Der Zug der Schweizer Bahn fährt im wahrsten Sinne des Wortes wie auf Schienen gen Süden. Bei den Eidgenossen ist eine solche Reise noch ein wahrer Genuss. Zwei Stunden dauert es von Zürich bis nach Locarno. Zuerst geht es entlang des Vierwaldstättersees, bevor man kurz nach Andermatt an der Alpensüdseite die Grenzen des Tessins erreicht. Hier tickt das Land der Berge anders, die Landschaft wird sanfter, bis schließlich Palmen die Strecke säumen und italienischsprachige Schilder die deutschen ersetzen. Der großteils von Italien umgebene Kanton Tessin trägt den Spitznamen „Sonnenstube der Schweiz“. Als sonnig erweist sich auch das Gemüt seiner Bewohner: „Wir sind Südländer!“, sagt Jurij lachend und mit einem gewissen Stolz beim Abendessen in Locarno. Der Tessiner begleitet mich bei einer kleinen mehrtägigen Tour durch seine Heimat.
Film-Jetset in Locarno
Die erste Station der Reise ist schon großes Kino, auch das im wahrsten Sinne des Wortes: Die 16.000-Seelen-Stadt Locarno am Lago Maggiore ist seit 78 Jahren untrennbar mit dem Film Festival verbunden, das alljährlich im Sommer nicht nur zahlreiche Kulturprominenz magisch anzieht. Dem besten Film wird der Goldene Leopard verliehen, und es ist ein besonderes Erlebnis, wenn 8.000 Besucher an der malerischen, lang gezogenen Piazza Grande vor der Kulisse altehrwürdiger Häuser die Vorführungen auf der größten Leinwand Europas verfolgen. Auch wenn mal ein Sommergewitter über dem Publikum herunterkommt, bleiben eingefleischte Fans bis zum Filmende sitzen. Der große kopfsteinpflasterbesetzte Platz ist das ganze Jahr über die Seele und das Herz von Locarno sowie Schauplatz des Wochenmarkts, ebenso wie zum Beispiel eines Food Truck Festivals.
Genuss von einfach bis edel
Dass die italienische Schweiz ein Paradies für Genießer ist, liegt auf der Hand. Der Bogen spannt sich vom haubengekrönten Fine-Dining-Restaurant über romantische Tavernen bis zu kleinen „Heurigen“, die die Tradition hochhalten und hier Grotti heißen. Ein Besuch ist ein Muss, und so besteige ich mit Jurij in Locarno einen Bus, der uns in einer Viertelstunde den Hügel hinauf nach Losone zur Grotto Raffael bringt. Sie gilt schon seit 150 Jahren als Stätte der Gemütlichkeit und hier serviert man noch immer traditionelle Tessiner Gerichte, von Risotto ai funghi über Gnocchi aller Art und Filetto di Cavallo bis zu Luganighetta und Ossobuco di vitello. Dann noch perfekter Espresso, gekrönt von köstlichen Dolci. Und wenn man ein wenig Glück hat, sorgt der Wirt mit Gitarre und Gesang für die stimmungsvolle Untermalung des lukullischen Mahls.
Kamelie und Reis
Beim Spaziergang durch die Altstadt am nächsten Tag riecht man sofort: Locarno sagt es durch die Blume. Es ist die Stadt der Kamelie, der hier ein eigener Park mit 850 verschiedenen Sorten gewidmet ist, und in den engen Gässchen und kleinen Plätzen sieht man sie prächtig blühend an allen Ecken.
Nach diesem betörenden Dufterlebnis geht es von Locarno nach Ascona. Kein weiter Weg, denn man muss nur über die Maggia-Brücke fahren. Hier am Fluss, gleich neben dem Naturschutzgebiet Foce della Maggia, wächst Reis, eine absolute Besonderheit in der Schweiz. Seit 1997 leistet der landwirtschaftliche Betrieb Terreni alla Maggia Pionierarbeit in Sachen Reis und kultiviert im Trockenanbau die Sorte Lotus, eine sehr kochfeste Art, die sich hervorragend für Risotto eignet.
High Society in Ascona
Dieses Wissen macht hungrig, aber da hoffe ich auf Abhilfe in Ascona. Während seine Zwillingsstadt Locarno mit dem öffentlichen Seebad, dem Termali Salini & Spa und vielen Events ein Traumziel speziell für erlebnisfreudige Familien ist, gilt das mondänere Ascona als Heimat des Jetsets und der High Society. Schon das Flanieren an der Seepromenade macht Eindruck, entlang bunter, herrschaftlicher Häuser und einer Platanenallee, mit Blick auf das Wasser sowie auf hohe schlanke Palmen. Dann geht es hinein in die Altstadtgässchen, wo das Art Hotel Riposo einladend wirkt. Hier verspreche ich mir von der Trattoria Cortile dei Beati mit ihrem romantischen Innenhof Linderung meines Leidens. Mit einer feinen Speisekarte mit exzellenten Antipasti, Pastas, Fleisch und Fisch hat man die Qual der Wahl.
Als letzten Gang empfehle ich einen ganz besonderen, nämlich den die Treppen hinauf zur Dachterrasse. Von hier aus liegen einem Ascona und der Lago Maggiore malerisch zu Füßen, da kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Der Blick schweift über Brissago, den letzten Schweizer Ort vor der Grenze, hinüber nach Italien, auf das gegenüberliegende Ufer des Lago Maggiore mit dem 1.960 Meter hohen Monte Tamaro am Horizont und auf zwei kleine Inseln mitten im See.
Naturoase Brissago-Inseln
Auch als Landratte muss man dann gleich runter zur Schifffahrtsstation, die nächste Fähre besteigen und Kurs auf die Brissago-Inseln nehmen. Die kleinere ist nur von Gärtnern zu besuchen und darf von „Normalsterblichen“ nur von der Reling aus bestaunt werden. Aber die größere, San Pancrazio genannt, zählt zu den beliebtesten Ausflugszielen des Tessins. Hier bewegt man sich auf geschichtsträchtigem Boden, denn die Inseln waren schon spätestens zur Römerzeit besiedelt.
Berühmt wurden die Inseln durch die deutsch-russische Baronin Antoinette de Saint Léger, eine uneheliche Tochter des Zaren Alexander II., die auf der Hauptinsel eine Villa errichten und einen riesigen subtropischen Park anlegen ließ. Als die Baronin jedoch Konkurs machte und in einem Armenhaus endete, übernahm der deutsche Warenhausmillionär und Kunstsammler Max Emden den Besitz, und das grüne Paradies wurde international. Der exotische Botanische Garten mit Palmwiese und Duftgärtchen beherbergt heute 2.500 Arten und lädt mit seinen Pflanzen, unter anderem aus dem Mittelmeerraum, Südafrika, Kalifornien und Australien, zu einer Weltreise der besonderen Art ein.
Wer sich in diese einzigartige Insel verliebt – und Achtung, die Gefahr ist wahrlich groß –, der sollte hier am besten gleich ein paar Tage verbringen. Und zwar stilvoll als Gast der neoklassizistischen Villa Emden. Das kleine Hotel hat nur zehn Zimmer, also ohne rechtzeitiges Buchen geht gar nichts. Denn Insel und Villa sind auch als Hochzeitslocation sehr beliebt. Romantischer geht schwer. Der Platz ist übrigens auch geografisch einzigartig, denn hier am Lago Maggiore befindet man sich auf einer Seehöhe von 193 Metern und damit am tiefsten Punkt der Schweiz.
Kastanien, Jazz & Adrenalin
Die Pracht der vielen Blüten auf der Brissago-Insel ist natürlich im Frühling am größten. Doch Jurij legt mir auch den Herbst ans Herz, denn dann sind die Kastanien, für die das Tessin auch bekannt ist, reif. Die Edelkastanie war in dieser Region nämlich über Jahrhunderte das wichtigste Grundnahrungsmittel, quasi ein Armeleuteessen. Früher zählte die Schweiz ja zu den ärmsten Ländern und das Tessin zu den allerärmsten Regionen des Landes. Da hat sich vieles verändert, und heute gilt die stachelige Frucht als Delikatesse. Diese Tradition feiernd, steigen im ganzen Kanton, in jedem Dorf, im Oktober Castagnatas (Kastanienfeste). Das berühmteste und beliebteste Fest findet in Ascona direkt am Seeufer statt, mit vielen Marktständen, Volksmusik, Kunsthandwerk und Köstlichkeiten. Musikliebhaber sollten wiederum unbedingt im August an den Lago Maggiore kommen, wenn Swing, Dixieland, Blues und Gospel bei JazzAscona zu hören sind. Das Festival hat den „Ritterschlag“ erfahren, ist es doch das weltweit einzige, das von New Orleans offiziell genehmigt wurde.
Neben Genuss und Kultur steht das Tessin aber auch für Nervenkitzel. Das sollte man spätestens seit dem James-Bond-Film „Golden Eye“ wissen. In der Eröffnungssequenz stürzte sich Wayne Michaels, Stuntman von Pierce Brosnan, mit einem spektakulären Sprung 200 Meter in die Tiefe. Gedreht wurde im Jahr 1995 an der Contra-Staumauer am Eingang des Verzascatals, ein paar Kilometer von Locarno entfernt. Wollen Sie es James Bond gleichtun? Der 007-Sprung wurde dank des Films zu einer echten Touristenattraktion. Der 7,5 Sekunden lange freie Fall sorgt ganz sicher für einen rekordverdächtigen Adrenalinkick.
Die Stadt der Burgen
Ganz so schnell geht es nicht zu den nächsten Attraktionen des Tessins, die Region ist aber eine der kurzen Wege. So sind es zum Beispiel von Locarno nach Lugano, der mit 62.000 Einwohnern bevölkerungsreichsten Stadt des Kantons und Schweizer Finanzzentrum, nur 25 Minuten. Und nach Bellinzona braucht man gar nur eine Viertelstunde. So mancher macht den Fehler, bei der Fahrt in den Süden bei der Provinzhauptstadt einfach vorbeizufahren. Dabei ist Bellinzona, die als italienischste Stadt der Eidgenossen gilt, sogar eine eigene Reise wert.
Bella Italia in der Schweiz, Grandezza und Gemütlichkeit spürt man sofort, wenn man sich durch die mittelalterlichen Gässchen mit wunderschönen Pallazzi treiben lässt. Der Hauptplatz ist das „Wohnzimmer“ der Stadt. Am besten kommt man am Samstag hierher, denn da ist Markttag. Warme Polenta, Käse, Wurst und Speck, dazu feine Weine, Schnaps und Likör: Bei diesem Angebot geht einem das Herz über. Ende September steht bei einem Fest alles im Zeichen des Käses. Typisch ist zum Beispiel der Zincarlin dala Vall da Mücc, ein aus Rohmasse ausschließlich im Valle di Muggio hergestellter Käse. Seine an eine umgekippte Tasse erinnernde Form ist unverwechselbar, und sein einzigartiger Geschmack entsteht, indem der Zincarlin täglich mit Weißwein überpinselt wird. Diese Tradition wäre fast schon verloren gegangen, wurde aber zum Glück wiederentdeckt und erfreut heute Genießer. Wer auch ein regionstypisches Getränk sucht, wählt am besten eine Flasche Gazosa, eine klare, kohlensäurehaltige Limonade. Weil es beim Öffnen der Flaschen einen herrlichen Knall gibt, wurde die Gazosa früher im Volksmund „Champagner der Armen“ genannt.
So gestärkt geht es entlang der Stadtmauer hinauf zur Festung mit den drei Burgen Montebello, Sasso Corbaro und Castel Grande, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Und es wäre nicht die italienische Schweiz, wenn nicht auch Wein zwischen den Wehranlagen wachsen würde. Den Merlot rosso kann man vor Ort in der Grotto San Michele in einem beeindruckenden Gewölbesaal kosten, dazu werden köstliche Speisen serviert. Schon beim Lesen des Gerichts meiner Wahl läuft mir das Wasser im Mund zusammen: Tartare di salmone con erba cipollina, panna acida e insalat di finocchi.