Story

Pura Vida: Costa Ricas wilde Seele erleben

Vulkangestein, Nebelwälder, Traumstrände: Costa Rica ist ein Abenteuer für die Sinne. „Pura Vida", das pure Leben, nennen es die Einheimischen. Zu Recht, wie sich zeigt.
© Getty Images

Unsere Reise beginnt am Flughafen von Toronto. Neun Stunden Flugzeit von Wien liegen hinter uns, fünf weitere nach San José vor uns. Unten zieht die Skyline der kanadischen Millionenmetropole vorbei, doch unsere Gedanken sind schon längst woanders: bei Vulkanen, Regenwald und den süßen Faultieren. Als wir schließlich in San José, der Hauptstadt Costa Ricas, landen, treffen uns schon beim Verlassen des Terminals die ersten feuchten Schwaden tropischer Luft im Gesicht.

Ein gebuchtes Mietauto und eine Karte mit vielen gesetzten Stecknadeln auf meinem Smartphonedisplay später kann unser Roadtrip auch schon losgehen. Schnell bemerken wir: Die Straßen des Landes sind oft schmal, kurvenreich und von der Natur zurückerobert. Der Grund liegt auf der Hand: Über ein Viertel des gesamten Staatsgebiets steht unter Naturschutz. Wer also durch Costa Rica reist, muss sich nach der Natur richten, nicht umgekehrt.

Am Fuße des Riesen

Unser erster Stopp ist La Fortuna, eine Stadt im Nordenwesten des Landes, deren Hauptstraße direkt auf den Arenal Vulkan, eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten des Landes, zuläuft. Wir fahren um die Kurve, und schon präsentiert er sich: 1.670 Meter hoch, den größten Teil des Tages in graue Wolken gehüllt. Wir stehen auf dem Gehsteig und lassen die Umgebung erstmal auf uns wirken, denn kein Foto der Welt kann diesen Anblick einfangen.

Der Arenal ist einer der aktivsten Vulkane Costa Ricas, auch wenn sein letzter großer Ausbruch 2010 stattfand. Heute wird er von Tieren und Pflanzen bewohnt, die die Lavafelder längst als ihr neues Zuhause akzeptiert haben. Für uns steht am ersten Nachmittag ein Sloth Trail auf dem Programm, eine geführte Wanderung auf der Suche nach dem Nationaltier des Landes: dem Faultier. Ohne Tourguide, das lernen wir schnell, würden wir an den gut getarnten Bewohnern in den Baumkronen achtlos vorbeigehen. Die Guides vor Ort wissen, wo die Lieblingsplätze der Tiere sind, sie kennen jeden Ast und jeden Baum. Unser Guide zeigt uns ein Faultier, das sich in fünf Metern Höhe so vollkommen reglos verhält, dass wir es erst sehen, als er sein riesiges Fernrohr direkt darauf richtet. Da hängt es, zufrieden und unbewegt. Pura vida in Tiergestalt.

Den Abend verbringen wir in den heißen Quellen von Tabacón unweit des Zentrums von La Fortuna, wo vulkanisch erhitztes Wasser durch angelegte Becken fließt, umgeben von tropischer Vegetation, die im Dunkeln rauscht. Im Regenwald um uns herum beginnen die Nachttiere ihre Konzerte: Frösche, Zikaden und Vögel, deren Namen wir nicht kennen. Die Geräuschkulisse ist fremd und faszinierend zugleich.

Tief im Dschungel

Am nächsten Tag geht es für uns in den Nationalpark La Fortuna. Unser Guide Franklin, ein mittelgroßer Mann mit wachem Blick, herzlichem Lachen und der Gabe, selbst den unscheinbarsten Farn zum Star zu machen, führt uns als Erstes die rund 500 Stufen hinunter zum Wasserfall La Fortuna. Das Wasser stürzt hier aus 70 Metern Höhe in einen kleinen Fluss, der eisig kalt ist, ungeachtet der Tropenhitze ringsum. Ich wage mich mit unserer Reisegruppe ins kalte Nass, denn manche Dinge muss man eben einfach erlebt haben. Wenig später wandern wir zu den Lavafeldern am Fuß des Arenal. Angekommen am Mirador (zu Deutsch: Aussichtspunkt) El Silencio, hängen die Wolken so tief, dass sie die Aussicht auf den Vulkan fast vollständig verschlucken. Aber nur fast, denn was wir sehen, ist etwas anderes: wie der Regenwald atmet. Das Grün leuchtet, die Blätter glänzen und innerhalb von Minuten setzt ein tropischer Schauer ein. Und genauso plötzlich ist er auch schon vorbei. Lächelnd sagt Franklin: „Willkommen in Costa Rica.“

Wir besuchen ein repräsentatives Dorf der Maleku, einem der kleinsten indigenen Völker Costa Ricas, das seine Sprache und Kultur trotz allen Drucks von außen lebendig gehalten hat. Wir hören Geschichten, sehen handgefertigte Masken, Schmuck aus Samen und Knochen. Später trauen wir uns auf die berühmten Hängebrücken, die sich über die Baumkronen des Regenwalds spannen. Tukane sitzen dabei in den Wipfeln wie bunte Wegweiser und Iguanas sonnen sich auf jedem zweiten Ast. Am Ende der Tour wartet das, wofür Costa Rica auf der ganzen Welt berühmt ist: Kaffee. Und was für einer. Costa Rica produziert zwar nur 0,7 Prozent des weltweiten Kaffees, setzt dafür aber konsequent auf Qualität statt Masse. Im Land ist gesetzlich ausschließlich der Anbau der Arabica-Bohne erlaubt, angebaut auf vulkanischen Böden zwischen 800 und 2.000 Metern Seehöhe, von Hand geerntet und in der Sonne getrocknet. Über 400 Millionen Kaffeebäume wachsen in diesem kleinen Land. Nicht umsonst nennen die Ticas und Ticos, wie sich die Einheimischen selbst nennen, ihren Kaffee liebevoll „das goldene Korn“.

Zwischen zwei Welten

Am nächsten Morgen verlassen wir La Fortuna in Richtung Nicoya-Halbinsel, und schon die Fahrt dorthin ist ein einziges Abenteuer. Die Route führt vorbei am Lago Arenal, dem größten See Costa Ricas, und dem charmanten kleinen Ort Nuevo Arenal, der sich an die Hügel schmiegt wie ein europäisches Bergdorf, das sich verirrt hat, während sich auf beiden Seiten der Straße der Regenwald türmt. Einmal bremsen wir scharf, denn eine Gruppe Kleinbären überquert gemächlich die Fahrbahn. Sie schauen uns mit Neugier an, denn es könnte ja sein, dass wir Futter bei uns haben, dann sind sie aber schnell wieder weg im Dickicht. Dass es hier so viel Wildtiere zu sehen gibt, ist kein Zufall, denn Costa Rica hat in seiner jüngeren Geschichte eine bemerkenswerte Kehrtwende vollzogen. In den 1980er-Jahren verzeichnete das Land eine der größten Abholzungsraten weltweit, Rohdung und Viehwirtschaft hatten dem Regenwald zugesetzt. Dann entschied die Regierung, gegenzusteuern: Bauern wurden dafür bezahlt, ihre Weideflächen aufzuforsten. Heute sind mehr als 54 Prozent des Landes wieder von Wald bedeckt, 32 Nationalparks und rund 160 Schutzgebiete sichern das Erbe. 98 Prozent des Stroms werden aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen.

Land der langen Leben

Die Nicoya-Halbinsel im Westen des Landes empfängt uns mit einem Geruch nach Salz, Hibiskus und warmem Sand. Hier ist alles ein bisschen langsamer und ein bisschen unberührter als anderswo. Die Halbinsel erstreckt sich über 120 Kilometer entlang der Pazifikküste und ist ein ganz besonderes Fleckchen Erde. Nicoya zählt zu den sogenannten Blue Zones, jenen fünf Regionen der Welt, in denen Menschen überdurchschnittlich alt werden. Oft über neunzig Jahre, häufig sogar über hundert. Das Geheimnis? Der Journalist Dan Buettner, der das Phänomen 2005 im National Geographic beschrieben hat, nennt eine Mischung aus gesunder Ernährung, engem Gemeinschaftssinn und einer Lebensweise, die im Einklang mit der Natur steht.

Wir verbringen unsere Tage mit dem, wofür Nicoya berühmt ist: mit langen Spaziergängen am Meer, mit Sand unter den Füßen und an Stränden, von denen jeder für sich seine Eigenheiten hat. Manchmal breit und goldfarben, manchmal mit schwarzem Gestein und von Dschungel gerahmt und manchmal so wild, dass die Wellen brechen, noch bevor sie den Strand erreichen. Die Orte Santa Teresa, Tamarindo und Nosara zählen zu den besten Surfspots Mittelamerikas und ziehen Wellenreiter aus aller Welt an. Abends, wenn sich der Himmel über dem Pazifik in den schönsten Farben, die wir je gesehen haben, auflöst, schauen wir den Surfern zu, wie sie in den Wellen verschwinden und wieder auftauchen, und das alleine begeistert uns.

Über den Wolken

Doch Costa Rica wäre nicht Costa Rica, würde es sich mit einer einzigen Landschaft zufrieden geben. Unser nächstes Ziel liegt hoch oben in den Bergen: Monteverde, jener geheimnisvolle Nebelwald, der zu den artenreichsten Orten der Erde zählt. Die Straße dorthin schraubt sich auf knapp 1.400 Meter Seehöhe, die letzten Kilometer auf Schotter und Staub, durch Kurven, die kaum eine Leitplanke kennen. Es wird kühler, die gleißende Sonne löst sich auf, und plötzlich sind wir mittendrin im Nebelwald. Monteverde, auf Spanisch „grüner Berg“, ist eines der biologisch vielfältigsten Gebiete der Welt. Das Cloud Forest Preserve umfasst 10.500 Hektar, 90 Prozent davon unberührter Urwald. Auf einem einzigen Quadratkilometer wachsen hier mehr Baumarten als in den gesamten Vereinigten Staaten, über 3.000 Gefäßpflanzenarten wurden gezählt, darunter mehr als 450 Orchideen. Rund die Hälfte der gesamten Artenvielfalt Costa Ricas konzentriert sich in diesem kleinen Gebiet, und dieses Wunder möchten wir mit eigenen Augen sehen.

Wir entscheiden uns für den Continental Divide Trail, der uns tief hinein in dieses grüne Zwischenreich führt. Hier tropft es an jeder Stelle, eine gute Regenjacke sei also jedem wärmstens empfohlen. Das Moos an den Ästen ist so dick und schwer, dass die Bäume aussehen, als würden sie Pelzmäntel tragen. Der Nebel zieht in Fetzen durch die Kronen, lässt Konturen verschwimmen und taucht die ganze Szenerie in ein diffuses, unwirkliches Licht, wie in einem Märchen. Und als hätte Monteverde am Ende noch eine kleine Zugabe vorbereitet, wartet nach der Wanderung das Kolibri-Café. Wer hier draußen sitzt, seinen Kaffee trinkt und zusieht, wie diese winzigen Geschöpfe in der Luft stehen, versteht sehr schnell, warum manche Menschen ihr ganzes Leben dem Beobachten von Vögeln widmen.

Auch die nächsten Tage sind voll mit Programm. Beim Horseback Riding schaukeln wir auf holprigen Wegen durch den Wald, wobei „wir“ hier großzügig formuliert ist, denn die Pferde wissen ganz genau, wohin sie gehen, und lassen sich von unserer Unsicherheit im Sattel herzlich wenig beeindrucken. Dass wir sie danach putzen und füttern dürfen, nehmen sie mit stoischer Würde entgegen. Doch das eindrücklichste Erlebnis in Monteverde reserviert sich die Nacht. Bei einer geführten Nachtwanderung durch den Nebelwald zeigt sich der Wald von einer ganz anderen Seite. Mit Taschenlampen tasten wir uns durch das Dunkel und entdecken, was der Tag verbirgt: schlafende Kolibris, die sich auf dünnen Ästen zu kleinen Federbällchen zusammengerollt haben, eine Palmlanzenotter, die reglos im Geäst hängt, und hoch oben in den Kronen eine Kleingruppe Brüllaffen, die den Schlaf offenbar ernster nehmen als unsere neugierigen Taschenlampen.

Im Reich der Krokos

Kurz bevor wir uns wieder auf den Weg Richtung San José machen, legen wir noch einen Zwischenstopp am Río Tárcoles ein, einem breiten Fluss, der Heimat von über 2.000 Krokodilen ist. Die bekanntesten sonnen sich täglich auf einer Sandbank direkt unter der gleichnamigen Brücke, die zu einem der meistfotografierten Orte Costa Ricas geworden ist. Schon vom Geländer der Brücke aus kann man sie sehen: dunkle, reglose Schatten im seichten Wasser, so zahlreich, dass man sie zunächst für Treibholz hält. Wir steigen in ein flaches Motorboot und gleiten langsam am Ufer entlang, gesteuert von unserem Guide mit der Ruhe eines Mannes, der täglich mit diesen Tieren arbeitet und dabei nie vergisst, wer hier eigentlich das Sagen hat. Und dort liegen sie: reglos wie Steine, die Mäuler aufgerissen, die Zähne im Sonnenlicht. Manche sind drei Meter lang, die Männchen, denen dieses Territorium gehört, bringen es auf bis zu sechs. Der Guide fährt das Boot bis auf 50 Zentimeter heran, doch die Krokodile stört das nicht im Geringsten, denn die aufgerissenen Mäuler, erklärt er, sind schlicht Thermoregulation. Das Land zeigt sich also bis zum Schluss von seiner wildesten Seite.

Mit allen Sinnen

Am Ende unserer Reise sind wir uns sicher: Costa Rica muss man mit allen Sinnen erleben. Man hört es durch die Brüllaffen am Abend, die Regentropfen auf dem Glasdach, das Rauschen des Wasserfalls. Man riecht es durch die feuchte Erde nach dem Regen, die Kaffeeblüten, Bananenstauden und Ananassträucher, an denen man vorbeifährt. Man schmeckt es durch gebratene Bohnen und Reis zum Frühstück und man fühlt es durch das heiße Wasser der Thermalquellen, den Sand zwischen den Zehen und den Nebel auf der Haut. Und man trifft das Lebensmotto dieses Landes – pura vida – buchstäblich an jeder Ecke. Was es bedeutet? Das pure Leben, eben.

© Marlene Wimmer
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