Seit 2015 haben sich laut Bundeskriminalamt Betrugsdelikte von 22.235 auf 50.641 Fälle in 2024 erhöht. Das entspricht einem Zuwachs von rund 128 Prozent. Schwerer Betrug verzeichnete einen Zuwachs von 135 Prozent, bei Veruntreuung hat sich die Zahl fast verdoppelt (+95 %).
„Die starke, ja schon fast dramatische Zunahme der kriminellen Delikte spiegelt auch meine berufliche Wahrnehmung wider“, sagt Martin Geyer, Experte auf diesem Gebiet. „Kriminelle Handlungen können zu hohen Schäden führen und in der Folge Konkurse und Anschlusskonkurse bei seriösen und anständig arbeitenden Unternehmen auslösen. Am Ende kommt es zu durchaus beträchtlichen Schädigungen der Unternehmen wie auch der Gesellschaft.“
Schärfere Gesetze wichtig
Besonders problematisch sind laut Geyer sogenannte Aufwertungsgewinne. Das sind buchhalterische Gewinne, die entstehen, wenn der Wert eines Vermögensgegenstands etwa mit einem Bewertungsgutachten nach oben korrigiert wird, ohne dass zum Beispiel bewertete Immobilien auch tatsächlich verkauft wurden. „Es sind also nicht realisierte Gewinne“, so Geyer. Diese sind grundsätzlich mit einer Ausschüttungssperre belegt. Doch durch spezielle Konstrukte, wie etwa durch den Verkauf innerhalb eines Konzerns, gelten solche stillen Reserven als realisiert und damit als ausschüttbar. „Das sollte sich der Gesetzgeber etwas genauer ansehen und die Ausschüttungssperre etwas strenger handhaben, um zu verhindern, dass zukünftig noch nicht realisierte Gewinne ausgeschüttet werden.“
Ein konkretes Beispiel für die Auswirkungen von Wirtschaftskriminalität ist der Fall von Henryk Sojka, einem Malermeister mit 20 Beschäftigten aus Wien. Sojka wurde von einem Immobilienunternehmer um Werklohn betrogen, was sein Unternehmen beinahe in den Ruin trieb. Um sich künftig zu schützen, setzt Sojka auf striktere Zahlungsbedingungen. „Bei Zahlungsverzug stellen wir mittlerweile die Arbeiten für Kunden ein. Diese Erkenntnis haben wir uns sehr teuer erkauft.“
Gier schaltet Hirn aus
Walter Strobl, Präsident des österreichischen Inkassoverbands und Geschäftsführer der INKO Inkasso GmbH, kennt noch andere effektive Mittel, um Wirtschaftskriminalität wirkungsvoll zu bekämpfen: „ein sauberes Forderungsmanagement, eine Bonitätsprüfung zum Beispiel beim Informationsdienstleister CRIF, ein gezieltes Mahnsystem bis hin zu einer gerichtlichen Dursetzung der aushaftenden Forderungen. Hier sind kompetente und seriöse Partner genauso wichtig wie der Faktor Zeit.“
Strobl verweist außerdem auf eine alte Weisheit: „Wenn ein Geschäft zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es kritisch zu hinterfragen. Denn gerade in Zeiten wie diesen, hat niemand etwas zu verschenken.“
Als eine weitere Quelle des Unglücks sieht Strobl Scheinfirmen auf der Unternehmensseite und Identitätsdiebstahl bei Privatpersonen. Scheinunternehmen kalkulieren billigst, liefern unzureichende Qualität und zerstören den Markt mit Dumping-Preisen. Seriöse Anbieter haben dagegen keine Chance, weil ihre kriminellen Gegenspieler verstanden haben, das Steuersystem zu hintergehen, in kritischen Situationen abtauchen oder Änderungen an der Eigentümerstruktur vornehmen. Selbst der Umstand, dass ein Unternehmen über eine ATU-Nummer, also über eine Steuernummer verfügt, ist längst keine Garantie mehr für einen seriösen Geschäftspartner.
Auch Identitätsdiebstähle hinterlassen viele Schäden an Unternehmen, mit dem einzigen Unterschied, dass die Einzelbeträge oft kleiner sind. In Summe sei der gesamtwirtschaftliche Schaden laut dem Inkassospezialisten Strobl jedoch enorm.
„Gegen diese Betrugsmaschen sind reguläre Maßnahmen oft erfolglos“, sagt Strobl. Es helfe hingegen „das Bewusstsein zu schärfen, aus der Vollkaskomentalität herauszutreten und den Blickwinkel zu ändern.“

