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23. April 2024
Wirtschaft

Flache Hierarchien – Fluch oder Segen für das Unternehmen?

Keine klassische „Chefetage“, keine Beförderungen, keine Gehaltsverhandlungen. Stattdessen: selbstorganisiertes Arbeiten in Teams und Entscheidungskraft für jeden Mitarbeiter. Kann das funktionieren? Falls Sie als Unternehmer gerade eine Umstrukturierung überlegen oder als Arbeitnehmer unglücklich im Beruf sind, könnte Sie dieser Beitrag interessieren. Wir stellen die klassische Rangordnung dem Arbeitsmodell der flachen Hierarchie gegenüber und zeigen die Vorteile und Herausforderungen von beiden Varianten auf.

Mitarbeiter eines Unternehmens sitzen zusammen
Mit dem Chef auf Augenhöhe – flache Hierarchien haben durchaus ihre Berechtigung. © GettyImages.

In einer Welt, die sich ständig weiterentwickelt und wir in vielen Lebensbereichen Veränderungen erleben, wirft unter anderem die traditionelle Rangordnung in Unternehmen zunehmend Fragen auf. Eine, die dabei immer häufiger auftaucht, lautet: Wie lässt sich Arbeit anders gestalten und die Mitarbeitermotivation verbessern? Als mögliche Antwort steht dabei vor allem eins hoch im Kurs: selbstbestimmtes Arbeiten. Denn die Arbeitswelt ist – wie viele andere Bereiche ebenso – in den meisten Fällen hierarchisch organisiert.

Das Wort Hierarchie kommt aus dem Griechischen und beschreibt grundsätzlich die Rangordnung innerhalb einer Organisation. Kurz ausgedrückt: Es herrscht eine strukturierte Ordnung von „oben nach unten“. So weit, so bekannt. Gute Ideen, kreative Lösungen und Entscheidungsfreudigkeit haben aber nicht nur die Führungskräfte, sondern auch ganz viele Arbeitnehmer, die nicht in der Chef-Etage sitzen.

Ein Paradigmenwechsel in der Arbeitskultur

In den letzten Jahren haben viele Organisationen begonnen, diesen starren Rahmen aufzubrechen. Auch, weil immer mehr Unternehmen feststellen mussten, dass sie mit den althergebrachten Methoden von Führung und Zusammenarbeit an ihre Grenzen stoßen. Vor allem die Digitalisierung verlangt schnelle, kundenzentrierte Lösungen. Fächerübergreifendes Denken und Arbeiten wird immer wichtiger. Plus: Die Werte und die Glaubwürdigkeit von Unternehmen sind heute ein wichtiger Faktor für Arbeitende und Angestellte, um langfristig dort bleiben zu wollen. Somit werden gängige Wirtschaftspraktiken immer mehr infrage gestellt. Denn internationale Themen wie Globalisierung, Digitalisierung oder die Angst vor der Klimakrise tragen natürlich auch ihren Teil zur Unsicherheit bei. All das sind Argumente, warum Firmen überlegen, grundlegend etwas zu ändern.

Die klassische Arbeitsstruktur

Generell ist klar, dass die Organisation eines Betriebes wichtig ist für dessen Erfolg. Sie strukturiert die gemeinsame Arbeit, bietet Orientierung und Sicherheit. Denken wir an typische Abbildungen einer Aufbauorganisation, sehen wir dabei meistens eine Form des Organigramms. Von einer einzelnen Spitze „oben“ mit Inhaber oder Geschäftsführer, hinunter zu mehreren Leitungspositionen auf der untergeordneten Ebene, hin zu nebeneinander geordneten Abteilungen mit den jeweiligen Mitarbeitern. Hauptverantwortung hat immer noch die Chefin oder der Chef.

Oder doch lieber modern?

Hingegen in einem Betrieb mit flachem Hierarchiegefüge wird die Befehlspyramide in ihrer Struktur aufgebrochen. Das bedeutet beispielsweise, dass sich die Mitarbeiter großteils selbst organisieren und bei Entscheidungen die ganze Belegschaft einbeziehen. Das sogenannte mittlere Management, die zwischen den Mitarbeitenden und der Geschäftsführung stehen, wird reduziert oder fällt ganz weg. Die Verantwortung verteilt sich dadurch auf mehrere Schultern. Und was ist typisch dafür? Typische Merkmale einer flachen Hierarchie sind auch kurze Informations- und Entscheidungswege sowie eine weniger ausgeprägte Abteilungsbildung. Oft arbeitet man gemeinsam in offenen Räumen und pflegt einen kollegialen Umgang, der sich zum Beispiel auch durch das Duzen der Vorgesetzten auszeichnet.

Vorteile von flachen Hierarchien für Arbeitnehmer

Die Abschaffung oder Reduzierung von Hierarchien bringt für die Mitarbeiter einige Vorteile:

  • Wertschätzung: Die Mitarbeiter identifizieren sich stärker mit dem Unternehmen und bringen sich mehr ein. Sie fühlen sich motivierter, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Stimme gehört wird und ihre Ideen einen direkten Einfluss haben.
  • Verantwortung: Flache Hierarchien fördern zudem die Eigenverantwortung und Selbstorganisation der Teams. Das kann zu flexibleren Arbeitsprozessen und einer höheren Sinnorientierung im Job führen.
  • Teamspirit: Ein angenehmes Arbeitsklima und flache Hierarchien können dazu beitragen, dass sich Arbeiternehmer im Betrieb wohler fühlen. Begegnen sich alle auf Augenhöhe, kann das nicht nur für gute Laune, sondern auch für ein produktives gemeinsames Arbeiten sorgen.
  • Weniger Konkurrenz: In herkömmlichen Betrieben mit steiler Hierarchie ist der Konkurrenzkampf oft groß. Immerhin ist jeder bestrebt, die Befehlskette hinaufzuklettern. Bei flachen Strukturen fällt dieser Druck weg, da es wenig Aufstiegsmöglichkeiten gibt. Das kann das Teambewusstsein innerhalb der Belegschaft antreiben.

Vorteile von flachen Hierarchien für Arbeitgeber

  • Geringere Personalkosten: Logischerweise gibt es in Unternehmen mit flachen Hierarchien weniger Führungskräfte. Das wirkt sich natürlich auf die Gehaltsspanne aus. Wer weniger Manager braucht, muss auch weniger für Personalkosten aufkommen und profitiert somit auch auf finanzieller Ebene.
  • Entlastung der Führungskräfte: Dadurch, dass nicht einzelne Mitarbeiter die ganze Verantwortung tragen, teilt sich auch der Entscheidungsdruck auf. Geht etwas schief, muss das ganze Team dafür Verantwortung übernehmen – und nicht die Person, die über andere hinweg entschieden hat.
  • Schnelles und effektives Arbeiten: Durch die direkte Kommunikation und kurze Entscheidungswege kann das Unternehmen vor allem im operativen Geschäft schneller voranschreiten. Gerade, wenn nicht alles erstmal von einer Führungskraft abgesegnet werden muss, sondern Angestellte allein Verantwortung für ihr Tun tragen, können neue Aufgaben schneller aufgenommen werden.
  • Ideenreichtum: Wenn viele Leute ihren Input bei wichtigen Entscheidungen einbringen können, bietet das einen Nährboden für Kreativität und neue Ideen. Gerade Vorgesetzten fehlt oftmals die Marktnähe, die Mitarbeiter unterer Ebenen vorweisen. In vielen Angestellten schlummern oftmals gute Ideen, die bei einer steilen Hierarchie nicht wahrgenommen werden, weil ihnen bei Sitzungen nicht das Wort erteilt wird.
  • Mitarbeiterbindung: Durch die zusätzliche Verantwortung, die einzelnen Mitarbeitern zukommt, fühlen diese sich oft auch enger mit dem Betrieb verbunden. Das kann dazu beitragen, dass Talente länger an die eigene Firma gebunden werden und im eigenen Betrieb „großgezogen“ werden können.

Herausforderungen und Bedenken

Trotz der vielversprechenden Vorteile gibt es auch Herausforderungen bei der Durchführung einer hierarchiefreien Arbeitsstruktur. Einige Kritiker argumentieren etwa, dass ohne klare Führung die Gefahr von Unordnung und mangelnder strategischer Ausrichtung besteht.

Welche Nachteile können für Arbeitnehmer entstehen?

  • Weniger Aufstiegsmöglichkeiten: Was für die Hierarchie gilt, gilt auch für die Leiter in Richtung Karriere. Sie ist flach. Besonders ambitionierte Mitarbeiter kann es demotivieren, wenn sich im Betrieb keine Aufstiegschancen ergeben und sie beruflich „auf der Stelle treten“.
  • Unklare Aufgabenverteilung: Zu viel „Freiheitsdenken“ in der Belegschaft kann es erschweren, ein Team klar zu führen und Aufgaben gezielt zu verteilen. Das führt eventuell zu langsamerem Arbeiten und kann auch ein Ungleichgewicht hinsichtlich des Arbeitspensums bedeuten.

Und welche Nachteile können für Arbeitgeber entstehen?

  • Längere Entscheidungsprozesse: Was auf der einen Seite Entscheidungen erleichtert, weil sie nicht immer mit Führungskräften abgesprochen werden müssen, kann auch zu Komplikationen führen. Entscheidungen könnten länger dauern, bis sie gefällt sind. Warum? Weil zu viele Menschen daran beteiligt sind und dadurch zähflüssige Diskussionen ohne schnelle Lösung entstehen könnten. Verderben zu viele „Köche“ vielleicht wirklich den Brei?
  • Oberste Führungsebene wird belastet: Werden Führungsebenen „in der Mitte“ gestrichen, bedeutet das eventuell umso mehr Arbeit für die Geschäftsführung. Auch flach geführte Organisationen brauchen eine Leitung. Bei ihr landen dann allerdings auch Probleme, Sorgen und Streitereien. Das kann dazu führen, dass sich der Chef mit Kleinkram herumschlagen muss und sich nicht auf seine oder ihre wesentlichen Aufgaben konzentrieren kann.
  • Fehlende Autorität: Ein autoritärer Führungsstil muss nicht immer zwingend ein Übel sein. Manchen Teams fehlt es an Initiatoren, die Entscheidungen in die Hand nehmen und als treibende Leitfigur agieren. Auch wenn es „zu kollegial“ in einem Betrieb zugeht, muss das nicht unbedingt ein Vorteil sein. Wenn alle per du oder gar befreundet sind, wird es umso schwieriger, schwere Personalentscheidungen wie etwa eine Kündigung durchzusetzen.

Wir fassen zusammen

Eine flache Hierarchie kann gutes Schmieröl für den Motor eines Unternehmens sein. Oft sind es gerade Mitarbeiter der unteren Ebene oder Neuankömmlinge, die frischen Wind in die starren Strukturen eines Unternehmens bringen können – wenn das auch zugelassen wird. Gleichzeitig kann es Betriebe ins Chaos stürzen, wenn dieser Schritt nicht gut überlegt ist.

Im Endeffekt muss jede Führungskraft selbst entscheiden, welcher Führungsstil zum Unternehmen passt. Vor allem in größeren und komplexen Firmen kann eine klare Hierarchie von Vorteil sein, damit Überblick gewahrt wird. Generell gilt: Wenn die ganze Belegschaft dieselben Visionen und Werte teilt, wird sie umso motivierter sein, mithilfe von flachen Hierarchien auf der Erfolgsspur zu fahren.

Was jedoch klar erscheint: Traditionelle Stufenordnungen sind nicht mehr die einzige Option. Die Zukunft der Arbeit könnte eine Mischung aus verschiedenen Modellen sein, die auf die individuellen Anforderungen der Organisation zugeschnitten sind. In einer Zeit, in der Anpassungsfähigkeit immer wichtiger ist, wird diese Diskussion über hierarchiefreie Arbeitsstrukturen sicherlich weitergehen.