Ein echter Wiener geht nicht unter. „Owa a g’scheida Burgenlandler a ned!“ So stellt man sich einen typischen Satz von Charakter Joseph Muckstein aus der Serie „Crooks“ vor. Dabei fragt man sich, wie viel reine Schauspielkunst ist und was davon zu Christoph Krutzler im realen Leben gehört. Tatsächlich mehr, als man glaubt. Denn die Rolle wurde eigens für den gebürtigen Südburgenländer geschrieben und mit vielen biografischen Elementen aus dem Leben des 48-Jährigen gestaltet. Das Apfelsaftpressen zum Beispiel gehört definitiv zu diesen Fun Facts.
schauvorbei.at: Die zweite Staffel von „Crooks“ ist vor Kurzem erschienen. Wie viel Joseph Muckstein steckt in Christoph Krutzler?
Christoph Krutzler: Wahrscheinlich hundert Prozent, weil alles von mir kommt. Es ist die Kunst des Schauspielens, einen Teil von sich selbst miteinzubeziehen. Das ist der Beruf, den ich erlernt habe. Hilfreich ist, wenn man gewisse Überschneidungen mit der Rolle hat, um es gut rüberzubringen.
Ich sehe mich in erster Linie als Handwerker und weniger als Künstler. Jeder, der einen kreativen Prozess in Gang setzt, gibt etwas von sich her. Ansonsten ist das Schauspiel nicht gut. Es gibt viel Schlechtes, was unter dem Label Kunst läuft. Wenn man genau hinsieht, spürt und erkennt man es.
Zum Beispiel hatte ich bei der Besetzung meines Theaterprojekts im Burgenland Schwierigkeiten, weil mir einige abgesagt haben. Sie meinten, sie können diesen Charakter nicht spielen – auch erfahrene Schauspieler. Ich habe das komplett verstanden. „Wenn du sagst, das bist du nicht, dann verstehe ich das“, meinte ich. Entschuldigt habe ich mich sogar dafür! (lacht)
Bei „Crooks“ war es aber eigentlich genau umgekehrt. Der Drehbuchautor Marvin Kren hat die Rolle für mich geschrieben. Wir arbeiteten das erste Mal beim zweiten burgenländischen Landkrimi zusammen. Damals spielte ich die zweite Hauptrolle neben Brigitte Kren, Marvins Mutter. Sie spielt bei „Crooks“ die stumme Margot. Da ich mich so gut mit ihm verstanden habe, wollten wir gemeinsam weiterarbeiten.
Bald darauf kam die erste große österreichische Netflix-Serie „Freud“. Auch dorthin hat Marvin mich mitgenommen. Irgendwann sagte er: „Ich hätte dich gerne in einer Netflix-Produktion als Hauptrolle.“ Ich antwortete: „Na, dann schreib doch eine! Du bist der Autor.” Das tat er dann. (schmunzelt) Deswegen hat er sehr viel aus meinem Leben genommen, quasi „gestohlen“.
Zum Beispiel die Apfel-Geschichte: Ich presse tatsächlich Apfelsaft im Südburgenland. Als wir damals „Grenzland“ drehten, verarbeitete ich nach Drehschluss meine Äpfel. Ich nahm den Saft ans Set mit und wir tranken ihn gemeinsam beim Mittagessen. Ganz nach dem Motto: „Schaut’s, was ich die letzten Tage fabriziert habe!“ Marvin und andere waren große Fans. Er ist mittlerweile einer meiner Stammkunden.
schauvorbei.at: Dachten Sie von Anfang an, dass die Serie eine große Nummer wird?
Christoph Krutzler: Damit, dass die Serie so einschlagen wird, hat bei der ersten Staffel sicher niemand gerechnet. Nicht einmal der Drehbuchautor. Wir haben große Produktionen in den internationalen Rankings verdrängt. Zum Beispiel die Serie „The Gentlemen“ von Guy Ritchie. International lagen wir auf Platz zwei. Es war ein wirklich großer Erfolg. Jetzt läuft es auch gut, aber die Staffel ist noch nicht lange genug draußen, um valide Zahlen für die Erhebungszeiträume zu haben.
Manche Kollegen checken jeden Tag die Zahlen am Handy, gleich nach dem Aufstehen. Ich denke: „Meine Arbeit ist erledigt. Jetzt kann ich nichts mehr machen.“ Ich schaue einfach, wie es sich entwickelt.
schauvorbei.at: „Crooks“ verbindet viel Spannung mit sehr menschlichen Figuren. Was macht die Serie für Sie besonders?
Christoph Krutzler: Es geht immer um Freundschaft. Da gibt es natürlich die zwischen Charlie und Joseph. Aber auch andere Figuren haben skurrile Arten bzw. Ausläufer davon. Zum Beispiel die zwischen Zwanzger und Rio. Das ist wahnsinnig lustig. Ich liebe beide Schauspieler. Georg Friedrich und Lukas Watzl sind großartig. Wahrscheinlich zwei der besten Schauspieler, die wir in Österreich haben.
Mir gefällt auch, wie wir die menschliche Ebene umgesetzt haben. Es gibt keine gestelzten Dialoge. Auf Zuschauerebene merkt man, dass wir nichts ablesen. Wir reden in der Serie so, wie Menschen im echten Leben sprechen. Marvin lässt uns dabei viel Freiheit. Deswegen arbeiten wir so gut als Schauspieler zusammen.
Allerdings muss man improvisieren können. Wir arbeiten im Prinzip am Text. Nichts ist wortwörtlich so niedergeschrieben. Wir kennen die Situation und fragen uns dann: „Was will die Szene?“, „Wo kommen wir her?“, „Was soll passieren?“ und „Wohin gehen wir?“. Dann lassen wir es einfach fließen. Die besten Sätze entstehen in genau solchen freien Situationen.
Diese Herangehensweise ist etwas, das die Arbeit mit Marvin besonders macht. Es gibt zwar Regisseure auf internationaler Ebene, die so arbeiten wie er, häufig erfährt man aber vom Gegenteil, von extrem kontrollierenden Regisseuren, die jedes Wort auf die Goldwaage legen und es auch so hören möchten.
Es gibt eben Unterschiede zwischen Regisseuren und Regie-Dienstleistern, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk verpflichtet sind. Viele denken sich, sie machen es exakt nach den Vorgaben der Redakteure. Dann bekommen sie eine römische eins für das Projekt und dürfen eine neue Serie machen. Aber ganz ehrlich: Die Bücher können nie so gut sein wie das, was frei gespielt wird. Deswegen machen manche Weltkarriere und andere nicht. Es ist eine Entscheidung, ganz einfach. – Ja, so einfach ist es dann doch nicht, wenn ich darüber nachdenke. (lacht)
schauvorbei.at: Gibt es eine Szene in der neuen „Crooks“-Staffel, die Ihnen besonders viel Spaß gemacht hat?
Christoph Krutzler: Die Serie ist sehr abwechslungsreich, deswegen ist jeder Drehtag etwas ganz Besonderes.
Ich weiß noch, als wir in der ersten Staffel am Potsdamer Platz drehten. Wir wollen den Geldkoffer holen, müssen dann aber schnell abhauen, weil die Polizei dort war. – Mist! Wir sitzen also im Auto, ich fahre, rechts von mir sitzt Freddy, hinter mir Georg und schreit: Nein! Wir alle schreien.
Der Dreh war ein Wahnsinn. Allein deswegen, weil das Fahrzeug geriggt wurde. Das bedeutet, es wurde auf einen extrem niedrigen Anhänger aufgeladen, sodass es aussieht, als würde ich selbst auf der Straße fahren, aber ich tue selbstverständlich nur so. Man wird quasi abgeschleppt, ohne dass man es auf der Kamera sieht. So sind wir durch Berlin gefahren. Die ganze Szene war komplett improvisiert.
Freddy und Georg sind klasse Schauspieler, aber sie haben nicht die beste Aussprache. Das genuschelte Wienerische und das in den Bart gesprochene Deutsche – du verstehst die beiden Hunde einfach nicht.
Irgendwann unterbricht der Regisseur und sagt: „Super! Das war großartig, Leute! Noch einmal genau so! Aber könnt ihr mal ein bisschen klarer sprechen?“ Dann kommt Georg von hinten und sagt: „Ja, genau Christoph! Jetzt red mal ein bisserl deutlicher.“ Wir haben Tränen gelacht.
Es gab generell vieles, das mich amüsiert hat. Aber es steckt auch viel harte Arbeit darin. Ich hatte zum Beispiel monatelang jeden Tag Box-Training mit den Stuntmen, auch an meinen freien Tagen. In Bangkok war es besonders heftig. Dort hatte ich viele große Kämpfe mit jungen asiatischen Männern, die extrem trainiert waren. Die Hitze hat es noch einmal brutaler gemacht. Aber ich sagte selbst: „Das ist meine Lebensversicherung. Wenn ich dorthin gehe, so fit wie nur irgendmöglich, dann komme ich auch gesund wieder heim.“ So ging sich das für mich gut aus.
schauvorbei.at: Sie machen alle Stunts selbst. Was war der beste?
Christoph Krutzler: Kampfchoreografien zu proben dauert sehr lange. Solche Dinge muss man lernen und üben.
Zum Beispiel der Muay-Thai-Kampf in der zweiten Staffel. Dafür übten wir drei Monate. Glücklicherweise war einer von der Crew Stuntkoordinator aus dem 16. Bezirk. Mit ihm habe ich mich drei Mal in der Woche im Boxstudio getroffen. Nachdem ich von ihm die Choreos gekannt habe, entwickelten wir einige Sachen gemeinsam und übten miteinander. Wir boxten auch tatsächlich und haben nicht nur so getan. Das hat geholfen, die Abläufe auch bei langen Kämpfen intus zu bekommen. Man muss sie immer im Kopf haben – und dann soll es auch noch gut aussehen. (lacht) Man schlägt vorbei, muss aber trotzdem mit Vollgas „aufreiben“.
Der eine Schauspieler war ein massiger, tätowierter Typ, hatte aber nicht so eine gute Körperkoordination. Deswegen hat er mir manchmal eine geschmiert. Ihm hat es sehr, sehr leid getan. Ich hab dann aber immer nur gemeint: „Passt scho’!“ Wie wir Österreicher das eben so machen. (lacht) Ein anderer war so mager, dass, wenn er mir aus Versehen einen Fußtritt gab, ich das gar nicht spürte. Ich fand’s lustig. (schmunzelt)
schauvorbei.at: Ihre Karriere begann beim Theater. In welcher Form hat das Ihr Spiel vor der Kamera beeinflusst?
Christoph Krutzler: Auf der Bühne kannst du die Dinge nur ein Mal machen und nicht nach noch einem Take verlangen. Es muss jedes Mal funktionieren. Das lernt man bereits in der Ausbildung. Wir Theaterschauspieler haben eine andere Körperbeherrschung als jene vom Film. Das hat mir geholfen.
Generell sind es aber zwei verschiedene Berufe. Das ist in etwa so, als würde man einen Zimmermann mit einem Tischler vergleichen. Beide arbeiten zwar mit Holz, aber jeder auf seine eigene Weise. Vor der Kamera muss man anders spielen als auf der Bühne. Es ist weniger expressiv, aber nicht weniger ehrlich. Dabei handelt es sich einfach um unterschiedliche Ausdrucksformen.
Des Öfteren habe ich Angst, dass ich zu viel von diesem überschwänglichen Theaterschauspiel in meine Filmrollen mitnehme. Manchmal mache ich dann gar nichts. Dann bekomme ich vom Regisseur liebevoll eine auf den Deckel. Umgekehrt: Wenn ich lange an einem Film arbeite und dann Theater spiele, merke ich, dass ich zu leise bin. Denn dort muss man mit der Stimme einen Saal füllen. Aber es pendelt sich immer wieder ein.
schauvorbei.at: Sie sind künstlerischer Leiter der Sparte Erwachsenentheater der Kulturzentren Burgenland. Was bedeutet Ihnen diese Aufgabe?
Christoph Krutzler: Wenn man in die Ferne gegangen ist und Erfahrungen gesammelt hat, dann ist es eine Pflicht, wieder heimzukommen und das Erlernte weiterzugeben. Wenn man nicht mit der Heimat verbunden ist, dann ist das natürlich egal. Aber wenn du dein Land magst, dann geh hin und gib etwas zurück.
Ich bin Burgenländer, und als solcher in diesem Bundesland arbeiten und Kunst machen zu können, ist etwas Fantastisches. Menschen ins Boot zu holen und eine gewisse Sensibilität für Kultur zu schaffen, ist für mich das Wichtigste. Ich mache Stücke außerhalb des Theatersommers und der Festspiele von September bis Juni. Das bedeutet, es ist für jene Besucher, die in einem gewissen Radius wohnen. Dazu gehören auch benachbarte Bundesländer oder auch Ungarn.
Es ist mir wichtig, immer bei den Vorstellungen und Gastspielen anwesend zu sein und mit den Menschen zu sprechen. Fragen, die mich interessieren, sind: „Was gefällt euch?“, „Gibt es Dinge, die wir nächstes Jahr anders machen sollen?“, „Was beschäftigt euch im Leben?“ oder einfach nur: „Wie geht’s euch?“ und ein saloppes: „Was tut sich?“.
Im Theater steht der Dialog im Mittelpunkt. Das, was „on stage“ zwischen den Schauspielern passiert, ist uninteressant. Wichtig ist die Kommunikation zwischen Bühne und Zuschauerraum.
Aus diesem Grund sind die Besucher für einen gelungenen Abend genauso mitverantwortlich wie wir. Wenn ihnen langweilig ist, dann spürt man das. Dann kommt von mir auch weniger und es kommt zu einem Abfall. Das Ganze funktioniert aber auch anders herum und kann sich auch aufschaukeln. Selbst wenn man als Schauspieler nur die erste Reihe aufgrund der Scheinwerfer sieht, fühlt man dennoch immer die Atmosphäre im Raum.
schauvorbei.at: Derzeit arbeiten Sie an Eigenproduktionen. Warum haben Sie „Nincshof“ gewählt?
Christoph Krutzler: „Nincshof“ ist ein wunderbar lustiger Roman von Johanna Sebauer über das Burgenland. Die Geschichte ist bewegend und liebevoll erzählt. Dabei ist sie dennoch sozialpolitisch und gesellschaftskritisch. Man sieht, was sich unter der Fassade befindet. Die Autorin hat dafür sogar den Publikumspreis beim Bachmannwettbewerb gewonnen. Das ist schon ein großes Ding!
Ich habe einen guten Dramaturgen gefunden, Fabian Pfleger. Letztes Jahr schrieb er die Dialogfassung von „Eine Nacht in Venedig“ an der Volksoper. Seine Produktionen haben ein sehr hohes Niveau. Die Inszenierung wird also toll!
schauvorbei.at: Wie werden Sie „Faust“ umsetzen?
Christoph Krutzler: „Faust“ wird auf jeden Fall nicht so gespielt werden, wie man ihn gewohnt ist. Solche Klassiker bestehen aus viel Handwerkszeug wie dem Blankvers und teilweise Balladen. Aber ich finde es vollkommen legitim, die Sprache in die heutige Zeit zu versetzen. Wahrscheinlich wird es sogar eine Mischung aus dem Historischen und dem Zeitgenössischen. Heutzutage kann man Dinge auch anders illustrieren, zum Beispiel mit Videos. Wären Goethe diese Mittel zur Verfügung gestanden, dann hätte er sie wahrscheinlich auch eingesetzt. (schmunzelt)
Der Regisseur arbeitet noch an der Fassung. Die Premiere wird im Jänner nächsten Jahres sein. Das heißt, wir haben noch ein bisserl Zeit. Aber es wird zwei Versionen geben. Eine für Erwachsene, FSK 18, und eine für Schulen.
Bei solchen Stücken geht es immer um die ganz großen Fragen. Genauer gesagt: die existenziellen Fragen der Menschheit. Aus diesem Grund ist Faust eine zeitlos-moderne Figur, die nach Glück und Erfüllung strebt. Dabei ist er ruhe- und rastlos und reißt jeden in seiner Umgebung ins Verderben. Er korrumpiert Menschen, lügt – das geht bis zum Kindstod.
Zum Schluss können sich die Zuschauer bei uns entscheiden, ob sie mit Gretchen oder mit Faust und Mephisto ziehen wollen. Dieser Ausgang wird Reflexion von den Zuschauern verlangen. Das ist für mich dialogisches Theater.
schauvorbei.at: Was ist für Sie das Besondere an Theater?
Christoph Krutzler: Kein anderes Medium – Film oder Video – kann das, was Theater kann. Es ist konkurrenzlos und geht mit der Zeit. Zum Beispiel Streaming im Vergleich dazu. Ich habe einige Anbieter abonniert, weiß dann aber nie, was ich mir ansehen soll. Es ist Overload in seiner reinsten Form, selbst wenn es viele gute Serien gibt. Ich möchte die Menschen abholen. Auf die Art: „Kommt’s, runter von der Couch! Geh’ ma gemeinsam ins Theater und beschäftigen uns gemeinsam mit ’nem Thema.“
Im Vorwort unseres Jahresspielplans habe ich sinngemäß geschrieben: „Wir haben uns auf eine Lüge geeinigt. Darauf, dass wir nur so tun als ob – auf falsche Gefühle. Ihr alle wisst es, und daruch findet man eine eigene Wahrheit.“ Ich verspreche, dass man am Ende etwas mitnehmen kann. Die reine Wahrhaftigkeit, mit der die Zuschauer gehen oder mit der wir vielleicht gemeinsam bleiben und uns darüber unterhalten: Das ist das, was Kunst kann.
Anders als das, was wir durch KI erleben. Wo man sich oft nicht sicher ist, ob es gefaket ist. Früher bin ich davon ausgegangen, dass etwas stimmt, wenn es in der Zeitung steht. Meine Frau und ich haben gemeinsam ganze 15 Tages- und Wochenzeitungen abonniert. Abseits von Qualitätsmedien ist man oft mit Fake News konfrontiert. Dort möchte man aber eigentlich nicht belogen werden, und ich denke, das ist der Fehler.
Übrigens: Ich werde immer mehr zum Musiktheaterfan. Ich hatte früher wenig Zugang zur Oper, weil sie mir zu abstrakt ist. Für einen Schauspieler muss alles dramaturgisch logisch sein. Beispielsweise, wenn sie in der Staatsoper im dritten Akt singen: Wenn sie sich noch nie gesehen, aber bereits vor einer Stunde miteinander geträllert haben, dann fand ich das nicht nachvollziehbar.
Es ist nicht alles schlüssig, aber es hat eine ganz andere Qualität. Ein Mal im Jahr fahre ich mit meiner Frau und meiner Schwiegermutter zu den Salzburger Festspielen und wir sehen uns mindestens eine große Opernproduktion an. Dort gastiert die absolute Weltspitze an Musikern, Sängern, Dirigenten und Regisseuren. Das Gefühl, das man für zwei oder drei Stunden bekommt, hält ein halbes Jahr an. Ich fühle es in mir und es beschäftigt mich. Auch wenn ich nicht genau benennen kann, was es ist.
Bei Theaterstücken ist es ähnlich, aber es dauert nicht so lange an. Deswegen sollte man öfter hingehen. (zwinkert) Bei Kabaretts ist es nicht so und bei Filmen schon gar nicht. Da lachen die Zuschauer vielleicht einen Moment, aber es verfliegt sofort wieder.
schauvorbei.at: Wie erleben Sie die aktuelle Entwicklung der Film- und Serienlandschaft, insbesondere, was Österreich betrifft?
Christoph Krutzler: In dieser Sparte stehen wir vor einem riesigen Umbruch und niemand weiß, wo es hingeht. Algorithmen berechnen, welche Serien produziert und fortgesetzt werden. Die Datenmengen, die Supercomputer verarbeiten, sind enorm. In zehn Jahren wird alles ganz anders sein.
Ich finde, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen keine fiktiven Sachen wie Serien mehr entwickeln sollte, weil sie nicht schnell genug sind. Letztlich haben sie auch nicht die Mittel, um die Qualität zu liefern, die die Menschen gewohnt sind.
Je mehr gedreht wird, desto mehr soll alles nach Hollywood aussehen, auch bei „Crooks“. Wir hatten eine Spezialkamera für ein, zwei Tage. Die Miete kostet 50.000 Dollar am Tag. Solche Summen werden sich irgendwann einpendeln, aber das wird noch dauern.
Öffentlich-rechtliches Fernsehen hat einen Bildungsauftrag im Sinne von guten Dokumentationen. Diese waren immer qualitativ hochwertig. Da wiederum konnten Privatsender nie mithalten. Dazu kommt Berichterstattung mit Nachrichten. Das ist wichtig. Unterhaltung sollte meiner Meinung nach aber in der Streaminglandschaft liegen. Dort wird es wahrscheinlich auf eine gewisse Hegemonie hinauslaufen, wenn Netflix, Apple oder ein anderer großer Anbieter alle anderen aufkauft.
Außerdem werden neue Medienformen dazukommen. Virtual Reality wäre so eine, bei der ich mir vorstellen könnte, dass sie vieles im Sektor „Unterhaltung in den eigenen vier Wänden“ verändert.
Zum Beispiel bin ich ein Geist im Prater. (schmunzelt) Ja, wirklich! Dort spiele ich ein Gespenst in der Geisterbahn. Ich wollte vor einigen Jahren unbedingt mit 3D-Kameras arbeiten und wissen: „Wie funktioniert das?“ Der Dreh dauerte zwei Tage. Die Rechnungsleistung ist enorm. Wenn man einen Film dreht, wird alles auf Speicherkarten gesichert. Man drückt auf Stopp, kann zurückspulen und sich alles sofort nochmal ansehen.
Bei einer 360-Grad-Ansicht dauerte es damals eine Viertelstunde, bis man wieder auf Play drücken konnte, weil es so lange alles komprimierte. Heute sind die Computer sicher schon leistungsfähiger.
Dennoch: Theater wird letzten Endes bleiben. Es ist unsterblich. Ich glaube nicht, dass KI ein perfektes Drehbuch generieren kann. Sie leistet nicht das, was verkauft wird. Ist sie toll? Ja. Aber meiner Meinung nach braucht es für Kreativität den Menschen.
schauvorbei.at: Was würden Sie jungen Schauspielern mitgeben?
Christoph Krutzler: Lernt einen g’scheiten Beruf. Es ist so schwierig, wirklich. Altersarmut ist ein großes Thema. Schauspielkunst ist nicht das glamouröse Leben, das man sich vorstellt. Die ein, zwei Mal, wenn wir über einen roten Teppich spazieren, bei einer Bambi-Verleihung eingeladen sind oder auf die Filmfestspiele nach Cannes oder Venedig fahren, sind es nicht wert.
Die schlichte Wahrheit ist, dass man kein regelmäßiges Einkommen hat. Manche wissen manchmal nicht, wie sie ihre Miete zahlen sollen. (seufzt) Es ist nicht einfach, einen Job zu finden, auch wenn die Menschen noch so talentiert sind. Und wenn, ist die Arbeit meist schlecht bezahlt.
Trotzdem finde ich es unumgänglich, dass Kinder und Jugendliche früh an Kultur herangeführt werden. Mein Schwerpunkt als Leiter der Kulturzentren liegt in meiner Sparte auf den Erwachsenen. Aber mir ist wichtig, dass wir mit Schulen zusammenarbeiten und meine Stücke auch für Oberstufen geeignet sind, um den Austausch zu fördern.
Eine kreative Beschäftigung hat viele positive Effekte auf junge Menschen und ein spielerischer Zugang fördert das. Wenn sie Personen sehen, die mit Leidenschaft an die darstellenden Tätigkeiten herangehen, dann kann das etwas in ihnen erwecken.
Dann sehen sie, ob der Beruf wirklich etwas für sie ist, und erwarten nicht schicke Partys und außergewöhnliche Empfänge. Das sind vielleicht 0,001 Prozent davon. Der Hauptteil ist Fensterkitt essen und an Weihnachten und zum Geburtstag gibt es Ketchup dazu. (schmunzelt)
Wenn jemand das Gefühl hat, Schauspieler werden zu müssen, dann wird er das auch tun – so wie ich. Aber ansonsten ist mein Rat: „Lass es.“
Eigentlich hatte ich keine guten Voraussetzungen, um Schauspieler zu werden. Es gab niemanden in meiner Familie aus dem Metier. Nichts hat darauf hingedeutet. Ich war auch nicht gut vorbereitet und hatte keine Ahnung, was ein Regisseur oder Dramaturg tut. Ich las und spielte einfach gerne. Da sieht man, mit wie wenig man auf der Schauspielschule aufgenommen wird. (lacht auf) Aber gut, der Rest steht auf Wikipedia.
schauvorbei.at: Nutzen Sie das Südburgenland, wo Sie aufgewachsen sind, auch heute noch gerne als Rückzugsort?
Christoph Krutzler: Ich wohne in Wien und im Burgenland. Beruflich und auch privat verlagert es sich aber immer mehr nach Kemeten, ins Südburgenland. Meiner Frau gefällt es dort auch recht gut. Seit ich zehn Jahre alt bin, fühle ich mich so, als wäre ich auf einer Reise. Damals kam ich ins Internat. Mit meiner Heimatgemeinde war ich aber immer sehr verbunden. Derzeit ist mein Lebensmittelpunkt noch in Wien, aber vielleicht ziehen wir im Alter ganz dorthin.
schauvorbei.at: Wie schaffen Sie einen Ausgleich zu intensiven Dreharbeiten?
Christoph Krutzler: Apfelpressen ist zwar eine gute Sache, um den Kopf freizubekommen, aber dabei handelt es sich doch um Arbeit. Entspannen kann ich mich in Wien in meiner Wohnung, am besten im Bett. Dort kann ich nach anstrengenden Wochen oder Monaten gut ausschlafen. Am liebsten gleich ein paar Tage. Dann habe ich wieder Energie für Neues.
Meine Hobbys sind zeitaufwendig, was den Wein- und Obstbau belangt. Aber es ist der perfekte Kontrast zu meinem Beruf. Theaterräume sind meist finster und haben künstliches Licht. Im Burgenland bin ich im Freien und tanke frische Luft und Sonnenlicht. Außerdem habe ich meine Ruhe und niemand redet mich deppert von der Seite an. (lacht) Es ist das genaue Gegenteil von meinem Job. Ich denke, das macht ein gutes Leben aus.
schauvorbei.at: Was ist heuer sonst noch geplant?
Christoph Krutzler: Es gibt einige Lesungen in kleiner Runde im Nord- und Südburgenland, damit mich mein Publikum in meiner neuen Funktion kennenlernen kann. Für das Sommertheater habe ich alle Anfragen abgelehnt, weil ich meine Energie für das Burgenland verwenden möchte.
Nebenbei kann ich ein bisschen an anderen Dingen arbeiten, wie zum Beispiel an einem Film. An einem 90-minütigen dreht man einen Monat. Wenn man eine große Rolle hat, sind es vielleicht fünf, sechs Drehtage. Dabei wartet man aber auch viel am Set. Wenn ich meinen Laptop und mein Diensthandy mithabe, geht so etwas fast im Vorbeigehen über die Bühne. Ich habe letzten Monat einen Film mit Simon Schwarz in Kärnten gedreht, und meine Kollegen im Büro in Eisenstadt haben gar nicht bemerkt, dass ich weg war.
Selbstverständlich habe ich für die Präsentation der zweiten Staffel von „Crooks“ die Werbetrommel eifrig gerührt und bin nach Berlin geflogen. Dafür habe ich mir extra Urlaub genommen. Aber das ist dann auch kein Problem.
Mit der Premiere von „Nincshof“ am 15. Oktober, wo ich selbst spielen werde, ist meine Tanzkarte dann sozusagen schon voll (lacht), da ich organisatorisch sehr viel zu tun habe und meine Rolle als Leiter der Kulturzentren sehr ernst nehme.
schauvorbei.at: Wird es eine dritte Staffel von „Crooks“ geben?
Christoph Krutzler: Einige lose Anfragen sind bereits da. Grundsätzlich besteht Interesse und ich hätte per se auch Lust darauf. Man kann über alles reden. Wir wussten auch lange nach der ersten Staffel nicht, ob noch eine zweite kommen wird. Denn auch wenn wir sehr erfolgreich waren und viele internationale Serien überholt haben, sagte der Algorithmus lange Nein.
Das lag daran, dass die Zielgruppe auf 15- bis 21-Jährige ausgerichtet war. Was ein kompletter Blödsinn ist. Ich denke, es ist vor allem eine Serie für Männer wie mich, die in den 80ern mit Schwarzenegger und Stallone aufgewachsen sind. Man wird sehen, was die Zukunft bringt. (zwinkert)
schauvorbei.at: Kommen wir zur Speed-Runde. Lieblingsessen?
Christoph Krutzler: Meistens das, was ich gerade esse – Backhendlsalat. (lacht)
schauvorbei.at: Das Beste am Leben?
Christoph Krutzler: Gesundheit und Menschen, die einen lieben.
schauvorbei.at: Traumrolle?
Christoph Krutzler: Immer die Nächste.
schauvorbei.at: Das Schönste im Sommer?
Christoph Krutzler: Die Ruhe, wenn alle anderen auf Urlaub sind.
schauvorbei.at: Vielen Dank für das Gespräch!


