Story

Bella Toskana

Die Buchautorin und Italienkennerin Gundi Herget über ihre Liebe zur Toskana, über ein Land und seine Menschen – und eine besondere Wette.
Abtei Sant’Antimo von außen mit umliegender Landschaft
Die Abtei Sant’Antimo in der toskanischen Provinz Siena ist eine der schönsten romanischen Kirchen in Italien. © ENIT

Zu Beginn eine abenteuerliche Wette: Angenommen, man würde (mit funktionierendem Fallschirm!) über der Toskana aus dem Flugzeug geworfen, so wäre man, egal wo man landet, immer ganz in der Nähe von etwas besonders Schönem – ob architektonisch, kunsthistorisch, landschaftlich, kulinarisch, lebensgefühlsmäßig. Immer! Egal wo! Wetten? Der direkte Beweis muss aus verschiedenen Gründen unterbleiben (Kosten, Zeit, Höhenangst der Verfasserin). Aber nur der Teil mit dem Flugzeug! Ansonsten ist die Wette leicht zu gewinnen. Man kann auch einfach den Zeigefinger über einer Landkarte der Toskana kreisen lassen und mit geschlossenen Augen auf eine beliebige Stelle tippen. 

Historische Filmkulisse

Vielleicht landet der Fallschirm respektive Zeigefinger ja in der Nähe einer der berühmten Städte. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, es gibt einige. Florenz, Pisa und Siena sind die berühmtesten. Aber da sind auch noch San Gimignano, Volterra, Lucca, Arezzo. Sie alle haben eine filmkulissenhafte historische Altstadt mit jeder Menge interessanter Kirchen und Museen, grandioser Villen und Palazzi, malerischer alter Gassen mit kleinen Geschäften, einladender Piazze, flankiert von Bars, Eisdielen und Restaurants, in denen es sich nett sitzt, schaut und schlemmt (die toskanische Küche ist bodenständig und schmackhaft). 

Und jede ist anders

Wenn das nun ein wenig nach „kennst du eine, kennst du alle“ klingt – im Gegenteil! Jede der genannten Städte bringt das Kunststück fertig, unverwechselbar zu sein und den Besuchern allerhand Einzigartigkeiten anzubieten. Florenz zum Beispiel: Unvergleichlich, wie aus dem Häusermeer von jedem der vielen Aussichtspunkte unverkennbar der Dom mit seiner gewaltigen Kuppel herausragt. Diese Kuppel, die auch nach fast 600 Jahren noch nicht eingestürzt ist, obwohl sich aus ebendieser Befürchtung heraus seinerzeit keiner traute, sie überhaupt zu bauen, bis der geniale Filippo Brunelleschi kam. Weitere einzigartige Unverwechselbarkeiten von Florenz sind der wuchtige Palazzo Vecchio und die Uffizien, die für sich beanspruchen dürfen, eine der berühmtesten Gemäldegalerien der Welt zu sein, mit Originalen von Künstlergrößen wie Giotto, Botticelli oder Caravaggio. Oder die David-Statue von Michelangelo, der legendäre Fünftonner aus Marmor in der Galleria dell’Accademia. Und noch einiges mehr. Aber es soll ja nicht nur um Florenz gehen. 

Ganz schön schief 

Markenzeichen der studentisch-lässigen Universitätsstadt Pisa ist der Turm, der seine Berühmtheit dem ungeplanten Malheur zu verdanken hat, dass er im sandigen Untergrund schon während des Baus in Schieflage geriet. Er ist Teil des überaus gelungenen, imposanten Gebäudeensembles aus Dom, Turm, Baptisterium und Friedhof: leuchtend weißer, elegant verarbeiteter Carrara-Marmor auf weitem Wiesengrün auf der Piazza del Duomo, liebevoll Piazza dei Miracoli, Platz der Wunder, genannt. Ein wuseliger Wunderplatz ist es, weil hier Scharen von Touristen auf der Wiese herumspringen und sich gegenseitig dabei fotografieren, wie sie den schiefen Turm scheinbar am Umfallen hindern.

Sienas Besonderheit ist die riesige Piazza del Campo, die groß genug ist, um seit fast 400 Jahren zwei Mal im Jahr das Reiterspektakel namens Palio aufzuführen. Und wer schon da ist, besucht unbedingt auch den Dom und lässt sich von dessen schierer gotischer Schönheit überwältigen. Das Antlitz von San Gimignano prägen die Geschlechtertürme, das von Lucca die gemütlich breite, schattig-grüne Stadtmauer, mehr einladender Park und Flanierpromenade als wehrhaftes Bollwerk. Eine Spezialität von Arezzo ist der romantisch-üppige Antiquitätenmarkt jedes erste Wochenende auf der Piazza Grande. Und so weiter.

Unbekanntes Entdecken

Zugegeben, wenn man sich auf die Kulturstädte der Toskana konzentriert, ist die Wette ein Kinderspiel. Ebenso, wenn man sich in einer dieser zeitlos schönen Gemälde-Landschaften wiederfindet, dem Chianti oder dem Val d’Orcia mit ihren weichgezeichneten, piniengesäumten, farmhausgesprenkelten Hügeln. Aber was, wenn man irgendwo weit weg vom Schuss landet? Was ist zum Beispiel mit den waldreichen Gebieten oberhalb von Florenz und Arezzo, Richtung Emilia-Romagna? Mit dem bergigen Hinterland oberhalb der Küste im Nordwesten bis dorthin, wo die Toskana an Ligurien stößt? Mit den dünner besiedelten Regionen tief im Süden an der Grenze zu Umbrien? Nun, dann ist man glücklich im Casentino, der Lunigiana oder der Maremma gelandet.

Glücklich deshalb, weil es hier keinen Massentourismus gibt, keine Warteschlangen vor Sehenswürdigkeiten, keine überfüllten Restaurants. Das liegt nicht etwa daran, dass es nichts zu entdecken gäbe. Sondern vor allem daran, dass es anderswo so viel – und ungleich Berühmteres – gibt und dort dann alle hinfahren. In den unbekannteren Regionen der Toskana sind die Höhepunkte sparsamer gesät. Dafür gibt es noch Entdeckungen zu machen, die in Reiseführern erst ab einer gewissen Seitenstärke überhaupt erwähnt werden.

Zum Beispiel in den uralten Wäldern des Casentino, in denen sich Felsenklöster verstecken, etwa das 800 Jahre alte Santuario della Verna. In Pontremoli in der Lunigiana erzählt das Museo delle Stele von den geheimnisvollen Stelen-Figuren, rätselhaften Funden aus tiefster Vorzeit. In der Maremma raubt der Anblick der fast bizarren Skyline von Pitigliano den Atem, das direkt aus dem Tuffstein zu wachsen scheint. Rund um den Monte Amiata, einem erloschenen Vulkan, wartet allerhand geothermisches Badevergnügen, etwa in den frei zugänglichen Naturbecken unterhalb des Thermalkurorts Bagno Vignoni und beim Dörfchen San Filippo.

Am bekanntesten ist Saturnia, wo es neben einem großen Thermalbad auch die stark schwefeligen Cascate del Mulino gibt, eine bezaubernde Ansammlung terrassenartig gewachsener Sinterbecken. Abgeschieden in der Maremma ist die Abbazia di San Galgano, die freundliche dachlose Kirchenruine, dann noch ein besonders berührender baulicher Höhepunkt.

Zauber der Küste

Zu guter Letzt liegt die Toskana auch noch am Meer. Und wie könnte es anders sein: Dieses Am-Meer-Liegen auf knapp 400 Kilometern Küste von La Spezia bis Orbetello ist überaus abwechslungsreich. Da wären etwa die weiten, touristisch geprägten Sandstrände der Versilia, wo sich von La Spezia bis Viareggio Strandbad an Strandbad reiht, die ursprünglichen Strände der Maremma, die zerklüfteten Klippen von Calafuria bei Livorno, das Schnorchelparadies Elba mit den vielen Buchten, oder, oder …

Wette gewonnen. 

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