Heidelbeerhugo, geboren in den frühen 80er-Jahren, also Kind der 90er, ist Sohn einer serbischen Mutter, Ehemann und Familienvater. Nach zwei Jahrzehnten im Marketing tauschte er vor vier Jahren den Schreibtisch gegen die Kabarettbühne und spielte bereits mit seinem Debütprogramm „Was frag ich auch so blöd?“ vor ausverkauften Häusern. Aktuell tourt er mit seinem zweiten Programm „10-Meter-Turm“ durch Österreich. schauvorbei.at hat den Kabarettisten und Content-Creator zum Gespräch getroffen.
schauvorbei.at: Deine Karriere begann im Juni 2022, als du auf Anraten deiner Frau erste Comedy-Videos auf Social Media veröffentlicht hast. Welche Eigenschaften an dir brachten sie dazu, dir diesen wegweisenden Tipp zu geben?
Heidelbeerhugo: Meine Frau hat gemeint, ich bringe die Leute immer zum Lachen, deshalb würde ich ins Fernsehen oder auf die Bühne gehören statt hinter den Schreibtisch. Sie hat schon immer mehr in mir gesehen als ich selbst beziehungsweise hat mir das zugetraut, ich war damals noch nicht so mutig. Sie hat mich über Monate und Jahre aufgebaut und gesagt, ich soll’s mal auf Social Media probieren. Und falls es nicht funktionieren sollte, kann ich alle Videos ja wieder löschen. Hauptsache, ich muss mich nicht mehr fragen: „Was wäre wenn?“ Also habe ich den Schritt gewagt und es hat funktioniert. Gott sei Dank, ich freue mich sehr darüber und bin ihr unendlich dankbar!
schauvorbei.at: Warst du also schon früher derjenige, der seine Familie und Freunde zum Lachen brachte?
Heidelbeerhugo: Ja, das war schon immer Teil meiner Persönlichkeit. Ich war Klassenclown und Klassensprecher. Und bei Gruppenarbeiten war immer ich der, der reden musste. Das ist mir auch gelegen und ich habe es gerne gemacht. Mich hat es ehrlich gesagt auch nie gestört, dass man mich dabei anglotzt.
schauvorbei.at: Weil es Michael Bauers wie Sand am Meer gibt, hast du für deine Tätigkeit als Kabarettist den Künstlernamen „Heidelbeerhugo“ gewählt. Möchtest du dieses Alias auch mit wachsender Bekanntheit beibehalten oder würdest du in Zukunft lieber vermehrt unter deinem bürgerlichen Namen auftreten?
Heidelbeerhugo: Mein Management und ich haben kürzlich entschieden, in der Öffentlichkeit voll auf Heidelbeerhugo zu gehen. Den Namen merken sich die Leute gut, schon allein durch Social Media. Er ist einprägsam und einfach mal was anderes. Am Anfang war er nur ein Ausweichname für Social Media, weil ich mich nicht „coolboy_mb_1983“ oder so nennen wollte. Inzwischen merke ich aber, dass es gar nicht so blöd ist, wenn ich mich anders nenne als Michael Bauer. Da könnte ich nämlich genauso gut gleich Max Mustermann heißen.
schauvorbei.at: Glauben manche Leute inzwischen, dass „Hugo“ dein echter Vorname ist?
Heidelbeerhugo: Ja, es gibt ganz viele, die mich mit „Hugo“ oder „Herr Heidelbeer“ grüßen. Da gibt’s Tausende unterschiedliche Varianten, manchmal auch nur „Heidelbeere“. Damit muss man natürlich rechnen, wenn man sich „Heidelbeerhugo“ nennt. Solange die Leute ihren Spaß haben und der Name irgendwie im Gedächtnis bleibt, ist das aber völlig okay. Ich bin aber auch keiner, der pikiert ist, wenn man ihn bei seinem normalen Namen nennt.
schauvorbei.at: Nur wenige Wochen nach deinen ersten Videos wurdest du bereits zur ORF Comedy Challenge eingeladen, wo du den zweiten Platz belegtest. Wenig später warst du in der Sommerausgabe der Pratersterne zu sehen und im September 2023 folgte bereits dein erstes Soloprogramm. Siehst du es in Anbetracht dieses rasanten Aufstiegs als Fluch oder Segen, dass es sich bei dir um einen sogenannten Spätberufenen handelt?
Heidelbeerhugo: Ich sehe es als Segen. Früher wäre es bei mir nicht gegangen, weil ich nicht im ausreichenden Maße an mich geglaubt habe. Und man braucht schon eine dicke Haut, weil dich nicht jeder toll findet. Das ist überall im Leben so. Wie soll das auch funktionieren, dass dich jeder mag? Wenn man in der Öffentlichkeit steht, muss man also damit rechnen, dass jemand etwas Schlechtes sagt oder Kritik äußert. Das kann konstruktiv sein, manchmal lassen Leute aber einfach nur ihren Frust ab. Um damit umgehen zu können, braucht man schon eine gewisse Lebenserfahrung, glaube ich.
schauvorbei.at: Inwiefern haben dir deine Erfahrungen aus deiner Zeit im Marketing dabei geholfen, dich in der Kabarettwelt zurechtzufinden?
Heidelbeerhugo: Ich glaube, ich trage eine gewisse Leistungsbereitschaft und Arbeitsmoral in mir. Ich erscheine pünktlich und beantworte verlässlich meine E-Mails. Und wenn irgendwas dazwischenkommt, kommuniziere ich das auch. Das sind kleine Dinge, die anderen Menschen positiv auffallen. Mein Management agiert genauso, wenn nicht noch besser – da bleibt gar nichts unbeantwortet. Dieses unternehmerische Tun hinter dem Kabarettistendasein fällt mir nicht schwer, weil ich das jahrelang im Büro gelernt habe. Und wenn der Rest relativ leicht von der Hand geht, macht das den Kopf für künstlerische Dinge frei.
schauvorbei.at: Bühnenpräsenz und gutes Timing gelten als Schlüsselqualitäten im Kabarett. Wie hast du dir dieses Handwerk angeeignet?
Heidelbeerhugo: Ich habe ja erst mit 39 Jahren mit Social Media und Kabarett angefangen. Aber davor habe ich sicher schon 33 Jahre Anlauf genommen. In dieser Zeit habe ich Menschen beobachtet, ihren Geschichten gelauscht, nach Pointen gesucht und in Figuren gedacht. Die große Umstellung war dann der Schritt in die Öffentlichkeit und das Spielen auf der Bühne. Da lerne ich bei jedem Auftritt noch ein bisschen dazu, weil immer neue Dinge passieren. Einmal bin ich zum Beispiel nach der Pause wieder viel zu früh auf die Bühne gegangen. Dann habe ich mich eben hingesetzt und mit den Leuten ein bisschen geplaudert, bis es weitergehen konnte. Solange es kein medizinischer Notfall ist, freut es die Leute ja, wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passiert.
schauvorbei.at: Auf deinem Weg hast du unter anderem mit Manuel Rubey als Mentor sowie mit Paul Klambauer als Co-Autor deiner Programme zusammengearbeitet. Was konntest du von den beiden lernen und wie haben sie deine Entwicklung beeinflusst?
Heidelbeerhugo: Manuel Rubey habe ich im Zuge meiner Teilnahme bei der ORF Comedy Challenge kennengelernt. Er hat mir immer eine irrsinnige Zuversicht gegeben. Außerdem strahlt er eine absolute Ruhe aus. Nichts kann ihn aus der Contenance bringen. Das habe ich versucht, mir ein bisschen abzuschauen. Er ist mir immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden in dieser Zeit.
Paul ist wiederum irrsinnig gut darin, Figuren zu entwickeln. Man selbst wird ja quasi betriebsblind, wenn man ein Programm geschrieben und schon sechs Mal überarbeitet hat. Ein zweiter, scharfer Verstand, der sagt: „Da musst du nochmal drüber, du leidest mir noch nicht genug“, hilft sehr.
schauvorbei.at: In deinen Programmen und Videos greifst du immer wieder deine serbischen Wurzeln sowie kulturelle Klischees auf. Wo liegt für dich die Grenze zwischen augenzwinkernder Selbstironie und der Gefahr, bestehende Vorurteile zu verstärken?
Heidelbeerhugo: In meiner Arbeit verarbeite ich mein Leben, meine Jugend, meine Erfahrungen. Meine Mama war Gastarbeiterin, die in den 70ern von Jugoslawien nach Österreich gekommen ist. Sie hat genauso gesprochen, wie ich es in den Videos nachmache. Wieso sollte ich das also anders darstellen? Das war eben meine Kindheit, deswegen gebe ich es auch so wieder. Genauso ist es mit anderen Situationen. Ich glaube, die Leute verstehen sehr, sehr genau, wie meine Haltung ist und dass ich keinem was Böses möchte. Hinter allem, was ich mache, steht die Klammer „Wir lieben uns, wir sind gut zueinander“.
Mir haben am Anfang auch viele gesagt, ich könne „Jugo“ nicht sagen. Aber das ist doch kein Schimpfwort, sondern bezeichnet nur Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Personen mit diesem Migrationshintergrund nennen sich selbst „Jugo“. Wenn man mich missverstehen möchte, wird man mich aber trotzdem missverstehen können. Die Allermeisten checken aber eh genau, dass das alles mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist. Ich haue ja auch nie auf andere drauf, sondern bin selbst der Depp. Und ich verallgemeinere nicht, sondern erzähle nur wie’s bei mir ist.
schauvorbei.at: Erst vor Kurzem hast du einen Teil deines Debütprogramms bei freiem Eintritt am Donauinselfest gespielt. Am 14. August trittst du außerdem bei freiem Eintritt mit deinem jetzigen Programm auf der Bühne Donaupark auf. Inwiefern unterscheidet sich ein nicht zahlendes Publikum von einem Publikum, das bewusst ein Ticket gekauft hat?
Heidelbeerhugo: Man sollte meinen, sie unterscheiden sich. Aber ich glaube, je länger mein Berufsweg dauert, desto kleiner wird der Unterschied, weil die Leute einen doch schon von irgendwo kennen. Die waren zwar vielleicht noch nie bei mir im Kabarett, aber sind neugierig und haben schon eine gewisse Grunderwartung, und ich gebe natürlich mein Bestens, die zu erfüllen. Beim Donauinselfest war das Publikum zum Beispiel blendend drauf. Aber egal, ob die Leute zahlen oder nicht: Im Endeffekt sollen sie einfach einen guten Abend haben. Ob sie lachen oder nicht, hängt nicht vom Kartenpreis ab.
schauvorbei.at: Du bist inzwischen mit deinem zweiten Programm auf Tour und gleichzeitig auf Social Media und im Radio präsent. Was reizt dich an den einzelnen Formaten und wo fühlst du dich als Künstler am meisten zu Hause?
Heidelbeerhugo: Alles hat seinen eigenen Reiz. Ich empfinde es als irrsinniges Privileg, das alles machen zu dürfen, und dass es Leute gibt, die mir das zutrauen. Es ist schön, dass durch meinen Beruf sehr viele Türen aufgehen. Durchgehen muss man aber immer selbst, da schenkt einem keiner was.
Am meisten Spaß macht mir trotzdem meine Kerntätigkeit Kabarett, weil man vom Publikum sofort eine irrsinnige Energie zurückbekommt. Bei der Radioshow spreche ich eigentlich nur mit Bernhard Vosicky und es kommen ein paar WhatsApp-Nachrichten. Auf Social Media ist es eigentlich das Gleiche. Ein Video mit 1.000 Views fühlt sich beim Drehen, Schneiden und Veröffentlichen genauso an wie ein Video mit einer Million Views. Erst im Nachhinein passiert etwas anderes, aber das macht keinen Unterschied für dich, der das Video produziert.
schauvorbei.at: Am 21. Jänner 2026 feierte der Kurzfilm „Die gemeinen Kleinigkeiten“ Premiere. Darin spielst du den gepiesackten, übergewichtigen Protagonisten Josef Hermann, der lernt, für sich selbst einzustehen. Wie ungewohnt war es für dich als Kabarettist, in eine derart ernste Rolle zu schlüpfen?
Heidelbeerhugo: Der Regisseur des Films, Florian Moses Bayer, ist einer meiner Follower auf Social Media. Er hat mich angeschrieben und gesagt, er kennt meine Videos und traut mir eine Rolle in seinem Film zu. Also habe ich probegespielt und es ist tatsächlich zustandegekommen. Die Rahmenbedingungen am Filmset mit großer Kamera, Licht- und Tontechnikern, 50 anderen Personen und so weiter haben sich von meinen bisherigen Erfahrungen zwar sehr unterschieden, aber es hat gut funktioniert und mir großen Spaß gemacht.
schauvorbei.at: Mitten im Touralltag bist du gleichzeitig Ehemann und Familienvater. Wie gelingt dir die Balance zwischen Bühne, Reisen und Familienleben?
Heidelbeerhugo: Es hilft natürlich extrem, dass meine Kinder schon groß sind. Die Geschichten aus dem Kabarett, in denen sie noch 14 und 16 sind, sind schon ein bisschen her. Mittlerweile sind sie junge Erwachsene und fein aus dem Schneider.
Meine Frau und ich hören uns auch trotz Tour regelmäßig. Da muss mein Tourtechniker dann durch, wenn ich neben ihm im Auto mit meiner Frau über die Freisprechanlage telefoniere. Das muss er ertragen. Dafür hat er aber auch jederzeit freie Anrufe, die ich dann ertrage. (schmunzelt)
Wochenlang bin ich aber sowieso nie weg, und ich versuche, so oft wie möglich zu Hause zu schlafen. Am Anfang war das natürlich ungewohnt, vor allem, weil die Arbeitszeiten versetzt sind. Meine Frau verlässt das Haus schon sehr früh, und wenn sie heimkommt, bin ich erst zwei, drei Stunden wach. Wenn ich an dem Tag auftrete, haben wir dann ein bisschen gemeinsame Zeit, bis ich wegmuss. Je nachdem, wo ich auftrete, bin ich dann zwischen 23 und 2 Uhr in der Nacht wieder zu Hause. Aber das funktioniert, wenn beide wollen, wenn sich beide gern haben und wenn man sich regelmäßig austauscht und erreichbar ist.
schauvorbei.at: Worauf freust du dich beruflich in naher Zukunft?
Heidelbeerhugo: Im September gibt es gleich zwei Highlights für mich beruflich. Zum einen wird am 8. September im Rahmen des ORF-Sommerkabaretts „DIE.NACHT Sommerfrische“ mein Programm „10-Meter-Turm“ auf ORF 1 ausgestrahlt. Zum anderen feiere ich am Tag davor meinen ersten Song-Release. Der Song „Ein Gangster mags clean“ kam im ersten Programm vor, bald kann man ihn aber auch auf Spotify und Co hören. Darüber freue ich mich riesig. Außerdem freue ich mich natürlich auf meine kommenden Auftritte. Im August spiele ich auf der Bühne Donaupark, mit 20. September feiere ich im CasaNova wieder Tourstart nach dem Sommer und am 27. September trete ich im Stadtsaal auf. Alle weiteren Termine finden sich auf meiner Website www.heidelbeerhugo.at. Ich freue mich über jede und jeden, der vorbeikommt und einen Abend mit mir verbringt!