schauvorbei.at: 2026 markiert ja das Ende der laufenden Strategieperiode. Wird es eine Fortsetzung in Richtung „Tourismusstrategie 2030“ geben? Und wenn ja, welche neuen Themen oder Herausforderungen zeichnen sich bereits ab?
Michael Duscher: Ja natürlich, wir sind im Hintergrund bereits sehr mit der Ausarbeitung der neuen Tourismusstrategie beschäftigt, die sich sowohl an die Strategie des Bundes und des Landes NÖ anlehnen wird und als Basis der Strategien unserer sechs Tourismusdestinationen dient. So viel sei schon jetzt verraten: Die Themen Customer Centricity, Digitalisierung und Nachhaltigkeit werden uns weiter stark beschäftigen. Das Stichwort Ganzjahrestourismus wird zu einem wichtigen strategischen Ziel und Schwerpunkt ausgebaut.
schauvorbei.at: Was macht Niederösterreich im Vergleich zu anderen Bundesländern touristisch unverwechselbar? Worin liegt Ihr persönlicher USP des Landes?
Michael Duscher: Der USP Niederösterreichs liegt ganz klar bei unseren Spitzenleistungen in den Bereichen Naturerlebnis mit Radfahren und Wandern, wie auch Kultur bis zu Kulinarik und Wein. Vom Wintersport bis zum Badeurlaub ist alles möglich, und noch dazu gibt es in Niederösterreich eine hohe Kompetenz im Gesundheits- und Wirtschaftstourismus.
Diese sehr breite Angebotspalette an Spitzenleistungen bietet auch viele Möglichkeiten zur weiteren Profilierung. Ein gutes Beispiel dafür ist der Weinherbst, der hier bei uns in Niederösterreich seinen Ursprung hat und als Original bekannt ist. Die vielen Facetten Niederösterreichs sieht man aber auch im Bereich der Kulinarik. Mit rund 200 Mitgliedsbetrieben vom Haubenlokal bis zum Dorfwirtshaus ist die Wirtshauskultur Niederösterreich Österreichs größte Qualitätsvereinigung ihrer Art und bietet so den vielen kulinarischen, regionalen Besonderheiten Niederösterreichs eine Bühne. Zuletzt konnten wir uns über 99 Gault&Millau-Hauben für niederösterreichische Betriebe, darunter die fünfte Haube für das Landhaus Bacher in Mautern freuen. Diese Auszeichnung haben nur neun Lokale in ganz Österreich und sie wirkt als wichtiger Impulsgeber für die gastronomische Landschaft Niederösterreichs.
Auch das Radangebot in Niederösterreich sucht ihresgleichen: Mit zehn Top-Ausflugsrouten mit 1.500 km Streckenlänge, 4.000 km regionalen Ausflugsrouten, 6.000 Kilometer Mountainbikestrecken mit elf Trailcenters und Trailparks, 2.000 Kilometer Gravelbike-Strecken und 370 zertifizierten Radpartner-Betrieben haben wir großes Potenzial, DAS Radland im Herzen Europas zu werden, woran wir konsequent arbeiten.
Mit heuer rund 365 Ausflugszielen der Niederösterreich-CARD, Österreichs beliebtester Ausflugskarte und unglaublichen 300 Festivals im Festival-Land Niederösterreich, wird das Programm abgerundet.
Mein persönlicher USP: In Niederösterreich kann man an einem Tag draußen aktiv sein, Kultur erleben, regional genießen und den Abend beim Heurigen oder im Wirtshaus ausklingen lassen – ein Gesamterlebnis zu jeder Jahreszeit.
schauvorbei.at: Der Claim „Einfach erfrischend“ steht für eine moderne, authentische und nachhaltige Urlaubswelt. Wie gelingt es, diese Haltung auch künftig mit Leben zu füllen?
Michael Duscher: In einer Welt, die immer komplexer wird, suchen Menschen nach tiefen und sinnstiftenden Erfahrungen – auch im Urlaub. Bewusste und im wahrsten Sinne erfrischende Auszeiten für Körper und Seele wie touristische Angebote, die auf nachhaltige Regeneration, Prävention und auch medizinische Begleitung – kurz Longevity – abzielen, liegen im Trend.
Wir in Niederösterreich zeichnen uns seit jeher durch eine hohe Gesundheitskompetenz aus und haben deshalb diese neue Form der „Achtsamkeit“ bereits in die letzte Strategie aufgenommen. Entwicklungen in diesem Bereich werden wir auch in Zukunft verstärkt im Blick behalten und weiter darauf reagieren.
Durch geschickte Kombinationen von Erlebnissen, wie etwa einem Festivalbesuch in magischen Kulissen abseits urbaner Räume mit regionstypischer Kulinarik, entstehen authentische Reiseerfahrungen, die auch länger in Erinnerung bleiben. Und das nicht nur in den klassischen Saisonen, sondern das ganze Jahr über.
So wollen wir nicht nur erfrischende Auszeiten zu jeder Zeit ermöglichen, sondern auch eine gleichmäßige Auslastung, sichere Wertschöpfung und Arbeitsplätze sowie mehr Planbarkeit für unsere Betriebe ermöglichen.
schauvorbei.at: Niederösterreich punktet stark im Inlandstourismus, öffnet sich aber auch zunehmend internationalen Märkten. Wie lässt sich dieser Spagat zwischen regionaler Verwurzelung und internationaler Ansprache meistern?
Michael Duscher: Als Niederösterreich Werbung denken wir alle unsere Maßnahmen und Leistungen aus der Sicht unserer Kundinnen und Kunden und richten uns konsequent nach der Zielgruppe. Wir greifen hierfür auf die Sinus-Meta-Milieus zurück und sprechen so Menschen mit ähnlichen Werten, Lebensstilen und Lebenseinstellungen an – unabhängig ihres Herkunftslandes. Und gerade das Milieu der sogenannten Postmateriellen sieht Regionalität als wichtigen Wert.
schauvorbei.at: Nachhaltigkeit ist längst kein Trend mehr, sondern eine Haltung. Welche konkreten Projekte oder Initiativen stehen 2026 im Vordergrund, um Niederösterreich als nachhaltiges Tourismusland weiter zu profilieren?
Michael Duscher: Für uns geht es im kommenden Jahr darum, das Thema Nachhaltigkeit als Leitbild in Betrieben, Gemeinden und Destinationen zu verankern.
Gelingen soll das zum Beispiel mit neuen E-Learning-Modulen zum nachhaltigen Tourismus, die eine fundierte, einheitliche Wissensbasis bieten und den Einstieg in einen strukturierten Qualifizierungsprozess bilden. Darauf aufbauend werden praxisorientierte Workshops angeboten, die Betriebe gezielt auf Nachhaltigkeitszertifizierungen vorbereiten und helfen, ökologische, soziale und wirtschaftliche Ziele messbarer zu machen.
Ziel ist ein regenerativer Tourismus: Wir wollen den Regionen langfristig mehr zurückgeben als durch Tourismus entnommen wird, etwa durch Projekte zur Förderung der Biodiversität, zur Stärkung regionaler Kreisläufe oder zur Lenkung von Besucherströmen. Dafür arbeiten wir eng mit verschiedensten Partnerinnen und Partnern zusammen und kommunizieren unsere Maßnahmen auch aktiv.
schauvorbei.at: Tourismus 4.0 ist ein zentrales Schlagwort der Strategie. Welche Rolle spielt die Digitalisierung künftig in der Gästeansprache und im touristischen Erlebnis?
Michael Duscher: Wer heute verreist, erwartet Orientierung, Inspiration und Serviceleistung in Echtzeit – und das nahtlos über digitale Kanäle. Genau deshalb denken wir Digitalisierung in all unseren Prozessen von Anfang an mit. Seit 2023 setzen wir einen breit angelegten Digitalisierungsprozess um, der nun Schritt für Schritt sichtbar wird.
Ein zentraler Meilenstein ist der Launch unserer neuen Niederösterreich-Website Anfang 2026 sowie weiterer rund 80 Partnerseiten, die unsere gesamte Angebotsvielfalt modern und nutzerfreundlich abbilden. Gleichzeitig bietet sie unseren touristischen Partnerinnen und Partnern eine starke Bühne.
Ein besonderes Highlight wird der integrierte KI-Chatbot sein, der Fragen der Gäste direkt beantwortet und ihnen das passende Angebot in Sekundenschnelle liefert. Er macht Informationen zugänglich, vereinfacht die Reiseplanung und schafft ein neues Servicelevel, das auf die Bedürfnisse der Gäste von heute zugeschnitten ist.
schauvorbei.at: Wie wichtig sind Kooperationen, etwa zwischen Tourismus, Kultur und Landwirtschaft, für die Weiterentwicklung des touristischen Angebots in Niederösterreich?
Michael Duscher: Gemeinsam erreichen wir mehr, das gilt auch in Bezug auf das touristische Gesamterlebnis und in weiterer Folge auch für die Zufriedenheit unserer Gäste.
Ein weiteres Paradebeispiel dafür, wie erfolgreich sich Kooperationen entwickeln können, ist unsere Veranstaltungsreihe „Kultur bei Winzerinnen und Winzern“, wobei Tourismus, Kultur und Landwirtschaft eng zusammenarbeiten. Kultur ist bei diesen Events keine Heurigenmusik im Hintergrund, der Wein keine Verpflegung für den Konzertbesuch. Beide begegnen sich auf Augenhöhe und werden so zu einem inspirierenden Gesamterlebnis, das die Gäste anspricht. Insgesamt konnten wir 2025 rund 2.800 Karten verkaufen, ein Großteil der 34 Abende war ausverkauft.
schauvorbei.at: Niederösterreich hat in den letzten Jahren eindrucksvoll gezeigt, wie Kultur und Natur zusammenwirken können. Welche kulturellen und erlebnisorientierten Formate werden 2026 besonders im Fokus stehen?
Michael Duscher: Die große Stärke unseres Landes liegt darin, hochwertige Kunst- und Kulturerlebnisse nicht nur in urbanen Räumen, sondern gerade auch in ländlichen Regionen zu bieten – oft eingebettet in beeindruckende Landschaften und ergänzt durch regionale Küche. Diese Kombination macht Niederösterreich als Kultur-Tourismusdestination einzigartig.
Diese besondere Verbindung von Kultur, Natur und Kulinarik wollen wir noch stärker ins Zentrum rücken. Hierfür haben wir mit dem Festival-Land Niederösterreich, das über 300 Festivals aus unterschiedlichsten Sparten abbildet, schon eine stabile Grundlage geschaffen.
Aus touristischer Perspektive denken wir hier Kultur ganz bewusst als Gesamterlebnis: Die Plattform inspiriert nicht nur zu einem Festivalbesuch, sondern zeigt auch passende Unterkünfte, Aktivitäten und kulinarische Angebote. So wird aus dem Festivalbesuch ein Kultur-Kurzurlaub, was sich positiv auf die Aufenthaltsdauer und die Wertschöpfung auswirkt.
schauvorbei.at: Selected Stays sind mehr als Unterkünfte. Sie erzählen Geschichten und spiegeln die Werte Niederösterreichs wider. Welche Kriterien müssen Betriebe erfüllen, um Teil dieses exklusiven Netzwerks zu werden? Und wie wird sichergestellt, dass jede dieser Herbergen auch langfristig dieses Versprechen von Authentizität, Qualität und Besonderheit einlöst?
Michael Duscher: Bei der Entwicklung der Selected Stays haben wir großen Wert auf Qualitätssicherheit und Markenkompatibilität gelegt. Grundlage für die Auswahl ist unter anderem der anerkannte Trust-You-Score, der eine objektive und international etablierte Bewertungsbasis liefert. Zusätzlich haben wir das gesamte Konzept – von den vier Kategorien bis zu den dahinterliegenden Kriterien – in der Zielgruppe marktforscherisch getestet, um sicherzustellen, dass die Erwartungen der Gäste erfüllt und die Werte unserer Tourismus- und Markenstrategie präzise getroffen werden.
Aktuell gehören 56 handverlesene Unterkünfte dem Netzwerk an. Sie zeichnen sich durch besondere Lage, Ausstattung, Architektur oder ein außergewöhnliches Gesamterlebnis aus. Die vier Kategorien spiegeln diese Vielfalt wider:
- Classic Stays: klassische Unterkünfte mit besonderer Ausstattung und stilvoller Atmosphäre
- Pure Stays: Betriebe mit starkem Nachhaltigkeitsfokus und engem Naturbezug
- Unique Stays: Herbergen, die ein einzigartiges, unverwechselbares Urlaubserlebnis bieten
- Urban Stays: ideal für Entdeckungsreisen in unsere kleinen feinen Städte oder als Ausgangspunkt für Ausflüge
Damit dieses Versprechen auch langfristig eingelöst wird, setzen wir auf einen klar strukturierten Qualitätsprozess: Jeder Betrieb wird geprüft, ausgewählt und regelmäßig hinsichtlich der Qualitätskriterien bewertet. Und eines kann man schon jetzt sagen: Die Resonanz ist enorm positiv. Gäste wie Partnerinnen und Partner schätzen das ehrliche Qualitätsversprechen, und deshalb wird die Initiative Selected Stays auch 2026 weitergeführt und wachsen.
schauvorbei.at: Die kommende Landesausstellung widmet sich dem Thema Gesundheit und wird in Amstetten-Mauer stattfinden. Welche inhaltlichen und inszenatorischen Schwerpunkte setzen Sie, um dieses Thema touristisch greifbar und für ein breites Publikum erlebbar zu machen – auch über die Ausstellung hinaus?
Michael Duscher: Die Landesausstellung ist immer auch eine Einladung, die jeweilige Region näher kennenzulernen. Mit dem Landesklinikum Mauer als Schauplatz bietet sich im kommenden Jahr die Möglichkeit, die Region Moststraße zu erkunden.
Mit Kombi-Angeboten wird es Besucherinnen und Besuchern der Landesausstellung leicht gemacht, mehr zu entdecken. Sie erhalten gemeinsam mit Eintritt und Führung etwa auch ein Mittagessen bei einem Moststraße-Wirt inklusive regionaler Getränkebegleitung und Zutritt zu einem zusätzlichen Programmpunkt aus Kulinarik oder Kultur.
Rund um die Landesausstellung entstehen in der Region außerdem spannende Begleitprojekte, die das Ausstellungsthema auf vielfältige, berührende und erlebnisreiche Weise aufgreifen. In Haag etwa wird ein „Raum der Stille“ geschaffen, der zum Träumen und Verweilen einlädt – ein Ort der Ruhe, an dem man sich selbst wieder spüren kann. Oder die Ausstellung „Am Fluss“ im Schloss Ulmerfeld wird zeigen, wie sehr Landschaft und Lebensumfeld die seelische Gesundheit prägen. So bleibt das Ausstellungsthema auch nach der Landesausstellung in der Region spürbar.
schauvorbei.at: Wenn Sie den Tourismus in Niederösterreich in einem Satz beschreiben müssten: Wie soll er im Jahr 2030 wahrgenommen werden?
Michael Duscher: Mit ihren Spitzenleistungen in Natur, Kultur und Kulinarik ist Niederösterreich eine Destination, die das ganze Jahr über viele Erlebnisse zu bieten hat – von der Niederösterreich-CARD mit 365 Ausflugszielen, rund 300 Festivals und etwa 200 Wirtshauskultur-Betrieben bis zu Wanderungen, Radtouren, Wellness und dem Weinherbst mit Kellergassenfesten und Verkostungen, während in den Selected Stays Stil, Ruhe und unvergessliche Momente warten.
schauvorbei.at: Vielen Dank für das Gespräch!
