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30. November 2023
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Nikolaj Coster-Waldau: Der Abenteurer im Interview

Nikolaj Coster-Waldau wurde durch die Fantasy-Serie „Game of Thrones“ zum Superstar. Inzwischen schreibt und produziert er selbst – wie aktuell auf Netflix mit „Against the Ice“ zu sehen ist. Im Filmdrama spielt er Ejnar Mikkelsen auf historischer Grönland-Expedition.

Schauspieler Nikolaj Coster-Waldau sitzt in entspannter Pose in einem verdunkelten Raum auf einer Ledercouch.
Schauspieler Nikolaj Coster-Waldau spricht mit schau über seine Zukunftspläne. © Scott Gries/Invision/AP

Seit „Game of Thrones“  kreischen die Massen, wenn Nikolaj Coster-Waldau auftaucht. Doch sein Erfolg kam nicht aus dem Nichts. Tatsächlich war es der dänische Thriller „Nightwatch – Nachtwache“, mit dem er bereits 1993 international auffiel – es gab immerhin ein Remake mit Ewan McGregor. In „Black Hawk Down“ war Coster-Waldau 2001 zu sehen. Die unbeschreibliche deutsche Produktion „Shadow of the Sword – Der Henker“ 2005, na ja, lassen wir das. Der dänische Schauspieler hat jedenfalls beschlossen, ab sofort selbst von Anfang an bei Projekten involviert zu sein. In „Against the Ice“ hieß das: zuerst schreiben, dann ab nach Grönland zum Dreh mit Schlittenhunden. Weil: Der Mann hat keine Angst vor Risiko. schau hat den 52-Jährigen bei der Berlinale interviewt. 

schau: Für „Against the Ice“ führen Sie eine Horde Schlittenhunde an. Können Sie überhaupt gut mit Hunden, Herr Coster-Waldau? 

Nikolaj Coster-Waldau: Ja, eigentlich schon, diese wunderbaren Schlittenhunde! Die Szenen mit dem Eisbären waren da schon schwieriger. Tatsächlich war es nämlich ein isländischer Judo-Schwergewichts-Champion, der mich da wie wild herumgeworfen hat. Ich wollte, dass es möglichst echt aussieht, und ließ meinen Kopf baumeln. Ich hatte dann prompt eine Gehirnerschütterung.

Grönland hat für Sie ja eine spezielle Bedeutung, Ihre Frau Nukâka stammt von dort … 

Grönland bedeutet mir viel. Es ist ein magischer Ort. Es ist so riesig, gleichzeitig leben nur 55.000 Menschen dort. Dieses Land gibt der eigenen Existenz die richtige Relation. Wir glauben immer, wir haben die Kontrolle, sind am oberen Ende der Nahrungskette. In Grönland sieht das anders aus. Wir haben den Großteil unseres Planeten – wir sprechen inzwischen vom Anthropozän – unseren Bedürfnissen angepasst. Aber dort oben ist der Planet noch wie vor Tausenden von Jahren. Man geht zehn Minuten hinaus und fühlt sich wie der erste Mensch inmitten völlig unberührter Natur.

Angenommen, Sie hätten vor 150 Jahren gelebt: Hätte Sie so eine Expedition interessiert? 

Wer weiß, vielleicht. Ich bin schon von Natur aus sehr neugierig. Aber was diese Leute erlebt haben, ist auch sehr furchteinflößend. In der Buchvorlage gibt es noch viel mehr Angriffe von Eisbären. Das ist auch so eine Sache in Grönland: Es gibt eine andere Einstellung zu Leben und Tod. Der Tod ist einfach ein Teil des Lebens. 

Ist so ein Projekt eine Art Gegenmittel zu dem Medienrummel, der Sie in den letzten Jahren umgeben hat?

Ganz ehrlich, ich erlebe das nur in relativ geringen Dosen. Der Rummel macht weniger als ein Prozent meines Lebens aus und ist dann auch ein Spaß. So was gibt es nur bei Premieren, wo dann geschrien wird und alle verrückt spielen.

Letztlich macht das Projekte wie dieses möglich, oder?

Sicher. „Game of Thrones“ hat viele Türen geöffnet. Aber wir hatten auch einen sehr spannenden Stoff und Netflix-Leute, die sich dafür interessiert haben. Wir wollten unbedingt „on location“ drehen, um Authentizität zu erzeugen. Wir hatten großes Glück mit Netflix als Partner, der das Ganze finanzieren konnte. Das Eis zu Beginn des Films haben wir an der Westküste Grönlands aufgenommen, so sieht es dort im Winter aus. Das ist kein CGI (Computer Generated Imagery, Anm. d. Red.). Und ich glaube schon, dass man das auch sieht und spürt. Es ist einfach etwas anderes, wenn man etwas nur am Computer erschafft, aber vielleicht bin ich da auch einfach ein Romantiker. 

Was waren die größten Herausforderungen, Herr Coster-Waldau?

Tatsächlich hatten wir vor dem Dreh die größten Herausforderungen – die Finanzierung und solche Dinge. Lustigerweise hat uns Corona in die Karten gespielt, zum Beispiel beim Dreh in Island. Normalerweise sind dort irrsinnig viele Touristen, die mit riesigen Trucks in die Gletscher fahren. Die Fahrzeuge waren nun alle frei. Die Stürme waren echt. In allen anderen Ländern hätte man abgebrochen. Wir haben gedreht, bis wir evakuiert wurden. Ganz ehrlich, ich habe das geliebt. Als Schauspieler macht man sich dann ums Spielen gar keine Gedanken mehr. Man spielt einfach. Vor ein paar Jahren habe ich einen Film ausschließlich mit Bluescreen gedreht. Das ist einfach kein Vergleich.

Wie haben diese Männer solche Expeditionen eigentlich je geschafft?

Ich glaube, letztlich ist es wie immer im Leben, wenn man ein großes Projekt vor sich hat – und sei es nur, dass man ein ganzes Zimmer ausmalt –, man beginnt in einer Ecke und dann geht es Schritt für Schritt weiter. Man muss halt daran glauben, dass es möglich ist. Erst wenn man die Hoffnung verliert, wird es schwierig, das ist mehr eine Kopfsache.

Gehören Ihre Töchter zu jener Generation, die gegen den Klimawandel kämpft? 

Ihnen ist die Wichtigkeit des Themas sehr bewusst. Ich selbst bin Botschafter für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen. Ich habe als junger Mensch auch schon protestiert. Meine Mutter hat mich als Kind auf ­Demos gegen Atomwaffen in Deutschland mitgenommen. Als ich 17 Jahre alt war, gab es das dänische Untergrund-Konsortium, eine junge rebellische Gruppe, bei der ich unbedingt mitmachen wollte. Es gab eine Aktion, bei der wir „die Tore der Macht verschließen“ wollten.

In der Stadt, in der ich in die Schule ging, sind wir zu zweit mit Sturmhauben losgezogen und haben die Türschlösser von Banken, Bürogebäuden und Schulen mit Klebstoff und Nägeln ruiniert. Wir glaubten wirklich, wir hätten damit etwas erreicht. Ich war sehr stolz, bis ich am Cover der Lokalzeitung „Sachschäden im Wert von 10.000 Euro“ las. Dann hatte ich Angst, ewig ins Gefängnis zu müssen. Noch dazu waren wir die Einzigen, die das wirklich durchgezogen haben. In Kopenhagen sind sie einfach zu Hause geblieben. Ich war sehr enttäuscht (lacht).

Aber ganz im Ernst: Schon damals war der Klimawandel ein Thema, man nannte ihn halt Treibhaus­effekt. Ich habe auch mit Lehrern gestritten. Wenn man älter wird, weiß man, wie viele Probleme es gleichzeitig auf der Welt gibt. Die Lage ist komplex. Und jetzt reden wir auch noch über einen Krieg in Europa (das Interview wurde am 16. 2. 2022 geführt, Anm. d. Red.). Die Menschheit ist nicht besonders klug. Wir brauchen mehr Geschichtsunterricht.

Danke für das Gespräch.