Reels, Memes, Stories – und die ständige Angst, etwas zu verpassen: Social Media ist für Kinder und Jugendliche längst fester Bestandteil ihres Alltags. Was als Unterhaltung oder Austausch mit Gleichaltrigen beginnt, kann jedoch schleichend problematische Züge annehmen. Dass sich erste Abhängigkeitsmuster bereits im Kindesalter entwickeln können, beobachtet Dr. Christoph Minar, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und psychotherapeutische Medizin.
Jugendliche in Österreich verbringen im Durchschnitt mehr als vier Stunden täglich am Smartphone. Soziale Medien wie Instagram, TikTok oder Snapchat sind dabei zentraler Kommunikationsraum: Trends werden verfolgt, Videos geteilt, Inhalte gepostet oder durch Feeds gescrollt. Die Jugend-Value-Studie 2023 des Instituts für Jugendkulturforschung zeigt, welchen Stellenwert das Gerät einnimmt: Rund 90 Prozent der Jugendlichen nennen das Smartphone als wichtigstes Freizeitmedium für soziale Interaktionen und Medienkonsum.
Dieses alltägliche Phänomen kennt auch der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Christoph Minar aus seinem Praxisalltag. „Problematisch wird es vor allem dann, wenn reale Aktivitäten zunehmend in den Hintergrund rücken. Hobbys, soziale Kontakte und Verpflichtungen werden verdrängt, wenn Social Media zum Mittelpunkt des Alltags wird“, so der Experte. Gemeinsam mit dem Gesundheitsportal DocFinder will er Eltern Orientierung geben und aufzeigen, woran sich kritische Entwicklungen frühzeitig erkennen lassen und wann professionelle Unterstützung sinnvoll sein kann.
„Problematisch wird es vor allem dann, wenn reale Aktivitäten zunehmend in den Hintergrund rücken. Hobbys, soziale Kontakte und Verpflichtungen werden verdrängt, wenn Social Media zum Mittelpunkt des Alltags wird.“
Dr. Christoph Minar, Kinder- und Jugendpsychiater
Worauf Eltern achten sollten
Sozialer Austausch und Information stehen bei Jugendlichen zwar im Vordergrund, dennoch warnen Fachleute vor riskanten Nutzungsmustern. „Auffällig ist auch, wenn verkürzte Nutzungszeiten starke negative Reaktionen wie Gereiztheit oder Angst auslösen und kaum Einsicht besteht“, erklärt der Experte. Wie viel Zeit am Smartphone in Ordnung ist, lässt sich laut dem Kinderpsychiater nicht pauschal beantworten. „Es macht einen deutlichen Unterschied, ob Inhalte mit Handlungsstrang konsumiert oder überwiegend Kurzvideos und schnell wechselnde Beiträge durchgescrollt werden. Bei 10-Jährigen ist bereits eine Stunde täglicher Konsum aus meiner Sicht zu viel. Bei 14-Jährigen können zwei Stunden rasch wechselnder Inhalte zu einer Überforderung der Informationsverarbeitung führen“, so Minar.
Viele Jugendliche nutzen das Smartphone zudem zur Emotionsregulation. Wird es plötzlich entzogen, kann das zu Anspannung, innerer Unruhe oder Angstzuständen führen. Technische Einstellungen können unterstützen: Über Apps oder direkt am Smartphone lassen sich tägliche Nutzungszeiten festlegen oder einzelne Anwendungen zeitweise sperren.
Wenn Likes das Selbstwertgefühl beeinflussen
Nicht nur die reine Nutzungsdauer kann problematisch sein, auch gesundheitliche und soziale Folgen eines übermäßigen Konsums sind zu berücksichtigen. „Neben emotionalen Belastungen können sich auch körperliche Auswirkungen zeigen – etwa in Form von Schlafstörungen. Weiters sind beeinträchtigte Konzentration, reduzierte Stresstoleranz sowie ein negatives Selbstwertgefühl möglich. Der ständige Vergleich mit anderen – messbar durch Likes und Follower – sowie das Gefühl, etwas zu verpassen (FOMO – Fear Of Missing Out), können depressive Symptome und Ängste begünstigen“, erklärt der Psychiater.
Auch sozial könne sich übermäßiger Konsum bemerkbar machen: Rückzug aus Familie und Freundeskreis sei keine Seltenheit, wenn reale Kontakte zunehmend als anstrengend oder überfordernd erlebt werden. Die ausgeprägte Beeinflussbarkeit Jugendlicher im Rahmen ihrer Identitätsentwicklung und dem Wunsch nach Zugehörigkeit ist ein weiteres Problemfeld bei der Nutzung sozialer Medien, das Risiken mit sich bringt. Verbote allein führen hier jedoch nicht zum Ziel. Neben klaren Regeln kann vor allem die Förderung eines bewussten Umgangs mit digitalen Medien helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen und verantwortungsvolle Mediennutzung zu stärken. „Dazu zählen gemeinsam vereinbarte Grenzen, Gespräche über Inhalte sowie attraktive Offline-Aktivitäten als bewusster Ausgleich“, erklärt Dr. Minar.
Konsequenz und Gespräch statt Smartphone-Verbot
Soziale Medien können als ergänzende Möglichkeit dienen, sich auszutauschen, Gleichgesinnte zu finden oder sich kurzfristig zu entspannen. Aus psychosozialer Sicht sind jedoch reale Hobbys und persönliche Kontakte klar vorzuziehen, wie der Experte betont, da sie intensivere und authentischere Erfahrungen ermöglichen. „Entscheidend ist, klare und nachvollziehbare Regeln zu definieren – auch wenn dies Konflikte mit sich bringen kann. Eine mögliche Orientierung: kein Smartphone in der letzten Stunde vor dem Schlafengehen und keine Nutzung bei unerfüllten täglichen Verpflichtungen.“
Ein abrupter Entzug sei hingegen meist nicht zielführend. „Wird das Handy plötzlich weggenommen, kann dies zu starker Unruhe oder Angst führen – vergleichbar mit einem kalten Entzug“, so Dr. Minar. Sinnvoller sei eine schrittweise Reduktion mit klaren Vereinbarungen. Als Schutzfaktoren gelten zudem soziale Kontakte, strukturierte Tagesabläufe und regelmäßige Freizeitaktivitäten.
Auch Gerald Timmel, Geschäftsführer der Gesundheitsplattform DocFinder, ist sich der Relevanz dieser aktuellen Thematik bewusst. „Digitale Medien sind aus dem Alltag junger Menschen nicht mehr wegzudenken. Umso wichtiger ist es, Eltern sachlich und fundiert zu informieren, damit sie problematische Entwicklungen frühzeitig erkennen können.“ Besteht Unsicherheit, kann die fachliche Einschätzung eines Kinder- und Jugendpsychiaters sinnvoll sein. Entsprechende Expertinnen und Experten aus ganz Österreich sind auf dem unabhängigen Ärztesuch- und Gesundheitsportal DocFinder gelistet.
Tipps für Eltern auf einen Blick
Gemeinsame und altersgerechte Zeitlimits festlegen
Technische Einstellungen zur Unterstützung vereinbarter Regeln nutzen
Regelmäßig über konsumierte Inhalte sprechen
Smartphone-freie Zeit definieren
Soziale Kontakte, Hobbys und fixe Tagesstrukturen aktiv fördern
Bei anhaltenden Konflikten oder starken emotionalen Reaktionen fachlichen Rat einholen (z. B. Kinder- und Jugendpsychiater)
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