Story

Mit Michael Niavarani und Jenny Frankl zurück in die Zukunft

In der neuen Simpl-Revue „Alles bleibt anders“ nehmen Michael Niavarani und Jenny Frankl die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten aufs Korn. Warum gerade der Blick zurück so viele Pointen liefert, inwiefern das Publikum mitentscheidet und was die Zukunft der Wiener Kabarett-Institution bringt, erzählt das Duo im Interview.
Ein eingespieltes Team: Jenny Frankl und Michael Niavarani im Kabarett Simpl © Manuel Zauner – Blickwerk Fotografie

Seit Michael Niavarani 2019 das Kabarett Simpl gekauft hat, ist viel passiert – etwa die Zusammenarbeit mit Jenny Frankl, die 2023 in die künstlerische Leitung eingestiegen ist. Dass die beiden auf einer Wellenlänge sind, zeigt sich nicht nur auf der Bühne: Im schauvorbei.at-Talk anlässlich der aktuellen Simpl-Revue „Alles bleibt anders“ wird geneckt, gekontert und gelacht. Dabei gibt das Duo auch Einblicke in seine Zusammenarbeit, von der schonungslos ehrlichen Kritik aneinander über Pointen, die beim Publikum nicht immer zünden, bis hin zur Frage, ob Niavarani irgendwann auch abseits von Komödie und Kabarett glücklich wäre.

schauvorbei.at: Die neue Simpl-Revue „Alles bleibt anders“ beschäftigt sich unter anderem mit der Klage, dass früher alles besser war. Inwiefern ist diese Nostalgie ein dankbares Ziel für Humor?

Jenny Frankl: Die Floskel ist für uns Gold wert, weil sich alle Leute sofort verstanden fühlen und zuhören. Aber in Wirklichkeit leben wir in der besten Zeit, die es je gab.

schauvorbei.at: Woran liegt es, dass man so verklärt zurückblickt?

Michael Niavarani: Weil Neuerungen den Menschen Angst machen, auch wenn sie für Verbesserungen sorgen. Ein großes Thema derzeit ist zum Beispiel, wie gefährlich TikTok und Instagram sind, weil man darin versinkt und sich psychisch verändert. Dieses Problem hatten wir schon einmal, gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Damals begann eine Diskussion darüber, dass das Lesen von Romanen schädlich für die Seele des Menschen sei. Man würde in diese Geschichten hineinkippen, zu viel lesen und dadurch Schaden nehmen. Betroffen waren vor allem Frauen. Sie sollten nicht zu viel lesen, weil sie sonst hysterisch würden und Liebesgeschichten für die Wirklichkeit hielten.

Und schon die alten Römer haben sich darüber aufgeregt, dass die Jugend ständig neue Worte erfindet und dadurch die Sprache verdirbt. Was ist passiert? Gar nichts ist passiert. Es ist völlig wurscht, ob wir cringe oder peinlich oder sonst was sagen. In 100 Jahren wird cringe ein ganz normales Wort sein. Und alle werden sagen: „Die Leute, die nicht cringe sagen, machen unsere Sprache kaputt.“

Jenny Frankl: Es wiederholt sich alles – immer und immer wieder.

schauvorbei.at: Die menschlichen Verhaltensmuster wiederholen sich also, aber die Welt, in der wir leben, hat sich grundlegend verändert.

Michael Niavarani: Wir sind einfach nicht für die Umwelt gemacht, in der wir heute leben – für eine Umwelt, die wir uns selbst geschaffen haben. Wir bekommen an einem einzigen Tag mehr Nachrichten, als ein Mensch vor 200 Jahren in seinem ganzen Leben. Damals hast du in einem Dorf gelebt und vielleicht Monate später erfahren, dass irgendwo ein Krieg ausgebrochen ist. Da war der womöglich schon wieder vorbei.

Heute bekommen wir alles in Echtzeit mit und sind damit komplett überfordert. Der Stress entsteht also nicht unbedingt durch die Neuerung per se, sondern durch das, was sie uns ermöglicht. Es ist völlig sinnlos, drei Mal am Tag Nachrichten zu schauen. Die ZiB ein Mal in der Woche würde reichen. Aber wir glauben, alle zehn Sekunden nachschauen zu müssen.

Jenny Frankl: Mit Social Media ist es noch schlimmer. Du bekommst Nachrichten in der Sekunde aufs Handy, was natürlich super ist. Aber das, was man will, ist nicht immer auch das, was man braucht. Du (Michael Niavarani, Anm.) hast ja schon gesagt, dass der Mensch gar nicht dafür geschaffen ist. Wir wollen diesen ganzen Fortschritt, bräuchten ihn aber vielleicht nicht.

Michael Niavarani: Wir wollen den Fortschritt, weil wir uns mehr Komfort wünschen und glauben, dass es wichtig ist zu wissen, wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert. Das ist auch richtig – oder zumindest war es das, bis die Menschen die ersten großen Städte gegründet haben. Wenn eine Gruppe von Homo sapiens die Nachricht erhalten hat, dass in 500 Metern ein Säbelzahntiger herumläuft, war das eine lebenswichtige Information. Das Problem ist, dass wir heutzutage auch erfahren würden, wenn der Säbelzahntiger in China sein Unwesen treibt – und wir würden genauso erschrecken, als würde es uns betreffen. Dieses Phänomen ist wissenschaftlich untersucht. Wenn ich lese, dass ein Flugzeug im Kongo abgestürzt ist, denke ich: „Um Gottes Willen!“ Dabei ist das für mein eigenes Leben völlig irrelevant. Biologisch sind wir aber so veranlagt – und das hat einen guten Grund. Wenn jemand „Vorsicht, Säbelzahntiger!“ gerufen hat, sind wir losgelaufen.

Jenny Frankl: Unser Nervensystem bräuchte eigentlich mehr Ruhe. Gleichzeitig wollen wir all diese Informationen haben, das hat ja auch etwas Suchtartiges. Vielleicht hätte man sogar Stress, wenn man nicht ständig Nachrichten aufs Handy bekäme, weil man sich dann fragt, ob etwas Schlimmes passiert ist.

Michael Niavarani: Ja, aber ich glaube nicht, dass Sorgen allein so ein Problem sind. Einen Großteil der Zeit hat man keine Angst, dass etwas passiert. Oder denkst du dir jetzt: „Um Gottes Willen, was passiert jetzt Schlimmes in Paraguay?“

Jenny Frankl: Nein.

Michael Niavarani: Ich schon! (lacht)

Jenny Frankl: Aber ich meinte auch eher Sorgen, die sich aufs eigene Leben beziehen.

Michael Niavarani: Ah ja, genau, das schon.

Jenny Frankl: Wir haben einen Sketch im Programm über die Sorgen, die einen nicht schlafen lassen. Das kenne ich selbst extrem gut – du auch, oder?

Michael Niavarani: Ja.

Jenny Frankl: Diese Stimme im Kopf, die erst richtig munter wird, wenn man sich hinlegt und schlafen will, und einem dann alle Probleme aufzählt, die man gerade hat. Oder all die Dinge, die man jetzt ohnehin nicht lösen kann, weil man im Bett liegt. Eigentlich müsste man wieder aufstehen und die E-Mails schreiben, die man noch nicht geschrieben hat.

Michael Niavarani: Und für das, was man im Bett lösen könnte, ist wieder keiner da. (alle lachen) Bei der Kreativität gibt es genau dasselbe Phänomen. Wenn ich den ganzen Tag Zeit habe, weil wir keinen Termin haben, nehme ich mir vor, eine Liste für Sketche zu machen, die ich mit Jenny besprechen möchte, oder ein Stück zu schreiben. Und dann mache ich den ganzen Tag nichts. Ich schaue mir in meiner Bibliothek die Bücher an, statt sie zu lesen, scrolle stundenlang herum. Um halb vier in der Früh bin ich schon fast eingeschlafen – und in dem Moment, in dem ich von der Couch aufstehe, um ins Bett zu gehen, kommen plötzlich die Energie und der Entschluss: Jetzt setze ich mich hin und schreibe! Und ich denke mir: „Ich Sautrottel, warum habe ich diese Energie nicht um 17 Uhr gehabt?“

Bei den Sorgen ist es genau dasselbe. Du verdrängst sie die meiste Zeit. Ich verdränge, dass ich ein Stück schreiben muss, weil ich keine Idee habe und glaube, dass ich es jetzt nicht kann. Und wenn der Tag dann zu Ende geht, wird einem bewusst: Diesen Tag meines Lebens werde ich nie wieder erleben. Er ist vorbei. Und die Angst vor diesem Ende – dass der Tag vorbei ist und damit ein bisschen auch das Leben.

Jenny Frankl: Das kenne ich!

Michael Niavarani: Es gibt Esoteriker, die sagen, das sei die Angst vor dem Sterben. Das glaube ich nicht. Aber es ist die Angst vor dem Ende dieses Tages, der nie wieder kommt. Ich kann nichts mehr erledigen, nichts mehr nachholen. Und deshalb kommt am Schluss noch einmal so ein Energieschub, statt dass er schon um 16 Uhr da ist.

Jenny Frankl: Mir geht’s oft so mit meiner Me-Time.

Michael Niavarani: Me too heißt das. (alle lachen) Bitte, was ist Me-Time?

Jenny Frankl: Das, was du sowieso den ganzen Tag machst. (alle lachen)

Michael Niavarani: Das stimmt überhaupt nicht!

Jenny Frankl: Du hast viel Me-Time.

Michael Niavarani: Zeit, die ich nur für mich habe? Davon habe ich keine!

Jenny Frankl: Na, bitte! Also ich habe zwei Kinder und …

Michael Niavarani: O. k., also so gesehen … (alle lachen)

Jenny Frankl: Ich habe immer kurz vor dem Schlafengehen das Gefühl, dass ich noch nicht ins Bett gehen kann, weil ich zu wenig Zeit für mich hatte. Die Me-Time setzt für mich nämlich erst dann ein, wenn die Kinder im Bett sind.

Michael Niavarani: Und ich nicht mehr anrufe. (alle lachen)

Jenny Frankl: Genau. Da ist es dann immer schon so spät, aber ich denke mir: „Irgendetwas muss ich jetzt noch für mich machen, sonst habe ich den ganzen Tag nichts für mich gemacht.“ Und dann bleibe ich zu lange wach, weil ich Schlaf nicht als Me-Time verbuche.

schauvorbei.at: Ihr habt jetzt schon kurz den kreativen Prozess hinter euren Sketches angeschnitten. Wie gut muss man sich eigentlich kennen, um gemeinsam komisch zu sein?

Michael Niavarani: Also ich wollte ja sagen, man muss drei oder vier Mal miteinander geschlafen haben. (alle lachen) Aber: Man muss sich gar nicht kennen. Wenn man miteinander komisch ist, muss man nur denselben Humor haben. Und das hat man oder eben nicht. John Cleese hat einmal zu mir gesagt: „Komiker, die auf derselben Wellenlänge schwimmen, erkennen sich wie Hunde. Also wir …

Jenny Frankl: … schnüffeln uns gegenseitig am Oasch. (alle lachen)

Michael Niavarani: Das passiert mit wildfremden Menschen. Du bist irgendwo auf einer Party, wechselst zwei Sätze miteinander und es macht automatisch Klick. Das ist mir im Leben drei  Mal passiert. Zwei Mal mit der Jenny (schmunzelt) und einmal mit John Cleese. Der Humor ist das, was einen verbindet, und da kann man aus unterschiedlichen Galaxien kommen.

Jenny Frankl: Absolut. Jetzt kennen wir uns aber auch schon sehr lange, und da kommt ein gewisses Grundvertrauen dazu, bei dem wir wissen, dass wir Fehler machen dürfen und uns nicht gegenseitig verurteilen. Also niemand von uns sagt: „Das was du da gesagt hast, war ja richtig blöd!“

Michael Niavarani: Was? Das sagst du dauernd. (alle lachen)

Jenny Frankl: Wir fühlen uns sehr wohl miteinander und haben keinen Filter. So kommen wir auch schnell weiter, weil wir nicht höflich um den heißen Brei reden. Sätze wie „Das finde ich jetzt persönlich nicht so lustig, aber die Leute könnten das gut finden und das müssen wir vielleicht ausprobieren“ lassen wir weg.

Michael Niavarani: Wir sagen nicht „Danke für den Input – ich sehe dich“, sondern wir sagen „Des is a Schas“. (alle lachen) Und das ist etwas Großartiges, ich liebe es. Oder anders gesagt: Die Arbeit geht gar nicht anders. Höflichkeit in der Kunst ist sinnlos. Aber das heißt nicht, dass man sich aufführen muss wie diese patriarchalischen Regisseure, die glauben, sie müssten ihre Mitarbeiter anschreien. Dieses Verhalten hat nichts mit fehlenden Filtern zu tun, das ist einfach dumm. Aber wir sind schon manchmal so harsch zueinander, dass andere schon geglaubt haben, unsere Zusammenarbeit wäre vorbei und wir würden nie wieder miteinander reden.

Jenny Frankl: Aber das können wir, weil wir uns so stark respektieren. Du weißt, was du an mir hast – und umgekehrt. Wir können uns alles sagen und nehmen uns nichts böse.

Michael Niavarani: Genau. Eigentlich ist es unfair: Mit Menschen, von denen man viel hält, ist man viel ungeduldiger und 1.000 Mal strenger. „Was soll denn das jetzt wieder? Des is a Schas! Moch des gescheit!“ würde ich nie zu jemandem sagen, von dem ich weiß, dass er es nicht kann. Da würde ich sagen: „Das ist schon sehr gut – und jetzt schauen wir, dass wir vielleicht noch einen Schritt weiter kommen.“

Jenny Frankl: Es ist etwas sehr Intimes, wenn man versucht, etwas Lustiges zu machen. Wenn das in die Hose geht, tut das schon weh.

Michael Niavarani: Es brennt.

Jenny Frankl: Das ist jetzt ein anderes Thema. (alle lachen) Aber durch dieses gegenseitige Vertrauen kann man sich gut ausprobieren. Und das ist wichtig, um in der Kunst weiterzukommen. Man muss sich trauen, Sachen auszuprobieren.

schauvorbei.at: Apropos sich trauen, wie haben sich Humor und die Reaktion darauf in den vergangenen Jahren verändert – Stichwort Political Correctness?

Jenny Frankl: Wir wollen uns grundsätzlich über alles lustig machen und alles in unseren Humor einbeziehen. Dabei achten wir natürlich darauf, dass wir uns über die richtige Seite eines Themas lustig machen. Wir wollen niemanden verletzen, aber gleichzeitig auch nichts auslassen und trotzdem alle zum Lachen bringen.

Michael Niavarani: Wenn sich jemand verletzt fühlt, ist das sein Problem und nicht unseres. Niemand wird gezwungen, ins Kabarett zu gehen oder sich meine Witze anzuhören. Wenn jemand findet, dass ich zu weit gegangen bin und ihn beleidigt habe, kann er mir das sagen oder einfach nicht mehr kommen.

Diese große Aufregung darüber, was man auf der Bühne sagen darf und was nicht, verstehe ich überhaupt nicht. Natürlich darf man keine Menschen umbringen und Kinder nicht vergewaltigen. Aber es ist ein Riesenunterschied, ob ich etwas tue oder ob ich einen Witz darüber mache und mich dadurch mit einem Thema auseinandersetze. Jeder Philosoph darf über jedes Thema schreiben, Nachrichten dürfen präzise darüber berichten, wie jemand ermordet wurde. Aber ich darf keinen Witz machen? Ein Witz über Terrorismus kann sogar erleichternd sein, weil ich zum ersten Mal über etwas lache, vor dem ich Angst habe.

Wir achten allerdings sehr genau darauf, dass wir keine Witze auf Kosten von Menschen machen, die sich nicht wehren können. Es gibt Witze, die wahnsinnig menschenverachtend und gleichzeitig sehr lustig sind. Da muss man sich fragen: Was will ich damit eigentlich erreichen? Warum will ich, dass die Leute darüber lachen? Und da kommt das ins Spiel, was Jenny sagt und auch Ricky Gervais betont: Who is the target of the joke? Über welche Seite mache ich mich lustig? Wen treffe ich damit wirklich? Ich kann zum Beispiel einen Witz über Menschen im Rollstuhl machen, indem ich mich darüber lustig mache, dass es zu wenige barrierefreie Zugänge gibt. Entscheidend ist das Ziel des Witzes.

Es ist immer lustig, wenn man Minderheiten oder Menschen mit Behinderung trifft und sie sich darüber beschweren, dass keine Witze über sie gemacht wurden. Das ist mir schon oft passiert. Ich habe einmal ein Programm gemacht, das „Ein persischer Abend“ hieß. Darin habe ich Persisch und Deutsch gesprochen. Nach der Vorstellung kam ein Kurde zu mir und sagte: „Herr Niavarani, das ist eine Frechheit! Sie machen Witze über Perser, Österreicher, Franzosen, Engländer und Araber – aber keinen einzigen Witz über Kurden!“ Ich habe zu ihm gesagt: „Wer kein eigenes Land hat, kriegt keine eigenen Witze.“ (alle lachen) Da hat er wahnsinnig gelacht. Es war eigentlich eine schmerzhafte Bemerkung, aber sie hat ihn in dem Moment erlöst.

schauvorbei.at: Wenn ihr gemeinsam an Pointen arbeitet, was ist da schwieriger, gemeinsam einen guten Witz zu finden oder sich darauf zu einigen, welchen man wieder streicht?

Jenny Frankl: Wir sind froh, wenn wir überhaupt welche haben. (alle lachen) Nein, wir wollen eigentlich mit allen Witzen auf die Bühne gehen und lassen dann das Publikum entscheiden. Wenn das Publikum nicht lacht, ist der Witz weg.

schauvorbei.at: Es wird also laufend adaptiert?

Michael Niavarani: Nicht laufend, aber in den Previews, den ersten zwölf Vorstellungen.

Jenny Frankl: Genau, weil das Publikum bei der Komödie entscheidend ist. An welchen Stellen lachen die Zuschauer? Worüber? Und dann schreiben wir eventuell noch ein bisschen um, weil wir wissen: „Ah, das ist der Witz, der ihnen bei diesem Thema am besten gefallen hat.“ Und dann schauen wir, dass wir den Sketch noch mit dieser Art von Witzen füllen. Und was uns beide betrifft: Wir einigen uns eigentlich auf jeden Witz, weil wir im Grunde das Gleiche lustig finden.

Michael Niavarani: Nur ganz, ganz selten …

Jenny Frankl: Ja, wenn du mit deinen alten Witzen daherkommst.

Michael Niavarani: Du kommst doch meistens mit den alten Witzen daher.

Jenny Frankl: Nein, dieses Jahr …

Michael Niavarani: Also du mit deinen Farkas-Witzen …

Jenny Frankl: Ja, wurscht. (lacht) Das Publikum entscheidet jedenfalls mit.

Michael Niavarani: Das habe ich in England und Amerika gelernt – nicht, weil ich dort gearbeitet hätte, sondern weil ich Biografien von Menschen wie Neil Simon und Tina Fey gelesen habe. Wenn man sieht, wie in der Komödie gearbeitet wird, merkt man, dass die Leute nicht arrogant davon ausgehen, dass alles, was sie schreiben, automatisch lustig sein muss. Sie sagen: Du musst es ausprobieren.

John Cleese, mit dem ich auf der Bühne war, hat mir einmal einen Sketch von sich vorgelesen und mich gefragt: „Findest du das lustig?“ Ich habe geantwortet: „Ja, ich finde es lustig. Aber du musst doch wissen, ob du das lustig findest.“ Und er hat gesagt: „I have no fucking idea. We have to wait what the audience says.“ Und das sagt John Cleese, einer der ganz Großen der Komödie! Das ist so wichtig: Das Publikum macht das Programm zur Hälfte mit uns gemeinsam.

schauvorbei.at: Und bekommt davon gar nichts mit. 

Michael Niavarani: Und bekommt dafür auch nichts bezahlt. (alle lachen)

Jenny Frankl: Es würde auch gar nicht funktionieren, wenn man den Leuten sagen würde, dass sie ein Testpublikum sind.

schauvorbei.at: Wie waren denn die ersten Vorführungen von „Alles bleibt anders“?

Jenny Frankl: Gut, aber wir haben viel geändert.

Michael Niavarani: Zwei Sketches sind ganz rausgeflogen, einer davon hauptsächlich aus Zeitgründen. Es wäre möglich, ihn zu bearbeiten, aber das zahlt sich nicht aus, wenn das Programm ohnehin zu lange ist.

Jenny Frankl: Vielleicht nächstes Jahr. Wir produzieren ja immer einen Überschuss, der für uns eine Art Rettungsring ist und uns ermöglicht, etwas anderes zu streichen. Sonst haben wir ein Programm, bei dem das Publikum bei zwei Nummern nicht lacht, und was machen wir dann? Dann haben wir nichts und müssen uns unter Zeitdruck noch einmal hinsetzen und etwas Neues schreiben.

schauvorbei.at: Also besser immer Tickets für spätere Termine kaufen? 

Jenny Frankl: Nicht unbedingt, manche wollen alles sehen.

Michael Niavarani: Es gibt Leute, die kommen extra zur ersten Vorstellung oder zur zweiten oder dritten. Und manche kommen zur ersten, zweiten und dritten, weil sie wissen wollen, was sich ändert.

schauvorbei.at: Was bringt Michael Niavarani in ein Programm ein, das Jenny Frankl vielleicht nicht …

Michael Niavarani: Schönheit! (alle lachen)

Jenny Frankl: Ich soll doch antworten! … Schönheit! (alle lachen)

Michael Niavarani: Gut, was bringe ich ein, was du nicht einbringst?

Jenny Frankl: Die Regie zum Beispiel, das macht er ja …

Michael Niavarani: … wie du das sagst: „Regie macht er ja ganz gern.“ (lacht)

Jenny Frankl (spöttisch): Ja, suuuper macht er das!

Michael Niavarani: Ich bekomme auch immer ein Leckerli, wenn ich eine Idee habe.

Jenny Frankl: Ja, sieht man. (lacht) Die Regie macht er zusammen mit Helena Steele.

Michael Niavarani: Ich arbeite sehr gerne mit Leuten zusammen.

Jenny Frankl: Ja, genau. Wir brauchen beide den Austausch. Aber du bringst eher Wortwitze ein, ich eher die lustigen Situationen. Oder?

Michael Niavarani: Ich bin in den letzten Jahren sehr theoretisch geworden, weil ich mich schon so oft gefragt habe, was ich schreiben soll. Ich habe weniger diese situativen Ideen, die Jenny hat, und denke eher mechanisch: Wäre es nicht lustig, wenn jemand zur Tür hereinkommt und glaubt …? Ich denke also stärker in Comedy-Mechanismen. Ich beschäftige mich viel damit, wie diese Mechanismen funktionieren und wie man sie in einen Sketch einbauen kann. Dieses theoretische Wissen bringe ich beim Schreiben ein. 

Jenny Frankl: Stimmt, du kümmerst dich um die Exposition und gehst sehr theoretisch an die Sache heran. Du überlegst, wie man einen Sketch aufbauen muss, damit er funktioniert.

Michael Niavarani: Aber dahin habe ich mich erst entwickelt. Am Anfang habe ich rein intuitiv gearbeitet. Wenn mich vor 20 Jahren jemand gefragt hätte, wie ich schreibe, hätte ich gesagt: „Ich habe keine Ahnung. Ich setze mich einfach hin und hoffe, dass mir etwas einfällt.“ Das gibt es jetzt nicht mehr, ich setze mich einfach hin und weiß, dass mir nichts einfällt. (alle lachen) Ich setze mich erst hin, wenn ich eine Idee habe. Oder anders gesagt: Ich versuche heute, den Schreibprozess stärker zu analysieren als früher. Das ist, glaube ich, der Unterschied.

Jennys Ideen sind oft sehr situativ, aber manchmal ist es eigentlich auch genau umgekehrt. Was sie auf jeden Fall einbringt und was mir fehlt, ist eine junge weibliche Perspektive. Ich habe mich jahrelang bemüht, diese weibliche Perspektive einzubringen, aber sie hat leider nicht zurückgerufen. (lacht) Das ist für die Zukunft des Theaters, also des Simpl, ganz wichtig. Ich bin nun einmal ein 60-jähriger Mann. Egal, wie aufgeklärt, emanzipiert und feministisch man ist, man bleibt in gewisser Weise ein Mensch aus einer anderen Zeit. Der Erfolg des Hauses hängt deshalb auch damit zusammen, dass Jennys neue Perspektive dazugekommen ist.

Wobei mir diese Perspektive nicht fremd ist. Wenn Jenny etwas einbringt, denke ich nicht: „Hä?“, sondern: „Ah ja, ja, ja! Warum ist mir das nicht eingefallen?“ Es ist nichts völlig Absurdes, sondern etwas vollkommen Logisches.

Zum Beispiel der Sketch mit den drei Generationen von Frauen, den hätte ich auch schreiben können. Also die Großmutter, die Mutter und die Tochter am Begräbnis vom Großvater. Da ist fast alles, bis auf ein, zwei Wuchteln, von Jenny gewesen. Wie sollte denn ich zu diesem Thema etwas wirklich authentisch Lustiges schreiben? Ich bin ja keine Frau mit einer Mutter und einem Kind. Natürlich kann ich es fiktional erfinden, aber es ist immer besser, wenn es aus der eigenen Lebenswelt ist.

schauvorbei.at: Das ist auch schon die perfekte Überleitung zu unserer letzten Frage: Wie geht es mit dem Simpl in den nächsten Jahren weiter? 

Michael Niavarani: Die Reise geht dahin, dass der Tag kommen wird, an dem ich mich vor Jenny hinknien werde mit einem Ring. Und ich werde sie fragen: Möchtest du den Simpl kaufen? (alle lachen)

Jenny Frankl: Dann werde ich ihm mal aufhelfen …

Michael Niavarani: Was Wochen dauern wird … Und dann muss ich ins Spital. (lacht) Nein, also ich kann mir vorstellen, dass Jenny meine Nachfolgerin wird als Simpl-Chefin. Sie ist es eh schon. Jetzt machen wir alles zu zweit. Und irgendwann soll das Theater dir (Jenny Frankl, Anm.) gehören. Aber wenn es Leute gibt, die mehr bieten, bitte rufen Sie mich an! (alle lachen)

Jenny Frankl: Aber das dauert ja zum Glück noch sehr, sehr lange.

Michael Niavarani: Heute, als ich hierhergefahren bin, habe ich mich gefragt: Wie würde es sich anfühlen, wenn ich jetzt zu einer Premiere fahre, bei der ich vorher gar nichts gesehen habe und überhaupt nicht weiß, was mich erwartet? Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber letztlich ist die Frage: Wann lässt man los?

Im Kleinen lasse ich jetzt schon los. Unsere Zusammenarbeit ist auch deshalb so erfolgreich, weil Jenny nicht einfach bei mir mitarbeitet, sondern wir uns die Verantwortung teilen. Es gibt Bereiche, in denen sie entscheidet. Da habe ich schon losgelassen, und das ist etwas sehr Angenehmes, weil unsere Zusammenarbeit auf Vertrauen beruht. Ich denke mir: Das wird schon passen. Und sie denkt sich dasselbe.

Grundsätzlich werde ich aber nie ganz loslassen, denn ich weiß, dass ich nicht in Pension gehen werde. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwann gar nicht mehr auf der Bühne zu stehen – wie Peter Alexander, der 15 Jahre lang in Pension war.

Das heißt: Du (Jenny Frankl, Anm.) wirst mich eh nicht los.

Jenny Frankl: Gott sei Dank!

schauvorbei.at: Vielen Dank für das Gespräch! 

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