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16. April 2024
Genuss

Das Phänomen Krug: Champagner für Fortgeschrittene

Das Phänomen Krug und der Mythos Clos du Mesnil: Champagner für Fortgeschrittene und so limitiert, dass oft auch Geld nicht die Lösung ist.

Das Elternhaus von Olivier Krug in Reims von außen
Das Elternhaus von Olivier Krug in Reims ist heute auch Champagner-Liebhabern aus aller Welt zugänglich. © Mikael Benard

Was aussieht wie der Hobby-Weingarten eines motivierten Pen­sionisten, ist in Wirklichkeit die berühmteste Weinlage der Champagne: Clos du Mesnil, die Monopollage der Maison Krug. Genau genommen ist es bloß eine 1,84 Hektar große Parzelle. Die Rebstöcke wurden vor mehr als 325 Jahren gepflanzt und sind von einer ebenso alten Steinmauer begrenzt. Mitten im Ort, in Le Mesnil-sur-Oger, einer Eintausend-Seelen-Gemeinde in der Côte des Blancs, dem Schlaraffenland für Chardonnay, dem Mekka jedes Blanc-de-Blancs-Fanatikers.

Nirgendwo ist der Kreideboden feiner. Nirgendwo sind die Schaumweine finessenreicher als hier, sagt man. Das schmucklose Dorf ist eine von 17 Grand-Cru-klassifizierten Gemeinden in der Champagne – die höchste Auszeichnung in der berühmten franzö­sischen Schaumweinregion. Der ummauerte Weingarten Clos du Mesnil ist das Juwel.

Wertvollster Weingarten der Champagne

„Etliche Gemüsegärten hier in der Gegend sind wohl größer als Clos du Mesnil“, scherzt Julie Cavil. Sie ist die neue Kellermeisterin von Krug. Und doch, wer für diese 1,84 Hektar säuberlich gestutzter Rebstöcke die Verantwortung trage, habe ­unzählige schlaflose Nächte. Julie Cavil weiß, wovon sie spricht. Bevor sie zum Chef de Caves des ruhmreichen Hauses gekrönt wurde, hatte sie die Ehre und wohl auch Bürde, für einen der teuersten Champagner der Welt zuständig zu sein. Gemessen an der Größe ist Clos du Mesnil der mitunter wertvollste Weingarten der Champagne.

Nur einige Tausend Flaschen des reinsortigen Chardonnays verlassen den Krug-­Keller. Freilich nur in den allerbesten Jahren, sonst veredeln die erlesenen Trauben die Grande Cuvée, das Flaggschiff des Hauses. Der Preis für die Rarität spielt sich in lichten Sphären ab und schwankt je nach Jahrgang. Der aktuelle Jahrgang Clos du Mesnil 2008 ist kaum unter 3.000 Euro zu haben. Was genau die Lage so einzigartig macht, vermag selbst Olivier Krug, jüngster Erbe und Direktor des Hauses, nicht genau zu erklären. Weder die vor unwirtlicher Witterung schützende Steinmauer rund um den Weingarten noch der astreine Kreideboden allein machen die Gewächse dort so einzigartig. Nicht zuletzt wird wohl auch die homöopathische Menge den Wert in die Höhe treiben. 

Einer der ersten Winzerchampagner

Der hoch dotierte Blanc de Blancs ist längst eine Legende. Entstanden aus der Idee sowohl Rebsorten und Jahrgänge als auch Lagen zu cuvéetieren, wagte man sich bei Krug 1979 an einen reinsortigen Chardonnay aus nur einem Jahrgang und einer einzigen Lage. Ein Sakrileg und eine Extravaganz, die offensichtlich in der DNA von Krug eingeschrieben ist. Erst ­einige Jahre später sollten die ersten kleinen und unabhängigen Winzer ­genau diesen Weg der Champagner-­Vinifikation beschreiten. „Wir produzierten quasi einen der ersten Winzerchampagner“, sagt Olivier Krug nicht ohne Stolz. Krug stehe seit jeher für Innovation. Schon Joseph Krug sei ein Visionär gewesen. Der als eigenwillig geltende Begründer des Hauses beharrte darauf, Jahr für Jahr die gleiche Qualität an Schaumweinen auf den Markt zu bringen. Und zwar die allerbeste. Egal, ob es das ganze Jahr sintflutartigen Niederschlag gab oder erbarmungslose Dürre herrschte. Jeder Jahrgang sollte schlicht fantastisch sein.

Nachzulesen ist das alles in einem ledergebundenen kirschroten Notizbuch von Joseph Krug. Es ist wie eine Ikone im Haus ausgestellt ist und ließ den Mythos Krug erst wirklich zur Legende werden. Der Geschäftsmann und Metzgersohn aus Mainz, das zu Joseph Krugs Geburt zum napoleonischen Frankreich gehörte, lernte sein Handwerk im legendären Champagnerhaus Jacquesson. 1843 gründete seine eigene Maison in Reims. Joseph Krug war so unan­gepasst wie begnadet, ein Meister der Assemblage, der Schöpfer der Grande Cuvée. Damals wie heute eine Komposition von verschiedenen Grundweinen aus mehreren Jahrgängen, Lagen und den drei Hauptsorten der Champagne: Chardonnay, Pinot noir und Pinot Meunier. Beziffert in Editionen, die Auskunft darüber geben, wie oft, beginnend mit dem ersten Jahrgang 1845, eine Grande Cuvée gefüllt wurde. 

Die Menge bestimmt den Preis

Derzeit ist die 171. Edition auf dem Markt. Sie ist eine Assemblage aus 131 Weinen zwölf verschiedener Jahrgänge. Vom Erntejahr 2015 bis 2000. Der Altersunterschied der Grundweine, ihr unterschiedliches Terroir und die jeweilige Charakteristik der Sorte ergeben eine fein choreografierte Vielstimmigkeit. Ein Spektrum an Aromen von Zitrus bis getrocknete Marille, von Quitte bis Marzipan. Sie zeigt Reife und Frische zugleich und besitzt immer den Charakter eines guten Weins.

Krug wollte nie nur lustigen Sprudel abfüllen, sondern ernsthaften Wein erzeugen. Es ging nicht bloß um die Perlage, sie soll ihm lediglich Leichtfüßigkeit verleihen. Der Anspruch war von jeher, erstklassige Gewächse zu schaffen, die Tiefgang zeigen. Von der Grande Cuvée oder dem Rosé über die Jahrgangsgewächse bis zu den Cru-Champagnern. Auch das lange Zeit eine Extravaganz von Krug. Joseph Krug verwehrte sich gegen qualitative Hierarchien zwischen den einzelnen Champagnern des Hauses. Olivier Krug will, dass das so bleibt. Den Preis soll lediglich die jeweilige Menge bestimmen. Und die ist knapp bis rar.

Vielleicht liegt darin auch die einstige Abgehobenheit, ja Arroganz begründet, die man Krug gerne nachsagte. In jedem Fall eine hartnäckige Verschwiegenheit, wenn es um die Bauweise der Schaumweine ging. Selbst als der Absatz nicht mehr wie gewohnt florierte, hüllte man sich in diskretes Schweigen. 1999 wurde Krug Teil des Luxus-Imperiums von LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton SE. Einige Jahre später zog sich die Familie aus der Geschäftsführung zurück. Erst seit 2009 ist mit Olivier Krug wieder ein Familienmitglied mit an der Führungsspitze.

Aufbruchstimmung und Transparenz

Von der einstigen Geheimniskrä­merei ist heute kaum mehr etwas zu ­spüren. Seit Margareth Henriquez im selben Jahr als CEO beauftragt wurde, die Marke auf Vordermann zu bringen, setzt man auf offene Kommunikation. Die charismatische Venezolanerin revolutionierte die Marketingstrategie von Grund auf. Man öffnete den Vorhang und ließ die Welt erstmals hinter die Kulissen blicken. Unter ihrer Leitung entstand die sogenannte „Krug ID“, ein Code auf jeder Flasche Champagner, der minutiös Auskunft über deren Inhalt gibt. Sie ließ internationale Musiker antreten, um für jede Edition eine eigene Komposition zu schaffen.

Henriquez war es auch, die mithilfe von eigens engagierten Historikern das ominöse kirschrote Notizbuch von Joseph Krug aufstöberte. Ein Schatz, der, wie sie es formulierte, ihnen damals das Leben rettete. Um dieses kleine Büchlein komponierte man die gesamte Erzählung von Krug – eine Art ideologischen Wegweiser. Seine Überlegungen lassen sich etwa so zusammenfassen: „Warum auf ein perfektes Jahr warten? Wir machen einfach jedes Jahr den allerbesten Champagner.“ Die knackige Aussage wurde zum Mantra des Hauses und zur perfekten Marketingbotschaft.

Seit Kurzem ist Margareth Henriquez in Pension. Ihr Aufbruchsgeist ist im Haus immer noch spürbar. Sie war davon überzeugt, dass Luxusmarken am Markt nur funktionieren, wenn man beim Kunden Emotionen schafft. Das ist ihr zweifelsohne gelungen. Trotz der neuen Redseligkeit hat Krug nichts an seiner Exklusivität eingebüßt. Und auch die Nachfrage lässt keine Wünsche offen. 

Die „Queen of Caves“

Für Olivier Krug mag es sich mitunter befremdlich anfühlen, wenn Journalisten aus aller Welt mitten im Wohnzimmer seines Elternhauses sitzen, wo er aufwuchs, und in die Geheimnisse seiner Familie eingeweiht werden wollen. Aber das Konzept heißt nun einmal „Behind the Scene“. Inzwischen dürfte er sich mit dieser Rolle arrangiert haben. Es wirkt alles sehr unverkrampft, nonchalant – ja, familiär. Man hat das Gefühl, hier werkt ein gut eingespieltes Team. Die Protagonisten scheinen auch tatsächlich Spaß an dem zu haben, was sie tun. 

Eine führende Rolle spielt dabei Julie Cavil, die 2020 Chef de Caves von Krug wurde. Keine große Überraschung für Insider, denn Cavil ist seit 17 Jahren im Haus. Sie war von Beginn an der Schützling ihres Vorgängers Eric Lebel. Die lebhafte Französin hat eine eher ungewöhnliche Laufbahn für eine Kellermeisterin einer renommierten Maison. Sie kommt weder aus der Champagne, noch hatte sie sonst in irgendeiner Weise mit Wein zu tun. Eine Werberin in einer Pariser Agentur, die lediglich ab und an gerne ein gutes Glas Champagner trank. Als die Kinder kamen, wollte sie raus aus mder Metropole, raus aus dem hektischen Agenturalltag mit ständigen Deadlines und abstrakten Themen, erinnert sie sich. Etwas Handfestes machen. Mit knapp dreißig Jahren fing sie noch einmal von vorne an. Sie zog aufs Land, begann ein Önolgiestudium und wurde prompt von Krug ­angeheuert. 

Julie Cavil fing dort an, wo andere ihre Karriere krönen. Von Beginn an ist sie fix im Winemaking-Team, bei allen Verkostungen dabei, immer dicht auf den Fersen ihres Meister, Eric Lebel. Arbeitet, wenn sonst keiner mehr kann, involviert sich mehr und mehr. Nach nur zwei Jahren steht für den damaligen Kellermeister fest, Julie soll seine Nachfolgerin werden. 15 Jahre stand sie in der zweiten Reihe, jetzt ist sie die „Queen of Caves“, wie man sie liebevoll nennt. 

Biologisch und biodynamisch

„Hätte mir jemand vor zwanzig Jahren gesagt, dass ich einmal in der Champagne Weine machen werde – und dann auch noch bei Krug –, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, sagt sie und scheint sich selbst immer noch ein wenig über ihr Schicksal zu wundern. Der erste Champagner unter ihrer Leitung wird erst in einigen Jahren zu verkosten sein. An der Stilistik des Hauses will sie nicht viel ändern. Warum auch. „Es waren nicht Erics Champagner und jetzt sind es nicht meine Champagner, es sind die Champagner von Krug.“ Persönlicher Geltungsdrang sei fehl am Platz, wenn man für ein namhaftes Haus arbeitet, ist sie überzeugt.

Ein wenig wurde doch verändert. Schließlich will man der Rolle des Visionärs gerecht werden, die der Begründer Joseph Krug etablierte. So werden etwa alle eigenen Lagen inzwischen biologisch bewirtschaftet, einige Parzellen sogar biodynamisch. „Ich bin keine Bio-Hardlinerin“, erklärt Cavil, „aber es funktioniert, auch wenn wir nicht immer verstehen, warum.“

Im Clos du Mesnil, dem exquisiten, kleinen, von der alten Steinmauer geschützten Weingarten, wird jedenfalls auch mit biodynamischer Bewirtschaftung experimentiert. An die große Glocke will man es freilich nicht hängen. Schaden wird es dem erlesenen Blanc de Blancs wohl nicht. Sonst würde man sie nicht just in der wertvollsten Lage anwenden. Schließlich gibt es wenige Schaumweine, bei denen die Sterne so hell leuchten wie bei Clos du Mesnil. 

Der aktuelle Jahrgang 2008 schmeckt dann auch so außerirdisch wie eh und je – irgendwo zwischen Honigtau und Paradiesfrüchten, Orangen-Madeleine, Grapefruitzesten und marokkanischer Minze, samtig, mit klarer Kontur, gereift, frisch. Jetzt und ewig.

Artikel aus dem A La Carte-Magazin 03/2023.