Programm. Im Dschungel der hundert Meter tiefen vulkanischen Kyambura-Schlucht leben viele Primaten, das Ziel der Parkranger und ihrer Gäste sind Schimpansen. Die Menschenaffen sind über den Besuch nicht erfreut, haben aber einige Ideen, die Begegnung unterhaltsam zu gestalten. Sie bewerfen die Touristen mit Kernen, tragen ihren Zank öffentlich aus und gehen miteinander ziemlich ruppig um.

Zum Gaudium eines Ehepaars, das sich auf einen umgefallenen Baumstamm setzt und das Schauspiel auf sich wirken lässt. Martin, ein pensionierter Biologielehrer, ist tief beeindruckt. „Bisher habe ich unsere nahen Verwandten nur im Zoo hinter Gitterstäben gesehen. Jetzt ahne ich, welchen Bewegungsdrang die Primaten haben und wie eingesperrt sie sich bei uns fühlen müssen.“

Die Landschaft der afrikanischen Savanne in der Abenddämmerung.
Wildromantisch ist die afrikanische Savanne in der Abenddämmerung. @ Shutterstock

Zu Fuß durch die Savanne

Im Südwesten bietet der kleinste Nationalpark Ugandas eine weitere, besondere Safari an. Zu Fuß statt im Jeep folgen Touristen den Rangern im Lake Mburo National Park. Möglich ist dieses Abenteuer, weil hier zwei Arten fehlen: Löwen und Elefanten. Diesen sollte man ja als Wanderer nicht direkt begegnen. Fünf Seen, deren größter der namensgebende Lake Mburo ist, spenden der abwechslungsreichen Landschaft jene Feuchtigkeit, die nötig ist, um offenes Grasland, Wälder und Sümpfe gedeihen zu lassen. Kleine und große Antilopenarten wie Impalas oder Topis äsen in großen Herden neben Wasserböcken und Zebras.

Hier gehen Tüpfelhyänen, Streifenschakale und Krokodile auf die Jagd – und spätestens mit dieser Information kommt kein Tourist auf die Idee, alleine durch das hohe Gras zu streifen. Denn die gut getarnten Tiere sind nicht zu sehen, selbst wenn sie ganz nahe sind. Ranger Moses führt in safarigrüner Uniform mit Machete und Gewehr nach dem Early Breakfast seine kleine Wandergruppe durch die Savanne. Tautropfen glitzern nach der kühlen Nacht auf den hüfthohen Grashalmen. Bei Sonnenaufgang geht es los, hell wird es hier das ganze Jahr über pünktlich um halb sieben. Moses bleibt immer wieder stehen, um in gemäßigter Lautstärke über die einzigartige Tierwelt zu informieren.

Gefährlichste Tiere Afrikas

Was glauben Sie, wovor muss man sich am meisten hüten? Es ist weder eine Raubkatze noch ein Krokodil oder eine Giftschlange. Moses erzählt: „Wenn Hippos angreifen, tun sie dies mit Eckzähnen, die fast einen Meter lang sind und den hundertfachen Beißdruck eines Menschen haben, doppelt so viel wie ein Löwe.“ Darum ist bei Lodges und Camps in Wassernähe nächtens Vorsicht geboten. In der Dunkelheit trampeln die sonnenempfindlichen Flusspferde an Land, um zu fressen.

Sie wirken tapsig, können aber verdammt schnell laufen. Diese Eigenschaften machen sie zum gefährlichsten Säugetier des Kontinents. Im Wasser sind sie sowieso unschlagbar. Kommt ihnen ein Boot zu nahe, dann kann es bei der Revierverteidigung schon mal zum Kentern gebracht werden. Pro Jahr gehen rund hundert Todesopfer auf das Konto dieser aggressiven Kolosse.

Elefanten, Büffel und Flusspferde an einem See.
Die Vielfalt der Fauna fasziniert bei einer Safari in Uganda. © Claudia Schanza

Die zweite topgefährliche Tierart sieht ganz anders aus. Es handelt sich um die Anophelesmücke. Sie ist winzig klein, überträgt aber die Infektionskrankheit Malaria. In feuchten Gebieten ist das Insekt verbreitet, doch für umsichtige Touristen keine Gefahr. Insektenschutz für Haut und Kleidung wehrt die Viecher ab, in der Reiseapotheke dürfen Malariaprophylaxe und -notfallbehandlung nicht fehlen.

Die kleine Touristengruppe rund um Moses ist so gut eingesprüht, dass die Mücken einen weiten Bogen machen und er selbst sich diese Vorsorge sparen kann. Vom südlichsten Punkt der Reise geht es 230 Kilometer nach Nordosten Richtung Hauptstadt Kampala am Viktoriasee. Am Flughafen Entebbe klicken sich die Touristen in der Wartehalle durch ihre Fotos und können kaum glauben, dass sie selbst Bilder wie aus GEO oder Universum gemacht haben. Und zum Glück ohne Bruchlandung wie Frau Hemingway.