In Tokio leben zehn Millionen Menschen, rechnet man den Großraum dazu, sind es sogar 38 Millionen: wahrlich mega. Man kann sein ganzes Leben hier verbringen und kennt nur einen Bruchteil dieser Megacity. Doch es reichen auch nur 48 Stunden, um die überwältigende Vielfalt der Metropole zu erkunden, verspricht mein Tokioter Guide Frau Himari.
Top, die Wette gilt. Am Programm steht nicht nur Sightseeing, sondern auch Nachhilfe in puncto richtigen Verhaltens in Japan. Gleich die Regel Nummer eins: Visitenkarten hält man beim Überreichen immer in beiden Händen, bewundert die des Gegenübers gebührend und steckt sie schließlich ehrfürchtig ein. Aufgabe eins gut bewältigt, also können wir die Tour durch Tokio beginnen. Dabei erweist sich Himari von Anfang bis zum Schluss als wahre U-Bahn-Expertin. Bei 13 Linien und fast 300 Stationen grenzt das an ein Wunder. Ohne dieses Untergrundnetz ist man in diesem Stadtmoloch aufgeschmissen. Aber keine Sorge, wenn man keine menschliche Hilfe an seiner Seite hat: Mit Handy-Apps navigiert man auch selbst leicht durch die Stadt. Kaum steigen wir in den ersten Zug ein, kommt schon Verhaltensregel Nummer zwei: In Japan spricht man nicht in der U-Bahn, Telefonieren in aller Öffentlichkeit ist sowieso verpönt.
Tradition und Moderne hautnah
Der erste Tag beginnt mit dem historischen Zentrum der Stadt, dem Kaiserpalast. Ins Innere kommt man nur schwer, doch die prächtige Gartenanlage rundherum ist alleine schon einen Besuch wert. Kommt man wieder heraus, sieht man angesichts der Skyline an den umliegenden Straßen schon den Clash von Tradition und Moderne in Tokio. Wieder geht es in die U-Bahn, und in den unendlich langen Gängen gibt die weltbekannte, hier erfundene Hello- Kitty-Figur Sightseeing-Tipps. Die brauche ich nicht, ich habe ja Himari, die mir beim nächsten Stopp die religiöse Seele der Stadt zeigt.
Der buddhistische Sensō-ji-Tempel im Viertel Asakusa ist Tokios ältester Tempel und wird jährlich von mehr als 30 Millionen Menschen besucht. Die einen sind Touristen, die man oft am Tragen eines Leihkimonos erkennt. Die anderen kommen wegen ihres Glaubens, beten, reinigen sich mit dem heiligen Rauch am Weihrauchkessel und ziehen ein Wahrsagehölzchen. Mir ist da das Glück nicht hold, deshalb führt mich Himari in ein kleines Tempura-Restaurant, wo einzig dem Frittierten gehuldigt wird. Als Nachspeise gibt’s auf der Straße als Take-away süße Erdbeeren im Plastikbecher – und Regel drei: In Japan gibt es keine Mistkübel. Trotzdem sind die Straßen blitzblank, weil jeder seine Abfälle mit nach Hause nimmt.
Handwerk, Digitalkunst und Luxus
Wieder im Untergrund der U-Bahn, fährt der Zug jetzt in Richtung Kultur, und zwar zur alten Handwerkskunst Kintsugi. Dabei handelt es sich um eine traditionelle japanische Methode, kaputte Keramik mit Lack und Goldstaub wieder zusammenzukleben. Beim Workshop in einem Laden mache ich zwar keine so gute Figur, werde aber trotzdem gelobt. Wie nett, einfach typisch japanisch.
Nach einem kurzen Abstecher nach Ginza, ins teuerste Stadtviertel mit Luxusshopping, besuchen wir das Digital Art Museum. Hier ist die Dichte an Influencern extrem hoch, denn die Fotos werden in dieser bunten, einzigartigen Erlebniswelt wirklich außergewöhnlich. Erschlagen von diesen Eindrücken, spazieren wir durch die Roppongi Hills und genießen den Ausblick, auch auf einen Riesenturm, mit dem wir den nächsten Tag beginnen werden.
In Tokio ist alles möglich
Davor noch die Regeln vier und fünf: Pyjamas kann man getrost zu Hause lassen, die gibt’s im Hotelzimmer. Und das WC betritt man nur mit den schwarzen Patschen, die dort schon stehen. Nach guter Nachtruhe geht es zum Tokyo Skytree. Er ist mit seinen 634 Metern der weltweit höchste Fernsehturm der Welt und überhaupt das dritthöchste Gebäude der Erde. Bei gutem Wetter sieht man bis zum 106 Kilometer entfernten heiligen Vulkan Fuji.
30 U-Bahn-Minuten später tauche ich mit Himari ein ins Viertel Akihabara, das man auch „Electric Town“ nennt. Hier dreht sich alles um Games und Anime, mit Spielhallen, Shops und Themenrestaurants ohne Ende. Wer diese Leidenschaft nicht teilt, spürt zumindest an diesem Ort, dass Tokio wirklich anders ist. So wie bei der Liebe zu putzigen Tieren. Man könnte sagen, Japaner haben Katzen und Hunde zum Fressen gern, natürlich nur sprichwörtlich. In Shinjuku findet man Pet Shops und Dog Hotels, wo man sich einen Vierbeiner als Gesellschafter ausleihen kann, aber auch Katzen-, ja sogar Schweinchen-Cafés.
Den Abschluss machen wir im Viertelnachbar Shibuja und bei der meistfrequentierten Kreuzung der Welt: mit bis zu 3.000 Passanten pro Grünphase. Wie es Radfahrer durch die Menschenmassen schaffen, ist mir ein Rätsel. Regel sechs lautet: In Tokio ist alles möglich, nicht wundern!


