Vor mir parkt ein edler Rolls-Royce neben einem luxuriösen Bentley, auf der anderen Straßenseite stehen ein Aston Martin, ein Lamborghini und ein Ferrari: In Mayfair werden Klischees wahr. Alleine an den Autos merkt man, wer hier zwischen Hyde Park, Picadilly, Oxford und Regent Street wohnt: die Reichen und Superreichen. Der zur City of Westminster gehörende Stadtteil Mayfair überwältigt einen mit allen denkbaren Superlativen und macht bereits auf den ersten Blick seinen Ruf als eine der exklusivsten Gegenden der Welt alle Ehre.
Im Reich der Grosvenors
Dabei war hier mal alles Sumpf, bis ins 17. Jahrhundert hinein. Dann kam die Adelsfamilie Grosvenor und schuf hier mit prächtigen Bauten eine luxuriöse Heimat für den Adel. Die Grosvenors sind heute noch eine der reichsten und einflussreichsten Familien Großbritanniens. Der 35-jährige Hugh Grosvenor, 7. Duke of Westminster, erfreut sich eines riesigen Immobilienimperiums im Herzen von London – im Wert von geschätzt mehr als zehn Milliarden Pfund. In Mayfair ist der größte Platz genauso wie gleich mehrere Straßen und Gassen nach den Grosvenors benannt.
Der Stadtteil ist geprägt von Luxus-Shopping-Adressen wie Bond Street, Burlington und Royal Arcade oder der Genusshochburg Fortnum & Mason, von Kultur-Hotspots wie der Royal Academy of Arts oder der Wallace Collection, noblen Botschaften, prächtigen Konzernzentralen – und von einigen der exklusivsten Hotels der Metropole an der Themse.
Kronjuwel der Hotels
Unter diesen sticht besonders das traditionsreiche Claridge’s hervor. Hier nächtigte schon immer das Who’s who der Prominenz. Der Hollywoodstar Spencer Tracy soll einmal gesagt haben: „Wenn ich eines Tages sterbe, möchte ich nicht in den Himmel, sondern ins Claridge’s.“ Es geht aber auch so, und Stars von Audrey Hepburn über Elizabeth Taylor und Brad Pitt bis hin zu Mick Jagger waren und sind vom edlen Hotel an der Brook Street begeistert.
Hier empfangen einen an der originalen Art-déco-Drehtür aus dem Jahr 1929 livrierte Doormen mit einem Lächeln und feinem Humor. Diese gelassene, alles andere als steife Stimmung setzt sich fort, betritt man das 1812 gegründete Hotel. Sein Style ist angesichts mehrerer Bauetappen eine besondere Mischung aus viktorianischer Architektur und bezauberndem Art-déco-Glamour, veredelt mit exklusiver moderner Kunst.
Tradition und Moderne
Dabei stechen vor allem Werke des Briten Damien Hirst, einem der teuersten Künstler der Welt und Freund eines Vorbesitzers des Hotels, hervor: von einem bunten Glasdach über dem prächtigen Stiegenhaus bis zu raren Werken, die mir der deutsche Hoteldirektor Thomas Kochs bei einem Rundgang zeigt. Wir betreten das wohl aufregendste Penthouse der Stadt am Dach des Hotels: 1.500 Quadratmeter groß, mit einem 360-Grad-Blick über die Skyline von London, rotierendem Sofa, beleuchteter Bar aus Baccarat-Kristall, Pool und stylishem Glashaus mit Klavier. Nicht zu vergessen: jede Menge Werke von Damien Hirst mit einem Versicherungswert von 70 Millionen Pfund. Wer sich hier einmietet, zahlt für eine Nacht mehr als andere für einen sehr guten Mittelklassewagen.
Kein Wunder, dass das Claridge’s im Vorjahr laut eines weltweiten Rankings von „The World’s 50 Best Hotels“ zum besten Hotel im Vereinigten Königreich gekrönt worden ist und weltweit Platz 16 belegt. Das Claridge’s ist aber mehr als ein außergewöhnliches Hotel, „es ist einfach ein Nationalheiligtum“, erzählt Thomas Kochs. Neben 267 außergewöhnlichen Zimmern und Suiten bietet das Hotel zwei Restaurants, unter denen das Dante Mayfair mit einer exquisiten Küche im New-York-Style hervorsticht. Von den drei Bars ist das Fumoir ein wahres Juwel, speziell für unvergessliche Abende, und die Claridge’s Bar eignet sich perfekt für Feierlichkeiten aller Art. Nicht zu vergessen der prestigeträchtige Ballroom, an dem die Society bei zahlreichen Festivitäten Freude hat. Fast jeder aus der gehobenen Gesellschaft Londons hat etwas mit dem Hotel zu tun. Während die einen hier standesgemäß Hochzeit gefeiert haben, wickeln andere im Claridge’s ihre Geschäfte ab. Zum Beispiel im zentralen, spiegelgeschmückten Saal des Hauptrestaurants, wo gerade der traditionelle Afternoon Tea stattfindet. Dieses Erlebnis darf man sich nicht entgehen lassen, denn nirgendwo hat diese Zeremonie mehr Flair als hier.
Im Claridge’s mischt sich die Gesellschaft von Gästen aus aller Herren Länder mit Londoner Lords und Ladys, für die das Hotel schon seit ewig zum zweiten Zuhause geworden ist. Mit etwas Glück erspäht man auch Stars und Celebritys, denn hier gehen zum Beispiel alle Designer mit Rang und Namen ein und aus. Selbst der höchste Adel – früher die Queen und heute William und Kate – gibt sich an diesem traditionsreichen Ort mitten in Mayfair immer wieder ein Stelldichein, sodass er scherzhaft auch „Nebengebäude des Buckingham Palace“ genannt wird.
Das Claridge’s gehört heute zum Luxushotelbetreiber Maybourne der katarischen Königsfamilie, der neben zwei feinen Adressen in Beverly Hills und an der Côte d’Azur drei weitere Prachthotels im Herzen von London besitzt: das 1917 eröffnete The Connaught, The Berkely sowie das supermoderne The Emory, Londons erstes reines Suitenhotel, dem als Kontrapunkt zum historischen Claridge’s mein nächster Besuch gilt.
Begehrter Parkblick
Es ist ein kleiner Spaziergang vom einen zum anderen Hotel, entlang der berühmten Park Lane am Rand des Hyde Parks, vorbei am Triumphbogen Wellington Arch und die Straße Knightsbridge hinauf. Wir befinden uns hier am Rand des Stadtteils Belgravia, eine nicht viel weniger wohlhabende Gegend als Mayfair. Zum Glück hat The Emory mit seinen riesigen Glasfronten ein ikonisches Aussehen, denn sonst würde man den Eingang nur schwer finden. Das liegt daran, dass dieses vor zwei Jahren eröffnete Maybourne-Hotel größten Wert auf maximale Privatsphäre legt. Der kleine, versteckte Empfang bietet ein diskretes Ankommen, bevor man das Bauwerk der renommierten Architekten Richard Rogers und Ivan Harbour erkunden kann.
Egal, welche der 61 luxuriösen Suiten man bewohnt: Man sollte unbedingt Etagen-Hopping betreiben, denn im Hotel haben sich gleich mehrere namhafte Designer verwirklicht: von Pierre-Yves Rochon über Alexandra Champalimaud und Patricia Urquiola bis zu André Fu. Das spektakuläre, 300 Quadratmeter große gläserne Penthouse – ohne ein solches kommt natürlich ein Luxushotel nicht aus – stammt von den Zeichenbrettern des preisgekrönten britischen Studios Rigby & Rigby. Der französische Interior Designer Rémi Tessier, der für luxuriöse Innenausstattungen von Superjachten, Privatjets und exklusiven Residenzen bekannt ist, gestaltete wiederum unter anderem das Restaurant „abc kitchens“.
Nachdem sich The Emory des begehrten Blicks auf den grünen Hyde Park rühmt, geht es jetzt hinauf zu The Emory Rooftop Bar. Die exklusive Zigarren-Lounge lasse ich links liegen und mich lieber von der Bar selbst beeindrucken. Wie ein schwebender Glaskasten thront sie auf dem Gebäude. Hier sieht man die Stahlträger an der Front hautnah, die mich an schlanke Hafenkräne erinnern. Sie sind kein reines Gestaltungselement, sondern auch für die Statik und das Abfedern von Bewegungen wichtig, die durch die U-Bahn-Züge der Piccadilly Line einige Meter unter dem Hotel hervorgerufen werden. In einem bequemen Fauteuil oder draußen auf der Terrasse genießt man einen Drink des legendären argentinischen Barkeepers Renato „Tato“ Giovannoni und erfreut sich an einem wahrhaft einzigartigen Panoramablick. Dieser reicht nicht nur über den Hyde Park, die grüne Lunge der Stadt, sondern auch bis zur Londoner Skyline einschließlich der Wahrzeichen Big Ben, St. Paul’s Cathedral, The Shard und London Eye.
Während sich am Dach vom The Emory zugeprostet wird, stehen gleich vier unterirdische Hotelgeschoße ganz im Zeichen der Gesundheit. Im Club Surrenne Belgravia, wo die normale Jahresmitgliedschaft 10.000 Pfund kostet, erwarten Hotelgäste unter anderem kostenfrei ein 22 Meter langer Pool, Saunen, ein 24-Stunden-Gym und Londons erstes Studio der US-Fitnesstrainern Tracy Anderson, auf die Stars wie Jennifer Lopez, Gwyneth Paltrow und Victoria Beckham schwören, und das trotz härtester Trainingsbedingungen mit einer Raumtemperatur von 38 Grad Celsius und mehr als 70 Prozent Luftfeuchtigkeit. Aber The Emory hat eine süße Belohnung auf Lager: Im Gang zum Nachbarhotel The Berkeley bietet der berühmte französische Patissier Cédric Grolet exquisite, kunstvolle Früchtedesserts und feines Gebäck an. Die Warteschlangen bei seinen Pariser Boutiquen sind angeblich so lang, dass man schneller an die Köstlichkeiten des Starkonditors kommt, wenn man mit dem Zug von Paris hierher nach London fährt.




