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Sharenting: Wie sicher sind Kinderfotos im Netz wirklich?

Fotos von unseren Kleinen sollen eigentlich nur eines: schöne Momente festhalten. Doch sobald die Bilder online geteilt werden, lässt sich kaum noch kontrollieren, wer sie sieht, speichert oder weiterverwendet. Matthias Jax von Saferinternet.at erklärt, warum Eltern beim Posten besonders vorsichtig sein sollten, welche neuen Risiken Künstliche Intelligenz mit sich bringt und wie sich wertvolle Erinnerungen sicher festhalten und teilen lassen.
© Getty Images

Der Sohn plantscht zum ersten Mal im Pool, der Vater zückt das Handy, und Minuten später ist der Moment für Familie und Freunde im Netz sichtbar. Was früher im Fotoalbum verstaubte, landet heute in Sekundenschnelle in einer Instagram-Story oder einem Facebook-Posting. Für dieses Phänomen gibt es sogar einen eigenen Begriff: Sharenting, ein Kofferwort aus „Share“ und „Parenting“, das beschreibt, wie Eltern (oder andere Familienmitglieder) das Leben ihrer Kinder öffentlich dokumentieren, oft ohne, dass die Kinder gefragt wurden. Matthias Jax, Projektleiter bei saferinternet.at, kennt diese Alltagssituationen genau. Uns erklärt er, wo dabei die eigentlichen Gefahren liegen.

schauvorbei.at: Welche Risiken gehen Eltern ein, wenn sie Fotos ihrer Kinder auf Social Media teilen?
Matthias Jax: Das Bedürfnis, schöne Momente mit Familie und Freunden zu teilen, ist völlig nachvollziehbar, ich kenne es als Vater zweier Töchter selbst gut. Leider liegt die größte Herausforderung darin, dass man sein Gegenüber selten wirklich kennt, sobald ein Bild einem größeren Kreis zugänglich gemacht wird. Die meisten Menschen verfolgen gute Absichten, doch unter Millionen Nutzerinnen und Nutzern finden sich immer einige wenige, die Aufnahmen missbräuchlich verwenden, sei es durch simples Herunterladen für fremde Zwecke oder durch Deepfakes, bei denen Gesichter auf andere Körper montiert werden.

Grundsätzlich verbietet sich das Teilen dadurch nicht, entscheidend ist vielmehr, wo und mit wem man solche Aufnahmen teilt. Am unbedenklichsten sind Ende-zu-Ende-verschlüsselte Messenger wie WhatsApp oder Signal, weil dort das Gegenüber über die Telefonnummer verifiziert ist und Dritte keinen Zugriff erhalten. Einzelchats oder Familiengruppen eignen sich dafür gut, größere Communities innerhalb solcher Dienste hingegen weniger. Instagram beispielsweise nutzt veröffentlichte Fotos mittlerweile auch für das Training eigener KI-Tools, ein weiterer Bruch der Privatsphäre.

© Franziska Liehl Photography

„Ist ein Bild einmal veröffentlicht, lässt es sich nicht
mehr zurückholen. Als Faustregel gilt daher: Je unbekleideter
oder verletzlicher ein Kind auf einem Bild zu sehen ist, desto
größer das Risiko.“

Matthias Jax, Projektleiter saferinternet.at

schauvorbei.at: Welche Daten werden dabei gesammelt?
Matthias Jax: Häufig unterschätzt wird, dass Fotos Rückschlüsse auf biometrische Merkmale zulassen, auf Augenfarbe, Nasenform oder die Gesichtsgeometrie insgesamt, mit der wir heute etwa Smartphones per Gesichtserkennung entsperren. Diese Merkmale technisch direkt zu missbrauchen ist derzeit kaum möglich, doch ein einzigartiges Gesicht liegt dadurch dennoch offen im Netz. Hinzu kommen Metadaten wie der Aufnahmeort, den viele Plattformen zwar mittlerweile automatisch entfernen, aber eben nicht durchgängig. Besonders deutlich wird das Risiko bei sogenannten Kidfluencern, Kindern, deren Eltern sie online intensiv vermarkten. Dort kam es bereits vor, dass fremde Personen, die ein Kind ausschließlich aus dem Netz kannten, plötzlich vor der Haustür standen. Solche Szenarien bleiben zwar die Ausnahme, sollten Eltern aber bewusst sein, denn der Schutz von Kindern und Jugendlichen wiegt in jedem Fall schwerer als die Reichweite eines Postings.

schauvorbei.at: Wie groß ist die Gefahr, dass ein öffentlich gepostetes Foto von einer KI für Trainingszwecke oder für Deepfakes verwendet wird?
Matthias Jax: Das hängt stark vom Szenario ab. Wird ein Bild auf Instagram gepostet, kann es mittlerweile grundsätzlich für das Training hauseigener KI-Tools des Konzerns genutzt werden. Landet ein Foto dagegen auf einer Schul- oder Kindergartenwebsite, ist die Wahrscheinlichkeit, dass daraus tatsächlich ein Deepfake im Sinne eines vertauschten Kopfes entsteht, gering. Diese konkrete Angst würde ich den Eltern nehmen wollen, denn ein einzelnes Foto liefert schlicht zu wenige Datenpunkte, um daraus verlässlich etwas zu konstruieren, zumal es in der Flut an Bildmaterial im Netz ohnehin untergeht. Ausschließen lässt sich das natürlich aber nie, denn aktuell befinden wir uns bei den KI-Werkzeugen in einer Art Wildwestphase.

schauvorbei.at: Was raten Sie Eltern also ganz konkret? 
Matthias Jax: Grundsätzlich spricht nichts dagegen, schöne Familienmomente online zu teilen. Entscheidend ist die Faustregel: Je öffentlicher eine Plattform, desto weniger erkennbar sollte das Kind sein. Es reicht oft schon, eine Situation so festzuhalten, dass zwar der Kontext klar ist, das Gesicht aber nicht vollständig sichtbar wird, dadurch entsteht niemandem ein Schaden. Bei Instagram-Stories lässt sich die Sichtbarkeit zusätzlich auf einen ausgewählten Freundeskreis einschränken. Für mich persönlich war ein Familienalbum in einer Cloud die pragmatischste Lösung: Ich habe ausschließlich Personen eingeladen, die ich kenne, und teile dort auch Bilder, auf denen meine Kinder eindeutig zu erkennen sind. Ein privater Account allein reicht jedoch nicht aus, um von echter Privatsphäre zu sprechen, denn soziale Netzwerke sind ihrem Wesen nach auf Reichweite und Vernetzung ausgelegt, nicht auf geschützte Kreise.

schauvorbei.at: Viele verdecken Gesichter nachträglich zum Beispiel mit einem Emoji. Ist das ein guter Kompromiss?
Matthias Jax: Ich würde eher schon bei der Aufnahme ansetzen, etwa indem das Kind bewusst nicht in die Kamera schaut oder das Gesicht abgewandt ist, das ergibt ohnehin oft die schöneren Bilder. Ein nachträglich aufgesetztes Emoji wirkt zwar auf den ersten Blick wie ein sinnvoller Schutz, doch das Bild wird dafür meist zuerst vollständig hochgeladen und erst im zweiten Schritt bearbeitet. Wer also auf Nummer sicher gehen will, bearbeitet ein Foto also bereits vor dem Hochladen am Smartphone oder wählt von vornherein eine Situation, in der das Gesicht gar nicht sichtbar ist.

schauvorbei.at: Was können Eltern tun, wenn Großeltern oder andere Familienmitglieder eigenmächtig Fotos posten?
Matthias Jax: Großeltern sind meist einfach begeistert und wollen diese Freude mit ihrem Umfeld teilen. Trotzdem tragen Eltern die Aufsichtspflicht und damit die Verantwortung, ihr Kind zu schützen. Der mangelnden Sensibilität einer älteren Generation muss man dabei nichts vorwerfen, denn auch in der eigenen Generation ist das Bewusstsein dafür längst nicht überall angekommen. Wichtig ist nur, klar zu benennen, dass es eben nicht in Ordnung ist, und diese Auseinandersetzung auch auszuhalten.

schauvorbei.at: In Schulen und Kindergärten werden zunehmend Einverständniserklärungen eingeholt. Wie sinnvoll ist das aus Ihrer Sicht?
Matthias Jax: Das ist eine klare Empfehlung von uns an Bildungseinrichtungen, weil sie damit transparent machen, was mit den Aufnahmen geschieht. Einrichtungen haben grundsätzlich ein berechtigtes Interesse, ihre Angebote zu bewerben, und dürfen dafür auch Veranstaltungen dokumentieren. Bei jüngeren Kindern wird ohnehin zurückhaltender fotografiert. Wichtig ist dabei ein gewisser Pragmatismus: Taucht das eigene Kind unauffällig als Teil eines größeren Veranstaltungsbildes auf, ohne Namen oder Ort dazu, sehe ich darin kein Problem, solange die Situation angemessen bleibt. Eltern haben trotzdem jederzeit das Recht, dem zu widersprechen, und ein offenes Gespräch mit der Leitung klärt in der Regel mehr als eine formelle Beschwerde.

schauvorbei.at: Immer mehr Menschen nutzen KI-Chatbots und laden dafür eigene Fotos hoch. Gilt hier bei Kinderfotos besondere Vorsicht?
Matthias Jax: Unbedingt. Bei Chatbots sollte man grundsätzlich keine Fotos von Dritten hochladen, also auch keine von den eigenen Kindern. Wer eine Enterprise-Version eines solchen Tools nutzt, wird zudem meist ausdrücklich darauf hingewiesen, dass hochgeladene Daten für Trainingszwecke verwendet werden können.

schauvorbei.at: Übernehmen Plattformen wie Meta oder TikTok selbst Verantwortung für den Schutz von Kindern, oder liegt das ausschließlich bei den Eltern?
Matthias Jax: Es gibt durchaus Ansätze, etwa dass bestimmte Inhalte algorithmisch weniger stark verbreitet werden, wie genau das im Detail funktioniert und greift, bleibt aber unklar. Zudem unterscheidet sich der regulatorische Rahmen zwischen Europa und den USA spürbar, was die Verantwortlichkeiten der Anbieter zusätzlich verkompliziert.

schauvorbei.at: Was können Eltern konkret tun, wenn tatsächlich ein Deepfake ihres Kindes im Umlauf ist? Gibt es dafür Hilfsangebote?
Matthias Jax: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Deepfake vom eigenen Kind kursiert, geht gegen null. Kommt es dennoch vor, passiert das meist in geschlossenen Gruppen von Mitschülerinnen und Mitschülern. In einem schulischen Kontext ist der erste Schritt, umgehend die Lehrkraft zu informieren, damit das Thema in der Klasse aufgegriffen werden kann, verbunden mit der klaren Botschaft, dass so etwas nicht in Ordnung ist und von allen Geräten gelöscht werden muss. Ist ein Inhalt öffentlich zugänglich, empfiehlt sich zunächst die Meldung direkt bei der Plattform, die in solchen Fällen meist recht zügig reagiert. Bleibt der Inhalt nach 48 Stunden weiterhin online, ist die Internet Ombudsstelle die richtige Anlaufstelle, dort kennt man die passenden Meldewege genau. Auch saferinternet.at selbst setzt vor allem auf Prävention durch Workshops.

schauvorbei.at: Was raten Sie Eltern, deren Kinder selbst schon aktiv Social Media nutzen?
Matthias Jax: Zwei Dinge liegen mir dabei besonders am Herzen. Erstens die Vorbildwirkung: Kinder orientieren sich stark daran, wie ihre Eltern mit digitalen Medien umgehen. Wird ein Kind etwa gegen seinen Willen fotografiert und das Bild anschließend trotzdem an Oma und Opa verschickt, lernt es dabei unbewusst, dass Grenzen verschiebbar sind, selbst wenn es die eigenen Eltern waren, die das getan haben. Zweitens braucht es eine gewisse Gelassenheit, weil sich ohnehin nicht alles kontrollieren lässt. Der erste Kontakt mit sozialen Netzwerken passiert meist deutlich früher, als Eltern annehmen, über das Familientablet, über Freundinnen und Freunde oder über ältere Geschwister. Entscheidend ist deshalb, früh und offen darüber zu sprechen: Welche Plattform interessiert das eigene Kind, was reizt daran, und lässt sich das gemeinsam erkunden, statt es zu verbieten? Wirkt eine Plattform nach genauerem Hinsehen vertretbar, lohnt es sich, gemeinsam Regeln festzulegen, etwa zu Nutzungszeiten, zum Zugriff oder dazu, wem das Smartphone eigentlich gehört.

schauvorbei.at: Halten Sie die geltenden Mindestaltersgrenzen zwischen 13 und 16 Jahren für wirksam, wenn Kinder sich ohnehin früher anmelden?
Matthias Jax: Das ist derzeit eine hochkomplexe Angelegenheit, gerade weil ein erster Entwurf für ein mögliches Social-Media-Verbot noch aussteht. Die Datenschutz-Grundverordnung erlaubt Kindern ab vierzehn die eigenständige Zustimmung zur Datenverarbeitung, viele US-Plattformen setzen die Grenze aufgrund eigener regulatorischer Vorgaben bei dreizehn an, während sich WhatsApp auf sechzehn festgelegt hat. Diese Bandbreite ergibt sich daraus, dass jedes europäische Land innerhalb eines vorgegebenen Rahmens eine eigene Altersgrenze festlegen darf. Unser Jugend-Internet-Monitor zeigt jedenfalls deutlich, dass Kinder und Jugendliche schon weit vor diesen offiziellen Grenzen aktiv sind. Wie sich das politisch weiterentwickelt, bleibt spannend zu beobachten.

schauvorbei.at: Wie schätzen Sie die Zukunft ein? Werden KI-Unternehmen Schutzmaßnahmen einführen?
Matthias Jax: Aus aktueller Perspektive haben die Anbieter selbst kaum Interesse an zusätzlichen Einschränkungen. Auf europäischer Ebene laufen jedoch bereits Überlegungen, wie KI-Werkzeuge stärker reguliert werden können, gerade im Umgang mit Inhalten von Kindern und Jugendlichen. Mit Spannung blicken wir auf die geplante digitale Ausweiskontrolle der EU, die im Herbst starten soll, und auf die weitere Entwicklung bei der Altersverifikation. Davon dürfte letztlich auch abhängen, wie stark entsprechende Tools künftig eingeschränkt werden, hoffentlich in eine Richtung, die Kinder tatsächlich besser schützt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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