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Zeugnisgeld: Ja oder nein? Das sagt die Expertin dazu

Die letzten Schultage brechen an und als Elternteil ist man gedanklich längst beim Urlaub am Badesee und den Ferienmorgen, an denen man genüsslich ausschlafen kann. Bevor es so weit ist, naht aber noch der große Tag: die Zeugnisübergabe. Viele Kinder bekommen an diesem Tag Belohnungen für ihre Leistungen. Was die Expertin zu diesem Anreiz für gute Noten sagt, hat schauvorbei.at im Interview mit Psychologin Sarah Enzenhofer-Glaser erfahren.
drei Kinder mit Schultaschen die Hochspringen
Schulschluss und Ferienbeginn sind die beste Kombi. Zeugnisgeld als Motivation steht allerdings in Frage. © shutterstock

Endlich Ferien! Der Schulschluss steht vor der Tür und damit auch der lange herbeigesehnte Zeugnistag. Viele Eltern überraschen ihren Nachwuchs dann mit Geschenken wie einem Barbie-Auto oder gar einem Tablet – oder geben für besonders gute Noten „ein bisschen was dazu“. Doch wie gesund ist so eine Art der Belohnung und wie viel ist zu viel? Darüber hat schauvorbei.at mit Sarah Enzenhofer-Glaser, klinische Psychologin mit Fokus auf Kinder, Jugend und Familie, gesprochen.

schauvorbei.at: Ganz allgemein gesprochen: Sind Belohnungen gut, um Kinder zu motivieren?
Sarah Enzenhofer-Glaser: Aus meiner Sicht können Belohnungen für Kinder sinnvoll sein, wenn man das Gefühl hat, dass sie in einer bestimmten Phase oder Situation eine externe Unterstützung brauchen, um ihre Motivation zu fördern.

Damit meine ich Momente, in denen ein Kind aus bestimmten Gründen – etwa aufgrund von Müdigkeit oder Überforderung – wenig Energie zum Lernen hat. In solchen Situationen kann eine Belohnung helfen, dem Nachwuchs zu vermitteln: „Wir sind ein Team, ich unterstütze dich und du musst das nicht alleine schaffen.“

Gegen Cybermobbing: Sarah Enzenhofer-Glaser
© Alexander Enzenhofer-Glaser

 

„Die Gewissheit, die eigene Zukunft beeinflussen zu können, und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten – ‚Ich kann etwas bewirken‘ – sind neben bedingungsloser Liebe wohl die wertvollsten Geschenke, die wir Kindern mit auf den Weg geben können.“
Sarah Enzenhofer-Glaser

 

 

 

Mit „Belohnung“ meine ich jedoch nicht primär materielle Dinge, sondern vor allem Zuwendung auf Beziehungsebene: ein liebevoller Blick, eine Umarmung oder besondere Aufmerksamkeit. Kinder orientieren sich stark am Verhalten ihrer Bezugspersonen, die bis zur Pubertät wichtige Vorbilder sind. Wenn Eltern vorleben, dass man sich nach Anstrengung bewusst etwas Gutes tun darf, lernen Kinder, dass sie ihr eigenes Wohlbefinden aktiv beeinflussen können. Das stärkt ihre Selbstwirksamkeit und Selbstständigkeit.

Gleichzeitig ist es wichtig, Belohnungen gezielt und nicht dauerhaft einzusetzen, da sonst ein Gewöhnungseffekt eintritt und sie ihre besondere Bedeutung verlieren.

schauvorbei.at: Wie sieht es mit monetären Anreizen aus?
Sarah Enzenhofer-Glaser: Monetäre Anreize sind Belohnungen von außen, beispielsweise in Form von Geld, die auf eine Steigerung der Leistung abzielen. Ihr Einsatz sollte gut überlegt sein, da sie die intrinsische Motivation verringern können. Diese entsteht aus dem Kind selbst heraus.

Extrinsische Motivation hingegen kommt von außen, etwa durch Lob oder Belohnungen. Wenn ich eine gute Beziehung zu meinem Kind aufbauen möchte, sollte ich diese nicht an finanzielle Anreize knüpfen, da Liebe nicht mit Geld verbunden sein sollte. Der Nachwuchs lernt sonst schnell, Dinge nur noch wegen der Bezahlung zu tun – nicht, weil sie sie sinnvoll oder interessant finden. Dadurch kann sich Verhalten in eine Art „Geschäft“ verwandeln, was sich auch negativ auf die Beziehung auswirken kann.

schauvorbei.at: Wird dann Belohnung bzw. Geld mit Selbstwert oder nur mit Leistung verknüpft?
Sarah Enzenhofer-Glaser: Im Begriff „Selbstwert“ steckt bereits „Selbst“ und „Wert“. Das bedeutet, dass Eltern den Selbstwert ihres Kindes nur begrenzt direkt beeinflussen können – jeder Mensch muss seinen eigenen Wert finden. Wichtig ist jedoch, dem Nachwuchs bedingungslose Liebe zu vermitteln, unabhängig von seiner Leistung.

Eltern können zudem Rahmenbedingungen schaffen, in denen das Kind seine Fähigkeiten entfalten kann, etwa durch passende Förderangebote oder Kurse. Ebenso hilfreich ist es, sich als Mama oder Papa der eigenen Werte bewusst zu werden und diese vorzuleben. Eine nachhaltige Stärkung des Selbstwerts entsteht jedoch meist dann, wenn die Kleinen und jungen Erwachsenen eigene Erfolge erleben und Stolz empfinden.

schauvorbei.at: Zeugnisgeld ganz konkret: Sollte man es einführen oder lieber lassen?
Sarah Enzenhofer-Glaser: Belohnungen bzw. Geld für Leistungen halte ich aus psychologischer Sicht für eher kontraproduktiv, da sie den äußeren Leistungsdruck erhöhen. Kinder sind heute ohnehin häufig starkem Druck ausgesetzt – sowohl in der Familie als auch in der Schule.

Natürlich ist es wichtig, den Nachwuchs zu loben und sich mit ihm über Erfolge zu freuen. Dennoch sollte der Fokus auf der Förderung der intrinsischen Motivation liegen. Ein Risiko extrinsischer Motivation besteht darin, dass sie für Leistungen oder Verhaltensweisen bestärkt werden, hinter denen sie selbst eventuell gar nicht stehen.

Wenn ich meine Tochter beispielsweise lobe, weil sie ein Kleid trägt, das ich ausgesucht habe, obwohl es ihr nicht gefällt, vermittle ich ihr, dass sie sich nach äußeren Erwartungen richten soll. Dadurch kann die Selbstbestimmung eingeschränkt werden.

Kinder könnten lernen, sich stark vom Lob anderer abhängig zu machen, statt eigene Maßstäbe zu entwickeln. Daher ist gemeinsame Zeit oft wertvoller als materielle Belohnungen. Zum Beispiel kann man am Ende des Schuljahres eine gemeinsame Aktivität planen, bei der nicht die Noten im Mittelpunkt stehen, sondern die Anstrengung und der Einsatz gewürdigt werden.

Auch die Vorfreude auf eine solche Aktivität kann bestärkend wirken. Besonders sinnvoll ist es, das Kind einzubeziehen und zu fragen, was es sich wünscht. Das stärkt seine Selbstwirksamkeit und Eigenmotivation.

schauvorbei.at: Wenn man sich dazu entschließt, Zeugnisgeld zu geben: Ab welchem Alter kann es Sinn machen?
Sarah Enzenhofer-Glaser:
Wenn Eltern ihrem Sprössling Zeugnisgeld geben möchten, sollte dieses altersgerecht sein. Zu hohe Beträge können insbesondere jüngere Kinder überfordern, da sie erst lernen müssen, mit Geld umzugehen. Zeugnisgeld kann sinnvoll sein, wenn es als Anerkennung und nicht als Druckmittel verstanden wird. Es sollte eher eine einmalige Geste sein und nicht direkt von einzelnen Noten abhängen.

Einen festen Richtwert dafür, wie viel Geld ein Kind erhalten sollte, gibt es meiner Meinung nach nicht. Vielmehr sollten Eltern individuell, daher angepasst an das Entwicklungs- und Reifealter entscheiden, welcher Betrag angemessen ist.

schauvorbei.at: Ist es zum Beispiel gut, einen Teenager in einer schwierigen Phase zu motivieren?
Sarah Enzenhofer-Glaser: Teenager können bzw. sollen in einer schwierigen Phase motiviert werden. Eine Belohnung bzw. ein Anreiz kann beispielsweise darin bestehen, ihnen mehr Selbstbestimmung zu ermöglichen – etwa bei der Gestaltung ihrer Freizeit oder sie nach ihren Wünschen für gemeinsame Aktivitäten zu fragen.

Das stärkt sowohl ihr Selbstvertrauen als auch ihre Selbstwirksamkeit. Besonders wichtig sind in dieser Phase Wertschätzung und Anerkennung – vor allem die Botschaft, dass sie so, wie sie sind, liebenswert sind. Ebenso entscheidend ist es, ihre Grenzen zu respektieren und ihnen Raum zu geben.

schauvorbei.at: Wann sind Kinder „zu alt“ für Zeugnisgeld und sollten sich selbst motivieren können?
Sarah Enzenhofer-Glaser:
„Zu alt“ für Zeugnisgeld sind Kinder dann, wenn sie beginnen, ihre Leistungen eigenständig zu erarbeiten. Spätestens mit Eintritt in die Pubertät sollte der Einsatz finanzieller Anreize überdacht werden. Jugendliche sollten zunehmend lernen, Leistungen aus eigener Motivation zu erbringen, da die Schule letztlich ihrer eigenen Entwicklung dient und sie auf das Erwachsenenleben vorbereitet.

schauvorbei.at: Wenn Oma oder Opa unabhängig von den Eltern Zeugnisgeld verteilen: Ist das in Ordnung oder sollte man es unterbinden?
Sarah Enzenhofer-Glaser: Ich finde, Großeltern dürfen selbst entscheiden, ob sie ihren Enkelkindern Geld schenken möchten. Unterschiedliche Erziehungsstile zwischen Oma, Opa, Mama und Papa sind nicht zwangsläufig problematisch – im Gegenteil: Kinder können davon profitieren, verschiedene Perspektiven kennenzulernen und daraus eigene Vorstellungen zu entwickeln.

Wichtig ist jedoch, dass auch Großeltern nicht den Eindruck vermitteln, dass Zuwendung oder Anerkennung an Leistung gekoppelt ist, da dies ebenfalls Druck erzeugen kann.

schauvorbei.at: Welche Anreize kann man Kindern, abgesehen von Zeugnisgeld, noch geben?
Sarah Enzenhofer-Glaser: Ich glaube, der größte Anreiz für Kinder liegt darin, zu spüren, dass sie ihr eigenes Handeln mitgestalten können. Wenn sie erleben, dass ihre Entscheidungen etwas bewirken, wächst in ihnen ein Gefühl von Verantwortung und innerer Stärke.

Die Gewissheit, die eigene Zukunft beeinflussen zu können, und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten – „Ich kann etwas bewirken“ – sind neben bedingungsloser Liebe wohl die wertvollsten Geschenke, die wir ihnen mit auf den Weg geben können.

schauvorbei.at: Vielen Dank für das Gespräch!

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