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Gentle Parenting: Was ist dran am Erziehungstrend?

Ein neuer Erziehungsstil durchzieht gerade die Landschaft des Elterndaseins und wirbelt dabei kräftig Staub auf: Gentle Parenting. Elterliche Macht und der autoritäre Erziehungsstil werden dabei abgelöst durch das Begleiten von Gefühlen. schauvorbei.at hat mit Expertin Lisa Pinczolits über den neuen Trend gesprochen und sich Beispiele aus der Praxis geholt.
Vater trägt Tochter auf den Schultern, im Hintergrund eine weiße Küche
Gentle Parenting baut auf Empathie, Verständnis und Respekt auf. © Getty Images

Gentle Parenting: ein Schlagwort, das im Bereich Erziehung immer lauter wird. Der Begriff wurde erstmals von Sarah Ockwell-Smith in „The Gentle Parenting Book“ im Jahr 2016 erwähnt. „Man würde diesen Erziehungsstil mit ‚bedürfnisorientiert‘ übersetzen. Es sind auch viele Teile aus der Bindungstheorie enthalten“, erklärt Lisa Pinczolits, Psychologin in der Kinderpsychologischen Praxis in Eisenstadt.

Dieser Stil wird kontrovers diskutiert. Die eine Seite spricht sich dafür aus. Sie verweist darauf, wie wichtig es ist, auf die Bedürfnisse eines Kindes einzugehen. Grund dafür sei, dass es keinen Sinn habe, nur einen funktionierenden Menschen zu erziehen, der als Erwachsener stundenlange Therapiesitzungen brauchen würde, weil er nicht gelernt habe, mit seinen eigenen Gefühlen umzugehen. Die andere Seite denkt, dass dieser Kinder nur verweichlicht und sie nicht auf das Leben in der Gesellschaft vorbereiten wird.

„In der Praxis wird Gentle Parenting oft verwechselt mit dem Laisser-faire-Stil. Beim Gentle Parenting wird immer auf die Emotionen des Kindes eingegangen. Aber es muss klar zwischen Wünschen und Bedürfnissen differenziert werden. Bei einem Bedürfnis liegt der Fokus auf dem, was man braucht. Es ist ein Grundbedürfnis und für das Überleben wichtig. Diese stehen an erster Stelle und über Wünschen“, erklärt die Klinische und Gesundheitspsychologin. Dabei ist es aber so, dass die Führung und das Treffen von Entscheidungen immer noch bei den Eltern liegen. Wenn der Nachwuchs zum Beispiel kränkelt, aber im Garten spielen möchte, dann sollte man als Elternteil diese Gefühle bestätigen und begleiten. Dennoch sollte man klar die Grenze setzen, dass man jetzt in der Wohnung bleibt, weil das Kind krank ist.

Konsequenz statt Strafe

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass auf Strafen verzichtet wird. Konsequenzen werden Kindern klar dargelegt. Wenn es beispielsweise draußen kalt ist, der Sprössling aber keine Jacke oder Pullover anziehen will, dann packt man diese einfach ein. Draußen merkt es dann von selbst, dass es besser ist, sich warm anzuziehen. Vor allem die Autonomiephase – oft auch Trotzphase genannt –, die ein Kind im Alter von zwei bis vier Jahren durchläuft, wird wertgeschätzt. Da es in dieser Zeit ein Selbstbild entwickelt.

Zum Beispiel ein typisches Szenario, das jeder Elternteil in diesem Zusammenhang kennt: Das Zähneputzen wird verweigert. „Als Erwachsener hat man einen Fahrplan im Kopf. Zähneputzen, umziehen und noch etwas Fernsehen auf dem Sofa. Aufgrund der Zahngesundheit müssen die Zähne geputzt werden. Als Elternteil kümmert man sich um die körperlichen Bedürfnisse des Kindes. Wenn es sagt: ‚Mama, ich mag nicht Zähneputzen!‘ sollte man zuerst fragen, warum es das nicht möchte. Befindet es sich in der Autonomiephase, kann man ihm zwei Zahnbürsten zum Auswählen anbieten. Hat das Kind das Bedürfnis nach Spiel und Spaß, kann man es spielerischer gestalten. Beispielsweise putzt man dann als Astronauten auf der Couch zu Musik. Außerdem sollte man dem Nachwuchs erklären, warum es wichtig ist, dass man die Zähne putzt.“

Emotionale Regulierung

Durch diesen Ansatz lernt der Nachwuchs, dass seine eigenen Gefühle wichtig sind. Vor allem aber, dass es sich nicht verstellen muss, um wertgeschätzt und geliebt zu werden. Gentle Parenting geht davon aus, dass ein Kind, das ständig seine Gefühle unterdrücken muss, klassische Eigenschaften eines People Pleasers oder narzisstische Tendenzen entwickelt. Das ist das Resultat aus Szenarien, in denen seine eigenen Bedürfnisse und Gefühle ständig vernachlässigt wurden, weil Erwachsene ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellten, ohne das Kind zu fragen, warum es sich so verhält und was es braucht. Selbst wenn dieses autoritäre Verhalten aus den besten Absichten heraus geschah.

Typische Aussagen wie „Du brauchst jetzt nicht wütend zu sein. Das haben wir besprochen“ bringen das Kind dazu, dass es seinen eigenen Gefühlen nicht mehr vertraut. Zu beachten in diesem Kontext ist, dass Kinder zwischen vier und acht Jahren nur durch Erwachsene ihre Emotionen regulieren können. Da sie noch nicht gelernt haben, wie dies funktioniert und ihre „Gehirnreife“ noch nicht ausgeprägt genug ist.

Richtiger Umgang

„Primäre Bezugspersonen sind wichtig. Sie geben Rückmeldung und schaffen eine Kongruenz zwischen dem, was das Kind fühlt, und wie damit umgegangen wird“, erklärt die Psychologin. Dafür muss man sich nur in die Lage versetzen, wie es ist, das allererste Mal Wut zu verspüren. Es ist ein intensives Gefühl, und wenn man nicht weiß, dass diese Emotion auch wieder vorübergeht, ist es natürlich schwierig, damit umzugehen. Besser ist zu sagen: „Hey, es ist in Ordnung, dass du wütend bist. Ich wäre in deiner Situation auch wütend.“ Dann können dem Kind auch noch mögliche Techniken und Tools in die Hand gegeben werden, um später besser damit umzugehen. Zum Beispiel Kerzen an den Fingern auspusten, Atemübungen oder dass das Kind so fest es kann gegen die Hände eines Elternteils schiebt.

Bei einem typischen Wutanfall im Supermarkt, wenn man nicht mehr mit dem Kind sprechen kann, gibt es eine andere Lösung. „Man kann den Stress in einer Situation in eine Skala von null bis hundert nach einer Ampelschaltung einordnen. Null bis 30 ist grün. Orange ist 30 bis 70. Bei allem über 70 ist dann Feuer am Dach. Das sind Situationen, in denen es keinen Sinn mehr macht, meinem Kind etwas zu erklären, weil es zu stark überreizt ist. Im Supermarkt hebt man das Kind hoch und trägt es hinaus. Dabei kann man natürlich seine Gefühle begleiten. Wenn es sich beruhigt hat, kann man noch einmal über die Situation sprechen. Auch warum es sich so verhalten hat und was es das nächste Mal anders machen kann“, führt die Expertin einen Praxistipp aus.

Wandel der Werte

Aber was ist eigentlich der Grund für diesen Wandel in der Erziehung? „Der Leistungsgedanke in der Gesellschaft ändert sich. Kinder müssen nicht funktionieren. Die Generation vor uns hat gelernt, dass sie nur Wert besitzt, wenn sie etwas leistet“, so Pinczolits. Der Stil wird mitunter polarisierend diskutiert, weil viele Erwachsene nie gelernt haben, ihre eigenen Gefühle zu regulieren, und deswegen nicht dazu in der Lage sind. Typische Gedankengänge, die in diesem Setting auftreten sind: „Meine Tochter soll nicht traurig sein“ oder „Mein Bub soll keine Angst haben müssen“. Dadurch wird Kindern früh vermittelt, dass es nicht in Ordnung ist, solche Gefühle zu haben.

Langfristig gesehen sollen Kinder, die mit dem Erziehungsstil von Gentle Parenting aufwachsen, in der Lage sein, ihre Emotionen auf gesunde Weise selbst zu regulieren. „Jemand, der nie aufs Fahrrad steigen durfte, weil es ihm immer weggenommen wurde, wird es auch nie fahren können“, erklärt die Klinische Gesundheitspsychologin die Unterdrückung von Emotionen.

„Ein guter Vergleich dafür ist, wenn jemand Höhenangst hat. Wenn dieser gesichert auf einer Plattform steht und ich hinaufschreie: ‚Keine Sorge, du brauchst keine Angst haben!‘, dann wird das nicht helfen. Die bessere Variante, die auch im Sinne von Gentle Parenting wäre, ist: ‚Es ist in Ordnung, dass du Angst hast. Ich würde genauso empfinden!‘ Somit wird Verständnis vermittelt und Kinder können durch das Benennen ihre Gefühle besser einordnen“, so die Psychologin weiter. Dabei wird ein Kind nicht verhätschelt. Denn wenn es zum Beispiel darum geht, länger fernzusehen, wird die Frustration des Kindes begleitet, aber der Fernseher bleibt dennoch aus.

Lebensqualität

Viele Eltern müssen daher aktiv daran arbeiten, die Emotionen mit ihren Kindern auszuhalten. Vor allem dann, wenn der Nachwuchs sehr gefühlsstark oder hochsensibel ist. Diese Arbeit ist auch dann wichtig, wenn Eltern ihre eigenen Gefühle mit Bewältigungsmechanismen unterdrücken. Zum Beispiel durch Essen, Computerspielen oder Binge Scrolling. Wenn das der Fall ist, kann es natürlich dazu kommen, dass Eltern, die Gentle Parenting praktizieren, eher gefährdet sind, ins sogenannte Eltern-Burn-out zu kommen. „Wenn ich selbst als Kind nur die Sprache Deutsch gelernt habe, wie soll ich dann mit meinen Kindern Englisch sprechen? Genau so verhält es sich mit dem Umgang mit Emotionen“, erklärt die Gesundheitspsychologin.

Deswegen ist wichtig, dass Eltern lernen, ihren eigenen Gemütszustand einzuordnen. „Als Beispiel kann man hier die Sicherheitsmaßnahmen im Flugzeug hernehmen: Zuerst sollte man sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen und erst dann den Kindern. Das bedeutet, wenn ich merke, dass ich selbst bereits sehr überreizt bin, sollte ich als Erstes versuchen, mir selbst ein Ventil zu suchen und kurz durchatmen, bevor ich mich auf andere fokussiere“, so Pinczolits. Auch dabei wirkt dann der Nachahmungseffekt vom Verhalten der Eltern auf ihren Nachwuchs.

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