Story

Das Elsass: Zwei Kulturen vereint

Eine romantische Weinstraße mit putzigen Dörfen und richtige Bilderbuchstädte mit blumengeschmückten Fachwerkhäusern in engen, stimmungsvollen Gässchen: Das Elsass verbindet französische Lebensart mit deutscher Geschichte.
Die pittoreske Altstadt von Straßburg liegt auf einer Insel inmitten des Flusses Ill. © Lez Broz/Visit Alsace

Hélène ist eine typisch elsässische Mischung: Ihr Vater kommt aus dem Norden Frankreichs, ihre Mutter aus dem südlichen Elsass. Geboren ist mein Guide in Straßburg, das Deutsch kommt Hélène leicht von den Lippen. Gleich am Anfang unserer Tour durch ihre Heimatstadt bringt sie die Besonderheit dieser Region, ihrer Menschen und ihrer Tugenden auf den Punkt: „Wir sind ernst und fleißig und immer pünktlich. Aber wir verstehen auch, das Leben so richtig zu genießen.“

Die Mischung macht’s aus

Ältere Menschen haben in dieser Region gleich mehrmals die Nationalität zwischen Deutsch und Französisch wechseln müssen. Diese Mischung aus zwei Identitäten und Lebensarten ist aber heute für alle ein großer Gewinn: „Für uns sind beide Kulturen ein absoluter Reichtum“, sagt Hélène, während sie mir das prächtige Wahrzeichen von Straßburg zeigt: Das ab 1176 errichtete Münster aus Vogesen-Sandstein ist weltbekannt und galt mit seinem 142 Meter hohen Nordturm auch fast 230 Jahre lang als höchstes Bauwerk der Welt. Von den prächtigen Fenstern sind noch 90 Prozent im Original erhalten, nachdem sie zum Beispiel während des Zweiten Weltkriegs abmontiert und in einem Schloss im Périgord versteckt worden waren.

Junges Straßburg

Das geschichtsträchtige Münster steht mitten im Zentrum der Altstadt. Straßburg ist mit 300.000 Einwohnern die siebtgrößte Stadt Frankreichs und eine sehr junge. Denn Straßburg zählt mit einer großen Hauptuniversität und mehreren Hochschulen rund 65.000 Studenten. Das bemerkt man sofort auf den Straßen und in den Gassen, ebenso wie die vielen Passagiere von Flusskreuzfahrten, die am Rhein unterwegs sind. Der Grenzfluss zu Deutschland liegt quasi vor der Haustür, man kann sogar mit der Straßenbahn­linie D von Straßburg über den Rhein in die deutsche Stadt Kehl fahren. Mit Hélène bleibe ich aber in der Hauptstadt des Elsass. Die historische Altstadtinsel Grande Île geizt ja nicht mit Reizen, im Gegenteil. Stimmungsvolle Viertel und romantische Fachwerkhäuser entlocken mir Entzücken.

Zwei Mal Weltkulturerbe

„Das alles ist UNESCO-Weltkulturerbe“, sagt Hélène stolz und ergänzt: „Wir haben aber noch ein zweites“, das sie mir gleich zeigen wird. Die Rede ist vom Deu­t­schen Kaiserviertel, das zwischen 1870 und 1918 mit einer Stilmischung aus Neorenaissance, Jugendstil und Neugotik jenseits der Ill errichtet worden ist. Hier haben die Preußen wohl den Franzosen zeigen wollen, was sie unter Städtebau verstehen. Viel Pomp und auch Protz durften da natürlich nicht fehlen. Am nächsten Tag treffe ich Tom am Quai Finkwiller. Er trägt eine weiße Kapitänsmütze und bittet mich auf sein schnittiges Ausflugsboot. Zuerst umrunden wir die Altstadt, dann schippern wir zu jenen Attraktionen, für die das moderne Straßburg bekannt ist: das Europäische Parlament, der Europarat und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte am Fluss Ill. Immer wieder gleiten wir an Hausbooten vorbei, das Zuhause von Künstlern, Aussteigern und solchen, die sich teure Mieten nicht leisten können oder wollen. „Auch ich wohne in einem Boot“, erzählt Tom, „wenn ich nicht gerade bei meiner Freundin in ihrer teuren Wohnung bin.“ Hier weiß jemand, das Beste aus zwei Welten zu vereinen.

Wo der Wein zu Hause ist

Auch ich wechsle jetzt in eine komplett andere Welt. Mit dem Auto geht es hinaus aus Straßburg, und bereits einige Kilometer westlich der Stadtgrenze beginnt die Elsässische Weinstraße. Als eine der ältesten Touristenstraßen Frankreichs zieht sie sich 170 Kilometer lang vom Norden in den Süden des Elsass. An der romantischen Strecke liegen malerische Winzerdörfer aufgefädelt wie Perlen auf einer Schnur. Das „flüssige Gold“ der Region wird seit Jahrhunderten von vielen Traditionsfamilien gekeltert. Die gehaltvollen Weißweine in den typisch schmalen Flaschen werden – anders als in vielen anderen Teilen des Landes – hier meist sortenrein ausgebaut. Da wäre der trockene, hocharomatische Muscat d’Alsace oder der Pinot-gris d’Alsace und der kraftvolle Gewürztraminer.

Neben der Vorherrschaft der Weißweine gedeiht aber auch der Pinot noir als einziger Elsässer Rotwein dank ausgezeichnetem Klima und Vielfalt der Böden prächtig. Egal, welche Sorte man bevorzugt: Bei den Winzerdörfern setzt man am besten auf Quantität, den Besuch betreffend. Denn eines ist schöner und pittoresker als das andere. An den prächtigen Fachwerkhäusern sieht man, dass hier so mancher mit Wein ganz schön reich geworden ist. Gesellig bis feuchtfröhlich geht es bei den vielen Weinfesten im Sommer und Herbst zu. Wer das Besondere sucht, kommt Ende Juni bzw. Anfang Juli ins idyllische Riquewihr. Dort steigt ein Wochenende lang ein Fest des venezianischen Karnevals. Prächtig Kostümierte ziehen durch die Rue du Général de Gaulle mitten in der historischen Altstadt, posieren und stellen sich schließlich einem Wettbewerb der besten Verkleidungen im Stil der Lagunenstadt, gefolgt von Umzügen und farbenfrohen Paraden.

Farbenfrohes Colmar

So richtig farbenfroh zeigt sich auch der Abschluss meiner Reise: nämlich die pittoreske Kleinstadt Colmar, die Perle des Elsass, mit ihren bunten Fachwerkhäusern. Die verschiedenen Farben hatten früher angeblich den Sinn, dass auch Analphabeten den Beruf des Hausbesitzers gleich mit einem schnellen Blick erkennen. Blau stand für Fischer, Grün für Gärtner, Weiß für Bäcker und Gelb für Käsehändler. Heute geht es bei der Wahl der Fassadenfarben vielmehr darum, das Stadtbild einer ohnehin schönen, geschichtsträchtigen Stadt weiter zu verschönern.

Auch der Charme von Colmar wird stark von Wasser geprägt. Durch die Stadt fließt nämlich die Lauch. Die schönsten Eindrücke vom 68.000-Einwohner-Städtchen gewinnt man im Rahmen einer romantischen Kahnfahrt auf diesem kleinen Flüsschen. Mein Boot gleitet langsam durch das Viertel Petite Venise (Klein-Venedig), den malerischsten Teil Colmars. Hier stehen die Fachwerkhäuser direkt an beiden Ufern.

Nach der entschleunigenden Fahrt legt das Boot wieder an und es geht einige Stufen hinauf und hinein in die Altstadt. Colmar ist berühmt für sein gut erhaltenes ­architektonische Erbe mit vielen prächtigen Bürgerhäusern und ihren prunkvollen Fassaden. Es ist wie ein Gang durchs Mittelalter. Beim Sightseeing darf man auch auf interessante Gotteshäuser wie das gotische Martinsmünster nicht vergessen, denn Colmar war einst eine reiche Stadt im Heiligen Römischen Reich. Colmar ist darüber hinaus aber auch eine Stadt der Kunst und der Künstler. So wurde hier zum Beispiel im Jahr 1834 der Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi geboren. Die ganze Welt kennt Bartholdis berühmtestes Werk, hat er doch den Entwurf für die Freiheitsstatue in New York gestaltet. Heute ist ihm ein eigenes Museum in seiner Heimatstadt gewidmet. So wie auch Jean-Jacques Waltz (1873–1951), er war Grafiker, Zeichner und Heimatforscher, und unter seinem Künstlernamen Hansi hat er Colmar bildlich mit jeder Menge ­Humor verewigt.

Den muss auch der malaysische Premierminister Mahathir bin Mohamad gehabt haben. Er besuchte nämlich in den 1990er-Jahren Colmar im Rahmen einer ­Europareise und war von diesem Juwel des Elsass so begeistert, dass er das Städtchen mitten im malaysischen Regenwald originalgetreu nachbauen ließ. Kommt einem bekannt vor, Stichwort Hallstatt. Hier wie da: Das Original ist immer besser als die Kopie.

Gute Tipps

  • Best Western Plus Hôtel Monopole Métropole: Das Straßburger 4-Sterne-Hotel mit 81 Zimmern befindet sich in der Nähe der Ill und der Innenstadt. Das Gebäude wurde schon im Jahr 1896 als Hotel errichtet.
  • Hotel Ibis Styles Colmar Centre: Das 3-Sterne-Designhotel liegt mitten in der Altstadt von Colmar. Die Geschichte des historischen Gebäudes geht auf eine ehemalige Mälzerei aus dem 18. Jahrhundert zurück.
  • Astronomische Wunderuhr: Im Münster von Straßburg tickt ein ganz besonderer Zeitmesser: Das Meisterwerk aus dem 16. Jahrhundert ist ein wahres Erlebnis. Jeden Tag um 12.30 Uhr bewegt sich das große mechanische Figurenspiel.
  • Kahnfahrt in Colmar: Vom Pont Saint-Pierre startet eine 30-minütige Kahnfahrt durch Colmars Klein-Venedig. So lernt man die idyllischen Seiten der Stadt kennen und erfährt jede Menge Wissenswertes vom Kahnfahrer.
  • Flammkuchen: Überall im Elsass wird der originale Flammkuchen mit Crème fraîche Zwiebeln und Speck angeboten. Es gibt aber auch andere Varianten, zum Beispiel süße mit Apfel.
  • Choco Story: Diese Erlebniswelt in Colmar widmet sich der Geschichte der Schokolade – mit unbegrenzten Kostproben, von Kakao bis Pralinenbonbons.
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